Flüchtlingskrise Bis 2020 braucht’s pro Jahr 400.000 neue Wohnungen

Kein Dauerzustand: Flüchtlinge schlafen nach ihrer Ankunft am Hauptbahnhof München. Foto: dpa

Die Nachfrage ist groß, das Angebot gering. Seit Jahren gibt es kaum noch günstigen Wohnraum in Großstädten. Irgendwo aber müssen die vielen Flüchtlinge hin. Vor allem in München fehlt Platz

 

München/Hamburg/Freiburg Eine Ein-Zimmer-Wohnung unter 500 Euro? In vielen deutschen Metropolen ist das eine Wunschvorstellung. Der Wohnraum ist knapp, preiswerte Bleiben sind schon jetzt schwer zu finden. Menschen mit geringem Einkommen haben oft das Nachsehen. Angesichts der steigenden Zahl von Flüchtlingen werden aber noch mehr bezahlbare Wohnungen gebraucht. Bundesbauministerin Barbara Hendricks schätzte den Bedarf unlängst auf 350 000 neue Wohneinheiten pro Jahr. Eine aktuelle Studie kommt sogar auf 400 000 (siehe weiter unten). Wie also reagieren die Städte auf die wachsende Zahl von Flüchtlingen? Wer kann, will, soll dort so viele neue, günstige Wohnungen bauen?

Da wäre zum Beispiel München. Der Immobilienmarkt zählt seit Jahrzehnten zu den teuersten in Deutschland. In der bayerischen Landeshauptstadt sind auf dem freien Markt praktisch keine Wohnungen unter 10 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete mehr zu bekommen, ein Preis von mehr als 20 Euro ist keine Seltenheit. In den vergangenen Monaten war die Stadtverwaltung damit beschäftigt, kurzfristig neue Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber zu organisieren. Die Schaffung neuer preiswerter Wohnungen, die erst mittelfristig bezogen werden können, drängte angesichts täglich Tausender Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof in den Hintergrund. „Das Flüchtlingsproblem kommt jetzt noch dazu, aber es war ja schon vorher eine Katastrophe“, sagt Anja Franz vom Münchner Mieterverein.

Die Kommune bietet zwar Förderprojekte wie das „München Modell“ an, das Sozialwohnungen für Familien schaffen soll, doch die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum kann damit nicht befriedigt werden. „Das ist auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Ähnlich schwierig sieht es in anderen Metropolen wie Berlin oder Hamburg aus. Aber fehlender Wohnraum ist nicht nur ein Problem von Großstädten.

„Auf dem freien Markt ist für Flüchtlinge kaum etwas zu holen“

In der badischen Universitätsstadt Freiburg ist die Lage ähnlich prekär. Die Stadt im Schwarzwald mit ihren 220 000 Einwohnern ist die am stärksten und schnellsten wachsende Kommune in Baden-Württemberg. „Der Markt brennt“, sagt der Freiburger Immobilienfachmann Wolfgang Grothusmann. „Es gibt eine unheimliche Nachfrage und immer weniger Angebot.“

„Auf dem freien Wohnungsmarkt ist für Flüchtlinge kaum etwas zu holen“, sagt Freiburgs Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD). Die vielen Studenten in der Stadt sowie der Trend zu Luxusimmobilien machen es der Stadt schwer, Flüchtlinge unterzubringen. Und der soziale Wohnungsbau sei seit Jahren vernachlässigt worden, klagt der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen. Nicht nur in Freiburg, überall in der Republik.

Aber es gibt auch Städte, in denen viele Wohnungen und Häuser leerstehen. Weil die Menschen wegziehen, und niemand nachkommt. Wie im niedersächsischen Goslar. Oberbürgermeister Oliver Junk warb hier schon im vergangenen Jahr dafür, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, weil so die seit Jahren anhaltende negative demografische Entwicklung in der Region gestoppt werden könne. Junk hält daran fest: „Angesichts der gegenwärtigen Lage ist mein Vorschlag richtiger als vor einigen Monaten.“

Es gebe reichlich freie Wohnungen, berichten örtliche Makler. So manche Immobiliengesellschaft würde gar nicht mehr alle frei gewordenen Wohnungen sanieren, weil ohnehin kaum Hoffnung auf Wiedervermietung bestehe, sagt etwa der Makler Wolfgang Rosin. Wer in Internetportalen nach einer Bleibe in Goslar sucht, hat eine große Auswahl. Und das zu Preisen, die Großstädter staunen lassen. So gibt es eine Wohnung mit 80 Quadratmetern schon für 300 Euro.

Studie zum Wohnungsbedarf

In den Metropolen fehlen 770 000 Wohnungen

Um den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum bei steigender Zuwandererzahlen zu decken, müssten bis 2020 jedes Jahr 400 000 neue Wohnungen gebaut werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Prognose des auf Stadtentwicklung spezialisierten Pestel-Instituts, die gestern vorgestellt wurde. Von diesen neu zu bauenden Wohneinheiten müssten 80 000 preisgebundene Sozialwohnungen sein. In diesem Jahr würden bundesweit voraussichtlich 270 000 Wohnungen fertiggestellt, davon 120 000 Mietwohnungen.

Der Autor der Studie, Matthias Günther, sagt, er gehe für dieses Jahr von einer Netto-Zuwanderung von einer Million Menschen aus – rund 300 000 EU-Arbeitsmigranten und 700 000 Asylbewerber, die bleiben. Aktuell fehlten in den Ballungsgebieten bereits rund 770 000 Wohneinheiten. Viele Berufstätige wohnten deshalb in Großstädten notgedrungen in WG-Zimmern, sagte Günther.

Junge Erwachsene blieben wegen der Flaute auf dem Wohnungsmarkt unfreiwillig länger im „Hotel Mama“. In den Großstädten sei die Zahl der Quadratmeter pro Kopf in den vergangenen Jahren erstmalig wieder gesunken.

Das Verbändebündnis Sozialer Wohnungsbau, das die Studie in Auftrag gegeben hatte, schlägt vor, den Wohnungsbau durch einen Verzicht auf die Grunderwerbsteuer und die befristete Aussetzung der Grundsteuer für geförderte Wohnungen anzukurbeln. Zudem seien attraktive steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten nötig.

Das Bündnis, dem Verbände der Bau- und Immobilienbranche und der Deutsche Mieterbund angehören, spricht sich außerdem für ein befristetes Aussetzen erhöhter Energieeffizienzauflagen ein, um damit Investoren zu entlasten.

 

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