Festival in Cannes "Aus dem Nichts": Eine Frau auf Rachefeldzug

Diane Kruger als Katja und Numan Acar als Nuri tanzen in einer Szene des Films "Aus dem Nichts" von Fatih Akin. Foto: Warner Bros./Festival de Cannes/dpa

Fatik Akin stellt beim Filmfestival in Cannes seinen Beitrag "Aus dem Nichts" vor und könnte Diane Kruger zu einem Preis verhelfen.

 

Diane Kruger wahrt Würde, lächelt sanft ohne Exaltiertheit. Und auch neben ihr hält der stets lässige Fatih Akin – mit Sonnenbrille in den zotteligen Haaren - an sich: keine triumphalen Gesten. Dabei ist es natürlich eine große Nummer hier im Wettbewerb als eine Art Schlusshöhepunkt gesetzt worden zu sein.

Aber das Thema von "Aus dem Nichts" will nicht recht passen zum aufgekratzten Foto-Call vor Dutzenden rufender Fotografen auf der Festivalterrasse in der Sonne vor dem blauen Meer. Akins Drama behandelt – in direktem Bezug zum NSU – einen Bombenanschlag auf ein Reisebüro in einem Migrantenviertel Hamburgs. Der türkische Ehemann und der gemeinsame Sohn werden getötet. Diane Kruger spielt die hinterbliebene Familien-Frau unter Schock, dann zwischen Leere und Verzweiflung.

Später kommt die Last hinzu, dass im unschuldigen Umfeld ihres Mannes ermittelt wird, aber es gibt Hoffnung auf juristische Gerechtigkeit. Und am Ende sieht man sie auf eigenem Recherche- und Racheweg in Griechenland. Zum Abspann gab es von den Journalisten aus aller Welt viel Applaus für dieses geradlinige, leicht naiv erzählte deutsche Krimi-Drama mit politisch-gesellschaftlichem Hintergrund.

Und Diane Kruger hat sich längst vom Model-Dasein freigespielt, ist im Film eine tätowierte Frau mit Drogenvergangenheit, aber Familiensinn. Sie wird von den Franzosen ohne ihre deutschen Ü-Pünktchen auf dem "u" längst als französischer Star geehrt und hat durch die Intensität ihres Spiels zwischen Zerschmettertsein, Lebenswillen und Handeln gute Aussichten auf die Darstellerinnen-Palme am Sonntag. Fatih Akin beschreibt in einem Interview die innere Motivation für seinen Film. "Ich bin ja in diesem Land geboren und aufgewachsen, es ist damit auch mit mein Land.

Und trotzdem gibt es Leute, die mir den Tod wünschen, einfach weil meine Eltern aus einem anderen Kulturkreis kommen oder weil ich aussehe wie ich aussehe. So etwas beschäftigt mich."
 

Was zeichnet Cannes aus?

Was aber zeichnet Cannes aus – im doppelten Wortsinn? Als Festival erst einmal Stolz und Stilwillen: Smokingzwang am Roten Teppich und einem unausgesprochenen High-Heels-Gebot für die Frauen. Die Cote d’Azur zieht Stars an, die für die langweilige Abgeschirmtheit im Hotel und ewigen Interview-Schlangen mit einer enormen Medienpräsenz belohnt werden: der behauptet jährlich größte Journalistendichte (an die 4.000 Akkreditierte). Und es ist der größte Filmmarkt der Welt, auf dem im Palais du Festival direkt hinter den zwei großen Kinosälen 5.000 Filme und Filmprojekte aus gut 100 Ländern von über 10.000 Messeteilnehmern ver- und gekauft werden.

Wer aber bekommt die Preise? Die Jury ist aber unter anderen mit so gewohnt unterschiedlichen Typen wie den US-Schauspielern Will Smith und Jessica Chastain, dem italienischen Oscar-Regisseur Paolo Sorrentino ("La grande Bellezza") und der Deutschen Maren Ade ("Toni Erdmann") besetzt. Und über alle wacht Jury-Präsident Pedro Almodóvar und dem wird schon – trotz geheimer Sitzungen – eine Vorliebe für einen Film über die Schwulenemanzipationsbewegung in den 90ern nachgesagt – ein französischer Beitrag von Robin Campillo zwischen Agit-Prop gegen Diskriminierung, Aids-Aufklärung, Schwulenliebe und Gay-Pride-Feier.

Ginge es nach den Kritikerstimmen hier, hätte ein russischer Film große Chancen , einen der Hauptpreise zu gewinnen: "Loveless – Lieblos" von Andrej Zwjangintsew – ein Meisterwerk über ein sich grausam trennende Ehepaar, in dessen Mitte der 12-Jährige Sohn zerrieben wird. Psychologisch scharf wurde hier gezeigt, wie eine rein materialistische, tendenziell autoritäre Gesellschaft kalte Menschen hervorbringt.

Der Liebling der Herzen ist aber der bitter-amüsantere, elegante schwedische Beitrag "The Square" von Ruben Östlund: eine jeden Zuschauer lachend nervös machende Entlarvung unserer politisch korrekten Wohlstands-Liberalität. Dagegen wird die konventionelle Handwerksarbeit von Akin nicht allzuviel Chancen haben.

Monica Bellucci wird am Sonntagabend durch die Palmen-Gala führen. Schon bei der Eröffnung hatte sie gezeigt, wie man dieses wichtigste Filmfestival der Welt würdig und polyglott, charmant moderieren kann. Denn von einem Image will Cannes langsam weg: Das Festival hat in sieben Jahrzehnten nur eine Regisseurin mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, geehrt. Und selbst Jane Campions Auszeichnung für "Das Piano" liegt schon fast wieder ein Vierteljahhundert zurück. Aber um gegenzusteuern waren die bishlang gezeigten beiden weiblichen Wettbewerbsbeiträge in diesem Jahr doch recht schwach. Aber noch am heutigen Samstag könnte ein englischer Außenseiterfilm mit Joaquin Phoenix das Festival etwas aufmischen: "You were never really here" - ein harter Thriller um einen Ex-Irakkriegssoldaten auf Retungsmission für ein verschwundenes Teenager-Mädchen, gedreht von einer Frau: Lynn Ramsey.

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