Ernst von Siemens Musikpreis Tabea Zimmermann ist die diesjährige Trägerin

Die Bratschistin Tabea Zimmermann beim Unterrichten. Foto: Rui Camilo, EvS Musikstiftung

Die Bratschistin Tabea Zimmermann erhält den diesjährigen Ernst von Siemens Musikpreis.

 

Für die großen Orchester der Klassik-Metropole München ist diese Auszeichnung eine Ohrfeige. Jedenfalls fällt auf, dass Tabea Zimmermann sowohl beim Symphonieorchester des BR als auch bei den Münchner Philharmonikern seit einer gefühlten Ewigkeit gar nicht mehr stattfindet. Andere sind weiter: Beim Concertgebouw-Orchester in Amsterdam wirkt die Bratschistin aktuell als „Artist-in-Residence“.

Denn Zimmermann zählt längst zu den ganz Großen der Klassik-Welt. Seit drei Jahrzehnten prägt die 1966 in Baden-Württemberg geborene Musikerin die Spielkultur und Interpretation: als Solistin, Kammermusikerin und Lehrerin. Mit „Wiederentdeckungen“ und der Pflege des Neuen entwickelt Zimmermann zudem das Repertoire beharrlich weiter. Für diese Haltung erhält sie den diesjährigen Hauptpreis der „Ernst von Siemens Musikstiftung“. Dieser „Klassik-Nobelpreis“ wurde auch schon dem verstorbenen BR-Chefdirigenten Mariss Jansons verliehen.

Die Romantik entschlackt

Mit Zimmermann setzt die Siemens-Musikstiftung ihre Neuausrichtung fort. Bereits im vorigen Jahr wurde mit der britischen Komponistin Rebecca Saunders eine Frau mittleren Alters ausgezeichnet. Davor lag die Präferenz auf alte, graue Herren. Als erste Frau hatte 2008 die Geigerin Ann-Sophie Mutter den Preis gewonnen. Seit 1973 wird er vergeben und ist mit 250 000 Euro dotiert.

Gleichzeitig wird mit der Bratsche jetzt ein Instrument, das im Vergleich zu Geige oder Klavier mehr die Nische besetzt. Diese Nische füllt Zimmermann mit einem besonderen Klang: sehr agil und beweglich, schlank und transparent, fernab vom schweren Dauervibrato.

Damit hat sie nicht zuletzt die Romantik gehörig entschlackt, auch als Mitglied des Arcanto-Quartetts. Diese besondere Klanglichkeit hat zudem viele Komponisten inspiriert, darunter György Ligeti und György Kurtág, Wolfgang Rihm, Heinz Holliger oder Enno Poppe. Viele ihrer früheren Studenten sitzen in Spitzenorchestern, darunter in München, und ihr einstiger Schüler Antoine Tamestit zählt heute zu den führenden Bratschisten der jüngeren Generation.

Der Preis an Zimmerman ist absolut verdient und fraglos ein starkes Signal. Gleichwohl gibt es auch ältere Frauen, die ihn längst verdient hätten: so die 88-jährige Komponistin Sofia Gubaidulina oder die 93-jährige Organistin Montserrat Torrent.

Gleichzeitig harren der Komponist Salvatore Sciarrino oder der Originalklang-Pionier Jordi Savall dieser Würdigung. Nach dem Männerkult sollte jetzt kein neues Dogma begründet werden. 

Der Ernst von Siemens Musikpreis wird Tabea Zimmermann am 11. Mai im Münchner Prinzregententheater bei einem musikalischen Festakt verliehen. Die Laudatio hält der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages und Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung Norbert Lammert.


 
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