ESC-Gewinnerin 2014 Warum wir künftig mehr Conchita Wurst sehen wollen

Schöne Augen, strahlendes Lächeln, perfekt gestylter Bart: Die Travestie-Künstlerin Conchita Wurst Foto: imago/Eibner Europa

Mit ihrer Power-Ballade "Rise Like a Phoenix" sang sich Conchita Wurst zum Sieg beim Eurovision Song Contest und zugleich in die Herzen Europas. Doch wird die Travestie-Künstlerin nur ein kurzes Strohfeuer in der europäischen Pop-Welt bleiben? Das Zeug zum dauerhaften Star hat sie jedenfalls. Hier sind fünf Gründe, weshalb wir mehr Conchita Wurst sehen wollen.

 

Wien - Es ist die Stunde von Conchita Wurst: Ihr einprägsamer Auftritt beim Eurovision Song Contest rief die unterschiedlichsten Reaktionen hervor, von Begeisterung über Verblüffung bis hin zu Empörung. Jedenfalls ist die Travestie-Künstlerin mit dem eigenwilligen Style in aller Munde. Doch wird sie die Aufmerksamheit nutzen können, um sich als Star zu etablieren, oder wird ihr Ruhm so schnell verglühen wie bei so vielen anderen ESC-Gewinnern? Wir plädieren für eine Zukunft mit Wurst - hier sind fünf Gründe, warum sie das Zeug zum Star hat.

Sie hat den "Schrill-Faktor"

Während sich Lady Gaga mit grotesken Frisuren und ekelhaften Live-Shows abmüht, ihrem Image als wandelndem Kunstwerk immer noch gerecht zu werden, genügt bei Conchita ein gut gepflegter Damenbart. Eine schrille Selbstinszenierung ist bei Travestie-Künstlern ja nun nichts Neues; doch die Kunstfigur Conchita Wurst sticht selbst in dieser bunten Glitzerwelt hervor. Ein wunderschöner Augenaufschlag, eine opulente Robe mit aussagekräftigem Dekolleté, weich über die Schultern fallendes Haar, und dazu dann dieser Vollbart, bis zur Perfektion gestylt - wer Conchita einmal gesehen hat, dem geht sie nicht mehr aus dem Kopf.

Sie ist eine ernstzunehmende Künstlerin

Doch hinter dem ESC-Erfolg von Conchita steckt mehr als das Gimmick von der Frau mit Bart. Seit sie das erste Mal ihren Song "Rise Like a Phoenix" mit leidenschaftlicher Inbrunst schmetterte, sind nicht nur die Fernsehzuschauer davon überzeugt, dass man es hier mit einer echten Künstlerin zu tun hat. Auch von hochkarätiger Seite kommt Lob. Udo Jürgens (79), der erste und bis zum Wochenende einzige ESC-Gewinner für Österreich, schwärmte in der "Bild": "Ich fand den Auftritt von Conchita Wurst großartig! Sie war mein absoluter Favorit und hat ehrlich gewonnen! Wie sie da im Lichtkegel stand und das Lied vortrug, das war schon hochprofessionell und emotional."

Sie bringt ein ernstes Thema ins Spiel

So sehr es auch geleugnet wird: Die Politik lässt sich aus dem Musik-Spektakel ESC nicht vollkommen verbannen. So setzte der homosexuelle Tom Neuwirth mit seiner Kunstfigur Conchita Wurst ein wichtiges Zeichen in Sachen Toleranz. Wie wichtig dieses Signal ist, zeigen die Reaktionen nach dem Sieg. Politiker aus Russland, wo die Rechte von Homosexuellen in den letzten Jahren zunehmend beschnitten wurden, waren aufgebracht. "Unsere Empörung ist grenzenlos. Das ist das Ende Europas", schimpfte der Abgeordnete Wladimir Schirinowski im russischen Fernsehen. Josef Ostermayer, Kulturminister Österreichs, nannte ihren Triumph dagegen "einen Sieg Europas in Sachen Toleranz und Respekt". Dabei wurde Conchita auch in der eigenen Heimat zunächst angefeindet. Doch wie schwer es ist, sich ihrem Charme zu entziehen, beschreibt Udo Jürgens, der zunächst selbst erschrocken war: "Eine Frau mit Bart, was soll das denn? Das war mir sehr fremd. Dann habe ich sie in einer Talkshow gesehen und war angenehm überrascht, wie intelligent und sympathisch sie war. Es zählt doch immer nur der Mensch."

Sie überbringt ihre Botschaft mit Lockerheit und Charme

Eine Predigt über die Rechte von Homosexuellen ist von Conchita Wurst nicht zu erwarten. Lieber verpackt sie ihre Botschaft in ihrem Song, in dem sie sich über die Vorurteile, die ihr immer wieder begegneten, hinwegsetzt und wie Phönix aus der Asche emporsteigt, um mit neuer Kraft und Schönheit zu die Kritiker verstummen zu lassen. Nach ihrem Sieg reichen ehrliche Tränen und wenige Worte, um die Toleranz zu feiern: "Diese Nacht ist allen gewidmet, die an die Zukunft von Frieden und Freiheit glauben. Ihr wisst, wer ihr seid. Wir sind eine Einheit, und wir sind nicht aufzuhalten." Diejenigen, die sie damit meinte, hatten ihr zuvor schon ihre Stimme gegeben: Von streng katholischen Ländern wie Irland oder Spanien gab es 12 Punkte. Aus Russland, wo es verboten ist, sich positiv über Homosexualität zu äußern, kam stiller Protest: Während die Politiker motzten, landete Conchita im Telefonvoting auf Platz drei.

Sie trifft einen Nerv unserer Zeit

Was dies vor allem zeigt, ist, wie perfekt eine Figur wie Conchita Wurst in unsere Zeit passt. Sie erlaubt uns, unsere heimliche Sehnsucht nach pompösem Kitsch zu decken. Sie erlaubt uns, stillen Protest an verstaubten Vorurteilen zu üben. Sie zeigt uns Travestie-Kunst, die nicht mehr nur Klischees über Männer und Frauen ausgräbt und diese zur Pointe eines zu oft gehörten Witzes werden lässt, sondern die wirklich mit Gender-Vorstellungen spielt. Und nicht zuletzt deswegen hoffen wir, dass Conchita Wurst nicht nur eine Momenterscheinung bleibt - wir und ganz Europa wollen noch viel mehr von der Künstlerin sehen.

 

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