Exklusiv in der AZ Gaby Weishäupl: "Auf der Wiesn gehört aufgeräumt!"

27 Jahre lang hat sie den Ton auf der Wiesn angegeben: Oktoberfest-Chefin Gaby Weishäupl. Foto: dpa

"Nirgendwo auf der Welt kann man in so kurzer Zeit so viel Geld verdienen": Gaby Weishäupl spricht im Interview mit der AZ Klartext, watscht die Stadt und Wirte ab.

 

München - Kaum jemand kennt sich auf der Wiesn besser aus als sie: Gaby Weishäupl (71, Spitzname: Eiserne Wiesn-Lady) war 27 Jahre lang die Chefin des größten Volksfestes der Welt. In der AZ spricht sie über das Milliarden-Geschäft, gierige Wirte, Betrugsvorwürfe und das aktuelle Festzelt-Roulette.

AZ: Liebe Frau Weishäupl, Wiggerl Hagn hat sich im Löwenbräuzelt um 2,2 Millionen verrechnet, Toni Roiderer hat einen 95.000-Euro-Strafbefehl wegen Hygienemängeln bekommen, Oberbürgermeister Dieter Reiter möchte hart durchgreifen – wie geht es Ihnen dabei?
GABY WEISHÄUPL: Mein Herz schlägt in diesen Tagen schon schneller. Es ist gehörig was los. Zugegeben: Die Wiesn, und damit meine ich nicht nur die zwei Wochen, an denen sie stattfindet, sondern das ganze Drumherum, hat ja schon immer alle bewegt. Es gab immer eine Gerüchteküche, nervöse Wirte, die behaupten, der OB verstünde sich mit dem einen besser als mit dem anderen. Aber momentan brodelt es gewaltig.

Wären Sie noch Wiesn-Chefin, wie würden Sie entscheiden?
Oh, schwierige Frage. Vielleicht hat der Wiggerl nur ein bisserl geschlampt.

Weishäupl hat Mitleid mit Wiggerl

Sie mögen ihn wohl gern?
Er ist der dienstälteste Wirt und ein Bilderbuch-Bayer. Mit ausländischen Gästen bin ich immer zu ihm gegangen, die haben sich gefreut, Fotos gemacht – allein schon wegen seines Bartes. Aber das darf natürlich keine Rolle bei solchen wichtigen Entscheidungen spielen. Ich kann nur sagen: Ich bin froh, nicht entscheiden zu müssen. Denn natürlich schwingt auch immer Sympathie mit. Mir tut es leid für den Wiggerl, dass seine Laufbahn nun so unschön endet. Als ich als Wiesn-Chefin angefangen habe und mich noch gar nicht auskannte, habe ich – nicht naiv, sondern weil ich von Haus aus so bin – an das Gute in den Menschen geglaubt.

Glauben Sie auch heute noch an das Gute in den Menschen auf der Wiesn?
Heute weiß ich: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Die Wiesn ist ein hoch sensibles Thema. Nirgendwo auf der Welt kann man in so kurzer Zeit so viel Geld verdienen – und das über Generationen. Die Wiesn ist ein Milliarden-Geschäft und die Wirte werden zu Millionären. Wer dann glaubt, wegen ein paar Hunderttausend Euro das alles aufs Spiel setzen zu wollen, dem fehlt es an Anstand und Intelligenz. Dem ist eigentlich überhaupt nicht mehr zu helfen.

Was wird passieren, wenn OB Reiter alle Wirte von einem externen Wirtschaftsprüfer unter die Lupe nehmen wird?
Wer mehr kontrolliert, kann auch mehr finden.

Gerade weil es um so viel Geld geht, besteht doch die Gefahr, dass auf der Wiesn alle schummeln, oder?
Ja, leider. Wer auf der Wiesn betrügen will, kann auf der Wiesn betrügen. Und wer etwas verschleiern möchte, kann auch verschleiern. Das war immer so, das wird immer so sein. So deutlich hat das noch niemand ausgesprochen. Da darf man sich nichts vormachen. Natürlich gibt es Gesetze und Regeln, aber es wird auf der Wiesn immer Spielräume geben, mal kleiner, mal größer, die Betrügereien zulassen.

Das muss sich die Wiesn vom Tollwood abschauen

Was kann man dagegen tun?
Auf der Wiesn gehört richtig aufgeräumt. Die aktuellen Vorkommnisse sollten als Chance und Anlass genommen werden, grundlegend Dinge zu ändern.

Zum Beispiel?
Schon zu meinen Amtszeiten war ich für eine Umsatzpacht, die ja dann erst sehr viel später und abgeschwächter von Seppi Schmid eingeführt wurde. Außerdem, auch das habe ich früher lostreten wollen, wäre eine elektronische Abrechnung sinnvoll. Im Digitalzeitalter könnte man alle Kassen zentral vernetzen und sofort sehen, wer an welchem Tag wie viel Umsatz gemacht hat. Auf dem Tollwood wird diese Art von Controlling bereits angewendet. Ein paar Klicks, fertig. Auf der Wiesn bin ich mit dem Vorschlag kläglich gescheitert.

Die Wiesn-Wirte waren damals sicher vehement gegen Ihren Vorschlag?
Nein, so weit kam es nicht. Ich habe mich schon sehr früh sehr für diese elektronische Kontroll-Maßnahme eingesetzt, weil sie genau das verstärkt, was auf der Wiesn immer noch fehlt: Transparenz. Allerdings wurde ich sofort gebremst.

Von wem?
Von Reinhard Wieczorek und Dieter Reiter, die ja beide nacheinander die Chefs des Wirtschaftsreferats waren.

Aber jetzt möchte Dieter Reiter als Oberbürgermeister doch hart auf der Wiesn durchgreifen?
Tja, was soll ich sagen? Ich traue ihm eine pragmatische Zügelführung zu. Außerdem hoffe ich auf meinen Nachfolger Clemens Baumgärtner, dass er einen super Job machen wird. Wer die Wiesn in seinen Händen hält, muss sie schützen.

Weishäupl: Die Wiesn wird immer Rätsel hervorrufen

Können Sie mir bitte Folgendes erklären: Auf der Homepage des Schottenhamel-Zeltes kann ich bereits für die Wiesn 2019 Tische reservieren. Aber den Zuschlag für das Zelt haben die Schottenhamels noch gar nicht und bekommen ihn erst im Mai. Wie passt das zusammen?
Ja, das habe ich früher auch schon bemängelt. Ich sagte allen Wirten, die wie Schottenhamel, Käfer oder Kuffler erst die Punktevergabe abwarten müssen, dass sie nicht so frühzeitig Reservierungen unter ihre Gäste bringen könnten, weil die Vergabe erst Monate später erfolgt. Ich dachte, online sei so ein Hinweis: "Unter Vorbehalt, da wir die offizielle Wirte-Zulassung noch abwarten müssen."

Dieser Hinweis steht nirgends.
Die Wiesn wird immer Rätsel hervorrufen. Vieles ist historisch begründet, manches nicht. Warum kann in einem Zelt Schnaps ausgeschenkt werden, im anderen nicht? Es gibt selbst Sachen, die ich bis heute nicht verstehe.

 

11 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading