Ein neuer München-Krimi „All die unbewohnten Zimmer“ von Friedrich Ani - die AZ-Kritik

Schriftsteller Friedrich Ani. Foto: dpa

In Friedrich Anis neuem Roman haben alle seine Kommissare ihren Auftritt – und eine neue Kollegin

 

Noch nie, in keinem seiner 33 zuvor veröffentlichten Kriminalromane, hat Friedrich Ani seine Leser so umfassend überrascht wie diesmal. Das liegt vor allem an zwei Neuerungen. Erstmals lässt Ani sein drei bekanntesten Figuren gemeinsam in einem Buch ermitteln: Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer. Der unkonventionelle, nach München zurückgekehrte Verschwundenensucher, der pensionierte Überbringer von Todesnachrichten und der ehemalige Mönch. Alle drei bewährte und beliebte Protagonisten aus Anis vorherigen Reihen.

Eine weitere Premiere: Fariza Nasri, eine bayerische Kriminalkommissarin mit syrischen Wurzeln. Sie bringt als Ich-Erzählerin einen frischen Ton und ein hohes Tempo in den neuen Roman des 60-jährigen Münchners. Die eher extrovertierte, gerne mal laut und lässig gekleidet auftretende Nasri bildet einen Kontrast zu den drei überwiegend introvertierten, stillen Ermittlern.

Dass die Ani-übliche Buchlänge von 200 bis 300 Seiten für diese Vier nicht ausreicht, leuchtet ein – „All die unbewohnten Zimmer“ fällt mit fast 500 Seiten deutlich länger aus. Und bleibt dennoch ungemein spannend, besonders im letzten Viertel.

In Münchens Grauzonen

Vieles ist also neu in Friedrich Anis neuem Roman, und doch bleibt vieles beim Alten. Der Meister der nachdenklichen Töne lotet auch in seinem neuen Werk die Grauzonen Münchens aus. Ani blickt, wie so oft, in schlicht eingerichtete Wohnungen und billige Absteigen, in dunkle Bierkneipen und triste Bahnhofsgaststätten.

Er beobachtet die Menschen, die sich dort aufhalten ohne Sozialkitsch. Gestrandete, müde, aussortierte Gestalten, für die es in der modernen Welt kaum noch Platz zu geben scheint. Auch Tabor Süden, Jakob Franck und Polonius Fischer wirken wie von gestern, im positiven Sinne. Denn ihre Ermittlungsmethoden beschränken sich aufs Zuhören, Fragen und Schweigen. Moderne Hightechbullen und Hipster sucht man in Friedrich Anis Büchern vergeblich. Zum Glück.
Hochgradig aktuell ist der neue Kriminalroman dennoch. Eine rechts-nationalistische Partei, der AfD ähnlich, demonstriert in der Innenstadt. Mitglieder einer Bürgerwehr verkünden, dass sie die Polizei nicht mehr bräuchten, um „sauber zu machen in allen Ecken, gründlich, damit die Leute wieder Freude an ihrem Land haben, an ihrer Heimat.“

In der Gegenwart verankert

Zeilen, die an die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am 2. Juni erinnern. Friedrich Anis neuer Roman erscheint nicht nur komplexer als viele seiner vorherigen Werke, sondern deutlicher in der Gegenwart verankert, mit aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen verbunden.

In einem der zahlreichen intensiven Kapitel schildert Ani die Flucht von zwei Buben aus Aleppo, die mit ihrem Vater nach München flüchten. Später werden die Syrer verdächtigt, am gewaltsamen Tod eines Streifenpolizisten in Schwabing beteiligt gewesen zu sein. Neben diesem Fall müssen die vier Ermittler den Mord an einer Frau in Haidhausen aufklären. Es gibt also viel zu tun für Fariza Nasri und ihre drei Kollegen, und auch für deren Erfinder.

Friedrich Ani führt die verschiedenen Stränge und seine vier Hauptfiguren gekonnt zusammen. Nasri, die Neue, staunt vor allem über Tabor Süden, dessen beängstigend ruhige Art etwas in ihr auslöst: „Er stand da uns schwieg. Er sah zu dem Mann auf dem Stuhl und schwieg weiter. Da war etwas in diesem Schweigen, das auf mich übergriff und mich zwang, an mein Spiegelbild von vorhin zu denken; an den leeren Raum um mich herum; an meine suchenden Augen; an die öde Wand hinter mir und die geschlossene Tür.“

Experiment geglückt, lautet das Fazit der Lektüre. Anis durchaus riskanter Plan, seine altbekannten Figuren gemeinsam auftreten zu lassen, hätte den Eindruck eines erzwungenen Best-of seiner alten Romane hinterlassen können. Indessen, „All die unbewohnten Zimmer“ entwickelt eine eigenständige Qualität. Nicht zuletzt wegen Fariza Nasri, die Ani hoffentlich dauerhaft in sein Figurenportfolio aufnimmt.

Friedrich Ani stellt „All die unbewohnten Zimmer“ (Suhrkamp, 496 Seiten, 22 Euro) am 27. Juni um 20 Uhr im Literaturhaus am Salvatorplatz vor

 

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