Ein Kämpfer geht unter München: "Hotel Christl" steht vor dem Aus

Ob es die Krise überlebt? Das Hotel Christl in der Rosenheimer Straße. Foto: Daniel von Loeper

Tausende kleiner Selbstständiger sind durch die Krise von der Pleite bedroht. Über einen Mann, der nun droht zu verlieren, wofür er sein Leben lang gekämpft hat.

 

München - Das Problem, sagt Mohamed Behery, seien die Mieten. Wenn die ausgesetzt worden wären, eine kurze Zeit nur, ein paar Monate, dann wäre er nicht an diesen Punkt gekommen. Dann hätte er sich durchschlagen können, irgendwie. Dann müsste er jetzt nicht nach einem Nachmieter suchen und er würde auch nicht diesen Berg an Schulden anhäufen, der jeden Monat größer wird, unerbittlich.

Aber die Miete musste weiter gezahlt werden, selbst in der Zeit zwischen Mitte März und Ende Mai, in der seine Pension, das Hotel Christl, doch gar keine Gäste aufnehmen durfte, weil der touristische Betrieb von der Politik untersagt worden war.

Hotels wieder offen, aber Gäste bleiben aus

Selbst in dieser Zeit, sagt Behery, hat er seine Tage in der Lobby der Pension verbracht und auf Anrufe gewartet, er hatte ja auch sonst nichts zu tun. Und zumindest Geschäftsreisende hätte er aufnehmen dürfen, Handwerker vielleicht, die in München eine Installation durchführen wollten. Oder gestresste Homeoffice-Arbeiter, die mal eine Woche im Hotel arbeiten wollten, um dem Lärm zu Hause zu entgehen.

Behery hatte das inseriert, saubere Zimmer, wochenweise zu mieten, aber die Anrufe blieben aus, es gibt eben nicht viele Geschäftsreisende, vor allem nicht in der Zeit der Ausgangssperre. Und auch jetzt, da Hotels und Pensionen offiziell wieder geöffnet haben dürfen, bleiben die Gäste aus. Mohamed Behery sagt: "Wenn das so weitergeht, werde ich bald zumachen müssen und mir eine andere Arbeit suchen. Aber, mal ehrlich: Ich bin 73 Jahre alt, sitze im Rollstuhl – wer wird mich einstellen?"

Die Corona-Krise hat Tausende kleiner Selbstständiger in Existenznöte gestürzt. Wie viele von ihnen das Jahr nicht überstehen werden, ist bislang unklar. In einer Umfrage des Deutschen Wirtschaftsinstituts vom Juni dieses Jahres gaben knapp die Hälfte aller Betreiber von kleinen und Kleinstunternehmen an, dass ihre finanziellen Reserven für nurmehr drei Monate ausreichen würden, bei weiteren 20 Prozent waren es sechs Monate. Noch bis September ist die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt. Danach, das vermutet die Wirtschaftsauskunft Creditreform, werde Deutschland von einer Insolvenzwelle überrollt werden.

9.000 Euro Soforthilfe - "Das deckt nicht mal die Miete"

Zwar hat die Bundesregierung schon im März ein erstes Hilfsprogramm für kleine Selbstständige aufgelegt. Kleine Betriebe mit bis zu fünf Angestellten konnten darüber 9.000 Euro Soforthilfe beantragen. Aber, sagt Behery: "9.000 Euro decken nicht einmal die Miete meiner Pension für einen Monat." Seit 21 Jahren führt Behery die Pension "Hotel Christl" in der Rosenheimer Straße. Sie ist sein Lebenswerk, gebaut auf dem harten Kampf gegen das Schicksal. Denn die Corona-Krise ist nicht das erste Mal, dass das Unglück Mohamed Behery in die Quere kommt. Gewissermaßen hat er sein ganzes Leben um Schicksalsschläge herum gebaut.

16 Jahre war Behery alt, als er in seiner alten Heimat Ägypten bei einem Unfall sein rechtes Bein verlor. "Mein großer Traum war seitdem eine Prothese", sagt er. "Aber in Ägypten eine Prothese zu bekommen, war nicht möglich."

Also lernte er Deutsch. Drei Jahre dauerte es, bis er nach Deutschland reisen konnte. Dort arbeitete er im Grünwalder Stadion, half, die Kameras zu reparieren und instandzuhalten und sparte sich das Geld für die Prothese zusammen. Als er zurück nach Ägypten flog, tat er das auf zwei Beinen – und mit zwei Strickmaschinen im Gepäck. "Die habe ich auseinandergenommen und die Stücke als Ersatzteile verkauft", sagt er. "Das brachte mich auf die Idee, dauerhaft Ersatzteile nach Ägypten zu verkaufen."

Behery wurde Ersatzteil-Händler, pendelte zwischen Deutschland und Ägypten. Nach einiger Zeit verliebte er sich, die Frau lebte in Deutschland. Wann immer er für einen Auftrag in München war, kam er bei ihr unter. Doch dann bekam sie Blutkrebs.

5.000 Mark Miete – damit blieb am Ende noch genügend übrig

"An diesem Punkt konnte ich nicht mehr gehen", sagt Behery. "Ich konnte sie nicht alleine lassen. Wir haben geheiratet und ich bin bei ihr eingezogen." So wurde Behery Münchner. Behery eröffnete einen Imbiss im SUMA-Center, verkaufte Hendl und Pommes, zehn Stunden am Tag. "5.000 Mark Miete habe ich damals gezahlt", sagt er und es klingt fast ein wenig schwärmerisch. Als nach einem Jahr seine Frau starb, blieb er Imbissverkäufer.

Behery: "1991 lernte ich meine zweite Frau kennen, mit der ich fünf Kinder großzog." 1999 eröffnete er nebenher das Hotel Christl. Er arbeitete nun die Vormittage in der Pension und abends im Imbiss, ging immer vor sieben aus dem Haus und war nie vor 21 Uhr zurück. Bis 2013 sein Bein nicht mehr mitmachte. "Ich habe so viele Stunden jeden Tag im Imbiss gestanden, auf einem Bein", sagt er. Irgendwann war das Bein der Belastung nicht mehr gewachsen. Seither sitzt Behery im Rollstuhl.

"Als ich meinen Imbiss schließen musste, war das Schlimmste der Abschied von den Menschen", sagt er. "Wenn man so viele Jahre an einem Ort arbeitet, kennt man irgendwann jeden. Manche Leute haben 25 Jahre bei mir eingekauft, ich habe ihre Kinder kennengelernt, ihre Enkel." Kurzes Schweigen. "Wenn ich das Hotel zumachen muss, dann wird das das Schlimmste werden."

Seit Juni dürften Hotels wieder Gäste aufnehmen, aber die Nachfrage ist verhalten, besonders in den Städten. Nach einer Umfrage des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Bayern liegt die Zahl der Hotelbuchungen in Bayern bis Dezember bislang mehr als 50 Prozent unter dem normalen Jahresschnitt.

Weiteres Problem: Oktoberfest und große Messen fallen aus

"Eigentlich gleicht man im Hotelgewerbe die schlechten Monate aus, indem man zu Eventzeiten gut vermietet", erklärt Behery. "Das Oktoberfest und große Messen helfen eigentlich durch die Zeiten, in denen wenig Gäste kommen. Aber all das ist ja abgesagt." Mitte Juni hat die Bundesregierung eine Überbrückungshilfe für kleinere und mittlere Unternehmen verabschiedet. Bis zu 150.000 Euro können Betriebe im Rahmen des 25 Milliarden schweren Programms als Überbrückungshilfe für drei Monate beantragen.

Auf wie viel davon Behery Anspruch hat, weiß er noch nicht. Er sagt: "Vielleicht komme ich damit durch." Aber er sagt auch: "Gewissermaßen sind diese Hilfen Schmerztabletten. Sie lindern die Schmerzen, statt die Ursache zu bekämpfen." Und die Ursache, davon ist er überzeugt, das sind die hohen Mieten. "Ich mache Schulden, weil meine Miete so hoch ist, andere verlieren ihre Wohnung. Ist das Gerechtigkeit?"

Dass die Regierung die Mieten aussetzen – und zumindest: stark senken – müsste, das ist seine wichtigste Botschaft. Deshalb hat er sich entschieden, mit der Zeitung zu sprechen und seine Geschichte zu erzählen. "Schauen Sie sich das Haus hier gegenüber an", sagt er und deutet auf drei Altbauten gegenüber seiner Pension. "In den letzten Jahrzehnten haben sich die Mieten da verdreifacht. Und jetzt schauen Sie auf den Friseur unten im Haus. Der ist leer. Wie soll das funktionieren?"

Wenn er eine Überbrückungshilfe bekommt, sagt Behery, dann wird er die Suche nach einem Nachmieter für sein Hotel erst einmal einstellen. Die nächsten drei Monate wäre seine Pension gesichert. Und dann? "Ich weiß es nicht", sagt er. "Aber: Ich habe in der Krise bislang 40.000 Euro Schulden gemacht. Die muss ich wieder reinholen. So lange ich kann, mache ich weiter."

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