Europawahl 26. Mai 2019 EU-Errungenschaften: So profitieren Bürger jeden Tag

Die EU beeinflusst unseren Alltag oft mehr, als wir wahrnehmen. (Symbolbild) Foto: Alik Keplicz/AP/dpa

Anhand eines Tages zeigt die AZ, wie sehr Errungenschaften der Europäischen Union in unserem Alltagsleben verankert sind - oft ohne, dass wir es bemerken.

 

Dienstagmorgen, 7.15 Uhr – die Zeit, zu der die meisten Europäer gerade beim Frühstück sitzen, wie die EU-Statistiker herausgefunden haben. Vor uns liegt ein langer Arbeitstag, an dem jeder den Errungenschaften dieser Union etliche Male begegnet, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Hohe Wasserqualität - von EU geregelt

Das ist übrigens schon unter der Dusche losgegangen: Denn das köstliche Nass, das da aus der Brause rieselt, ist strengstens durch die Trinkwasserrichtlinie 98/93/EG reguliert.

Die legt nämlich unter anderem fest, dass das Wasser genauso gut wie Mineralwasser sein muss und sich sogar für Diäten eignet. Und damit sich an dieser Qualität auch rein gar nichts ändert, müssen Bauherren und die Installationsbetriebe darauf achten, dass die Leitungen, durch die das Wasser in die Wohnung fließt, aus Rohren besteht, die keine Fremdstoffe abgeben.

Es darf möglichst nicht an Tieren im Labor getestet werden

Seife oder Duschgel? In jedem Fall hat das duftende Etwas offenbar die Kosmetik-Verordnung erfolgreich absolviert, was nicht ganz einfach ist, da die Bestandteile genauestens auf der Verpackung aufgelistet sein müssen.

Die Ware darf möglichst nicht an Tieren im Labor getestet worden sein. Es dürfen keinerlei hautreizende Ingredienzen benutzt werden – für alle Fälle muss die Anschrift der verarbeitenden Firma genannt werden. Neuerdings dürfen Duschgels auch keine Mini-Plastikteilchen mehr enthalten, die zum Epilieren gedacht waren. Das ist vorbei, weil sich die kleinen Kügelchen bei der Klärung des Abwassers selbstständig machen und im Meer landen.

Ohne die EU wäre Milch nicht, wie wir sie kennen

Zum Morgenkaffee gibt es Milch? Gerne auch ein Müsli? Jeder Bundesbürger verbraucht pro Jahr rund 136 Kilo Milch (ein Liter Milch entspricht 1,02 Kilo) in diversen Formen. Und das ist auch gut so, schließlich enthält das Naturprodukt nicht nur Calcium für den Knochenaufbau, sondern auch Aminosäuren für den Betrieb der Körperzellen.

Dass Milch darüber hinaus Osteoporose ebenso vorbeugt wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Übergewicht, steht nach wissenschaftlichen Studien fest. Und doch ist das unscheinbare Produkt ein Ergebnis intensiver europäischer Gesetzgebung. Das beginnt bei den Vorschriften über die Produktion. Denn das Futter für das Vieh und die artgerechte Haltung der Tiere sind europäisch vorgeschrieben. Wer auf biologische Landwirtschaft setzt, muss 60 Prozent dessen, was er den Tieren gibt, in der unmittelbaren Umgebung erwerben. Käufer wie Verkäufer dürfen, wenn sie "Bio" anbauen, künftig nicht mehr herkömmliche Landwirtschaft nebenbei betreiben. Alles für eine biologisch saubere Milch nach EU-Vorstellungen.

Das geht bei der Verarbeitung dessen, was als Rohstoff in der Molkerei abgegeben wird, weiter. Ob es sich um Vollmilch, teilentrahmte (fettarme) oder Magermilch handelt – alles ist festgelegt.

Der Fettgehalt wurde europäisch geregelt. Wer den Karton mit der Aufschrift "mindestens 3,8 Prozent Fett" wählt, erhält eine Vollmilch mit natürlichem Fettgehalt.

Bei "mindestens 3,5 Prozent Fett" handelt es sich bereits um ein gänzlich anderes Produkt mit eingestelltem Fettgehalt. Doch der Verbraucher kann, wenn er will, noch mehr über den weißen Muntermacher erfahren, so er die Verpackung nur gründlich liest. Denn in einem kleinen ovalen Kreis wird nach Kennzeichnungsvorgaben aus Brüssel exakt aufgeführt, aus welchem Land (D = Deutschland) die Milch kommt und in welchem Bundesland (BY = Bayern) das Produkt eingefüllt wurde.

Die fünfstellige Nummer der Produktionsstätte lüftet auch das letzte Geheimnis: Wo wurde die Milch hergestellt? Aufschriften wie "pasteurisiert", "ultrahocherhitzt" oder "homogenisiert" vervollständigen die Verbraucherinformation entsprechend der europäischen Richtlinien. Sollte ein Hersteller die Milch mit Vitaminen oder anderen Zusatzstoffen angereichert haben, muss dies auf der Verpackung vermerkt sein.

EU bezuschusst Infrastruktur

Der Weg zur Arbeit oder zur Schule wird mit einem Fahrzeug zurückgelegt, dessen Abgase europäisch normiert, dessen aktive und passive Sicherheitsausstattung längst vereinheitlicht wurden. Seit Anfang 2018 muss jeder Neuwagen das eCall-System an Bord haben: Im Falle eines Unfalls holt eine kleine Box hinter dem Armaturenbrett Hilfe.

Es lohnt sich übrigens, die Fahrt mal mit anderen Augen zu sehen. Denn auch wenn es nicht (mehr) dransteht – ein Großteil von Landes- oder Stadtstraßen, wichtigen Zubringern oder Umgehungsstraßen konnte nur mit Zuschüssen aus dem EU-Infrastrukturfonds gebaut werden.

EU: Keine hautreizenden Farben in Textilien

Und egal wie Mama, Papa oder Junior gekleidet sind: Die EU hat vorgebeugt und dafür gesorgt, dass Hemd, Hose, Rock, T-Shirt und Schuhe keine Farben enthalten, die die Haut reizen und dass keine kleinteiligen Applikationen aufgenäht wurden, die für Kinder unter drei Jahren gefährlich werden könnten.

Das ist selbstverständlich? Mitnichten. Jedes Jahr holen die Aufsichtsämter nach Warnmeldungen des Rapex-Systems der EU Hunderte Artikel aus den Regalen des Handels, weil ausländische Hersteller gegen die Auflagen des CE-Gütesiegels oder andere Produktionsvorschriften verstoßen haben.

EU-Bürger erhalten gleichen Lohn, wie Einheimische

10 Uhr, im Büro oder auf der Baustelle angekommen? Da ist nichts wie früher. Ob bei den Arbeitsbedingungen für einheimische oder Gast-Arbeiter – die EU hatte ihre Finger im Spiel.

So sorgt die gerade erst vor einigen Monaten aktualisierte Entsenderichtlinie dafür, dass EU-Bürger immer den Lohn bekommen, den auch einheimische Arbeitskräfte erhalten. Sie haben Anspruch auf den gleichen Urlaub, die gleichen Zusatzgratifikationen – alles nur, um zu verhindern, dass Billiglohnarbeiter das Niveau untergraben.

Gleichstellung, Mutter- und Vaterschaftsurlaub

Und auch wenn es eher traurig ist, das überhaupt ansprechen zu müssen:

EU-Richtlinien haben Mindeststandards zur Gleichstellung von Mann und Frau geschaffen, Quoten für den beruflichen Aufstieg von Frauen wurden formuliert und der Schutz vor jeder Form von Diskriminierung oder gar Belästigung am Arbeitsplatz festgeschrieben.

Die jungen Eltern können um diese Zeit weiter bei ihren Kleinkindern bleiben, weil der Mutter- und Vaterschaftsurlaub innerhalb der Union geregelt wurde – inklusive der notwendigen staatlichen Zuwendungen. Das sind alles Ergebnisse der auslaufenden Legislaturperiode.

Mittagspause dank EU-Arbeitszeit-Richtlinie

12 Uhr: Es wird Zeit für die Mittagspause. Auch darauf hat jeder EU-Bürger einen Anspruch. Die Arbeitszeit-Richtlinie schreibt vor, wie lange jeder Erwerbstätige arbeiten darf. Höchstens sechs Stunden sind zusammenhängend erlaubt, dann muss eine Pause drin sein. Und innerhalb von 24 Stunden hat jeder Arbeitnehmer einen Anspruch auf eine mindestens elfstündige Unterbrechung. Innerhalb von sieben Tagen ist mindestens ein freier Tag zu gönnen.

Glyphosat muss weg von Spielplätzen

17 Uhr – endlich Feierabend. Vorschlag: Wie wäre es, mit den Kindern auf einen Spielplatz zu gehen? Solche Anlagen haben in der EU-Gesetzgebung der vergangenen Jahre eine große Rolle gespielt. Weil Brüssel im Zusammenhang mit dem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat dafür gesorgt hat, dass dieser Wirkstoff nicht länger in unmittelbarer Nähe von Spielplätzen ausgebracht werden darf.

Um diese Tageszeit ist es noch hell – übrigens ein Ergebnis der Sommerzeit, auf die sich die EU verständigt hat. Also raus in die Natur, vielleicht ein Spaziergang oder eine Fahrradtour.

Brüssel zahlt für Wanderwege

Kaum jemand weiß, dass ein Großteil dieser Wege, die man dabei benutzt und befährt, ein Ergebnis der europäischen Infrastruktur-Programme sind. Denn das Leader-Projekt hat in vielen Regionen solche Erholungsmöglichkeiten überhaupt erst möglich gemacht. Brüssel zahlt für Wanderwege, auf denen sich Jogger und andere Erholungssuchende tummeln, etliche tausend Euro pro Vorhaben – einen Hinweis darauf wird man vergeblich suchen.

Mehr Filmauswahl dank EU

20.15 Uhr: Einfach nur noch relaxen, einen guten Film aus der Online-Datenbank eines Anbieters auswählen? Die Auswahl ist übrigens deswegen so groß, weil Netflix und andere keine unterschiedlichen Angebote mehr in den Mitgliedstaaten machen dürfen. Noch am Anfang dieser Legislaturperiode durften Musik- und Video-Streamingdienste ihre Preise je nach Land staffeln. Sowas passte nicht zum Binnenmarkt.

Also ein kleiner Film-Tipp für den Abend: "3 Tage in Quiberon", ein großartiger Streifen über ein legendäres Interview mit der Schauspielerin Romy Schneider, dargestellt von Marie Bäumer. In dem Streifen, der den Deutschen Filmpreis 2018 bekam, steckt ein saftiger Zuschuss der EU-Filmförderung.

Im Vorjahr unterstützte Brüssel allein 17 Produktionen, die alle bei der Berlinale liefen.

EU-Richtlinie sorgt für sichere Kinderbetten

23 Uhr: Nachtruhe. Der lange Tag, an dem der Bürger von der EU begleitet wurde, neigt sich dem Ende zu. Aber auch für einen guten und sicheren Schlaf hat Europa gesorgt. Denn die Richtlinie 2001/95/EG schreibt vor, wie die Betten beschaffen sein müssen, in denen Kinder nicht nur ruhig, sondern vor allem sicher träumen. Schließlich ereignen sich pro Jahr rund 17 000 Unfälle in allen Mitgliedstaaten in Kinderbetten. Deshalb lohnt ein Blick unter das Gestell: Prangt dort ein CE-Prüfzeichen, kann die Nacht eigentlich nur gut werden.

Europa ist längst nicht mehr nur ein Raum des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands, sondern eben auch der Bürger. Manchmal lohnt es sich, das wieder zu entdecken.

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