"Es war wie ein Todesfall" Isabell Zacharias: Neues Leben nach der Politik

Paul Nöllke.
Pures Entsetzen: Isabell Zacharias am Wahlabend 2018 (r.) und heute: neu belebt. Foto: Daniel von Loeper, AZ-Archiv, dpa, SPD Bayern

Isabell Zacharias verliert 2018 knapp ihr Mandat im Landtag – und damit: Freunde, Einfluss, ihre Arbeit. Die AZ hat eine Frau besucht, die tief gefallen ist. Und heute wieder weiß, was sie will.

 

München - Der schlimmste Tag ist gut dokumentiert: Isabell Zacharias läuft mit einer Journalistin durch ihren Wahlbezirk, schneidet SPD-Plakate von Laternenmasten und spricht über das Wahlergebnis ihrer Partei. "Ein richtiges Scheißergebnis." Einen Tag später kommt dann ihr eigenes: Isabell Zacharias, zehn Jahre lang Mitglied des Bayerischen Landtags, verpasst den Einzug ins Parlament. 208 Stimmen fehlen. Die SPD holt ihr schlechtestes Ergebnis in Bayern seit 1946. Für die Partei selbst in Bayern ein historisches Desaster. Für Isabell Zacharias ein persönliches. Sie verliert ihren Job, ihren Einfluss und ihre Fraktion. Heute – ein Jahr nach der Wahl – hat Zacharias ein neues Ziel. Und es ist kein leichtes.

"Ich fühlte mich wie die Hülle von Isabell Zacharias"

Durch mehrere unscheinbare Türen, einen kleinen Innenhof und einen engen Gang kommt man in Isabell Zacharias‘ neues Büro. Die Wände sind frisch gestrichen, es riecht nach Laminat. Früher wurden in dem Geschäftsraum Fladenbrote verkauft, wo Zacharias‘ Schreibtisch steht, war die Theke. Früher hatte die Abgeordnete mehrere persönliche Mitarbeiter. Heute kümmert sie sich ganz persönlich um den Besucher. "Darf ich Ihnen Kaffee anbieten?" Sie entschuldigt sich im Voraus: "Es tut mir leid, wenn ich kleckere. Die Verschlüsse von den Thermoskannen sind fürchterlich. Ich bin ja ein Freund der EU, aber bei den Richtlinien für diese Kannen könnte man vieles besser machen." Der Kaffee geht in die Tasse ohne zu kleckern.

Bei der ersten Prognose am Wahlsonntag weint Zacharias. Sie steht in der ersten Reihe, umringt von Parteigenossen. Fernsehkameras sind auf sie gerichtet. "Ich wusste, dass das Ergebnis schlecht wird. Aber nicht so schlecht." Der rote Balken auf der Leinwand bleibt bei 9,7 Prozent stehen. Ein Schock. "Das spüre ich noch heute", sagt Zacharias. Später ruft ihr Wahlleiter ein Taxi, sie fährt in den Schlachthof. Den hat die SPD für ihre Wahlparty gemietet. Doch nach Party ist hier keinem zumute. "Ich bekam Textnachrichten, Leute sprachen mit mir. Alle sagten: Das Ergebnis ist schlecht, aber du schaffst es", erinnert sich Zacharias. "Ich wollte nur nach Hause, aber das ging nicht."

Später lief sie alleine zur U-Bahn. "Zu Fuß, in der kalten Luft konnte ich zum ersten Mal nachdenken. Ich fühlte mich, als wäre ich nur noch die Hülle von Isabell Zacharias." Am nächsten Tag trifft sie sich mit einer Journalistin. Mit ihr geht sie "Wahlkampf aufräumen". "Da wurde mir klar: Nicht nur das SPD-Ergebnis ist schlecht, auch für mich wird es eng. Und das wurde es dann ja auch."

Am Dienstagabend, dem 16. Oktober 2018, nach der Auszählung der Zweitstimmen, weiß Zacharias, dass sie abgewählt wurde. "Es war wie ein plötzlicher Todesfall", sagt sie. "Es passiert etwas Schlimmes, aber man muss so viel organisieren, dass man nicht nachdenken kann." Wo sie damals war, weiß sie nicht mehr, nur noch, dass es sich dumpf angefühlt hat. "Mir war aber klar, es liegt nicht an dir oder deiner Arbeit. Man darf das nicht persönlich nehmen."

Am schwierigsten ist es, wieder Struktur in den Alltag zu bringen

In der Zeit danach bleibt Zacharias wenig Zeit zum Nachdenken. Sie muss ihr Büro abwickeln. Auch ihre Mitarbeiter haben den Job verloren. Sie fühlt sich verantwortlich, will helfen. "Eine Mitarbeiterin war damals im Mutterschutz", erzählt Zacharias. Noch vor ihr haben ihre Mitarbeiter wieder neue Jobs.

Aus ihrem alten Büro hat Zacharias wenig mitgenommen. "Ich bin da pragmatisch", sagt sie. Später wird sie durch ihr neues Büro gehen und nach den Gegenständen aus ihrem alten Büro suchen: ein Foto, Boxhandschuhe, SPD-Bleistifte. "Vielleicht habe ich auch zu viel weggeworfen", wird sie dann sagen. "Es war pragmatisch, ein harter Schnitt, aber es ging zu schnell."

Der Anruf, der Isabell Zacharias damals wieder Mut machte, kam ausgerechnet von einem CSU-Kollegen. Die studierte Ökotrophologin saß damals in ihrem leeren Büro auf der Fensterbank, nur noch ein paar Umzugskisten auf dem Boden. Da klingelte ihr Handy. "Oliver Jörg von der CSU hatte damals sein Direktmandat verloren", sagt Zacharias. "Er rief an, um mir alles Gute zu wünschen. Und er sagte: Sei doch froh, jetzt kannst du etwas anderes machen!" Sie fühlte sich erlöst, erzählt sie. "Das war so banal, aber irgendwie auch so wichtig."

Wenig Kontakt zur SPD

Von ihrer eigenen Partei hörte Zacharias wenig. "Die SPD ist im Hier-und-Heute-Geschäft, da hatte man wohl wenig Zeit", sagt Zacharias. "Ich verstehe das und ich nehme es auch nicht wirklich persönlich." In den Landtag geht Zacharias nach ihrer Abwahl selten. "Ich bin da Vergangenheit. Und man ist ja nur ungern Vergangenheit", sagt sie. "Der Landtag war mein Zuhause, die Fraktion mein Wohnzimmer. Aber das ist vorbei."

In ihrem alten Büro arbeitet jetzt ein AfD-Abgeordneter. "Ich will gar nicht genau wissen, wer da sitzt", sagt Zacharias. Sie hat lange Nächte in dem Büro verbracht, auf dem Sofa ihr Kind gestillt – und sogar hier übernachtet. In ihrem neuen Büro übernachtet Zacharias nicht. "Ich arbeite anders", sagt sie. "Weniger als früher. Ich habe ein Ziel, eine Mission." Zacharias blickt auf die Wände des Büros. Überall hängen bunte Post-it-Zettel mit Aufgaben.

Nach Weihnachten 2018 beginnt sie einen neuen Job zu suchen. "Ende Dezember war die Infrastruktur der Abgeordneten Isabell Zacharias abgewickelt", sagt sie. Sie habe sich viel um ihre Kinder gekümmert, in ihrer Wohnung die Fenster geputzt. "Zum ersten Mal seit drei Jahren", sagt sie. "Davor hatte ich nie Zeit." Die größte Herausforderung sei damals gewesen, wieder Struktur in ihren Alltag zu bringen. "Ich musste mich ordnen", erzählt sie. Einen ersten Job fand sie noch vor Weihnachten in ihrer Lieblingsbuchhandlung "Lehmkuhl". "Ich bin da vorbeigegangen und habe gefragt, ob ich mithelfen kann", erzählt sie. "Ich habe dann Bücher eingepackt und Leuten beim Geschenke aussuchen geholfen. Ich bin dafür sehr dankbar. Glück kann so einfach sein."

"Ich habe damit abgeschlossen"

Heute hat Isabell Zacharias wieder eine Struktur in ihrem Alltag. "Ich stehe sogar früher auf als damals", erzählt sie. Die Geschäftsführerin des Hospizdiensts DaSein, Katharina Rizzi, sprach Zacharias auf einer Parteiveranstaltung an. "Sie hat mir von dem Job erzählt und ich habe einfach gesagt: Ich mach’s." Die Aufgabe, an der Isabell Zacharias jetzt arbeitet, ist ehrgeizig. "Mein Job ist: Finde ein Grundstück in der Innenstadt, im Süden oder Osten, und sammle 30 bis 35 Millionen Euro, um ein Hospiz zu bauen." Zacharias lacht, wenn sie von der Herausforderung erzählt. "Das ist natürlich eine Herkules – nein, Herkulinenaufgabe. Aber das hat mich noch nie abgeschreckt."

An ihrem Schreibtisch will Zacharias noch einmal ihre E-Mails anschauen, dann muss sie los, ihr Kind von der Schule abholen. "Alles fügt sich", sagt sie. "Wo eine Tür zugeht, geht eine andere auf. Ich glaube, das kann man von all dem mitnehmen." Zacharias hat keine dringenden E-Mails, sie verlässt ihr Büro, schließt die Tür hinter sich ab. Vom Büro in der Karlstraße läuft sie zum Hauptbahnhof.

Wenige hundert Meter entfernt, am Königsplatz, trifft sich "Fridays for Future" zum Protest, es laufen Leute mit Plakaten vorbei. Die großen politischen Themen: Reizen sie Zacharias nicht mehr? "Ich habe damit abgeschlossen", sagt sie. "Ich hätte nach meiner Zeit im Landtag ja auch etwas Politisches machen können, aber das wollte ich nicht. Es ist gut so, wie es jetzt ist."

Zacharias erreicht den Bahnhof, sie muss sich beeilen. Ihr Vertrag bei DaSein läuft noch zwei Jahre. Dann wird sie 56 sein. Hat sie Pläne für die Zeit danach? "Nein", sagt sie. "Ich glaube, das habe ich gelernt: nicht zu weit nach vorne zu schauen. Was in zwei Jahren ist, das kann jetzt noch niemand wissen."

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