Ein Drogenfahnder erzählt Münchner Partyszene: Koks und Speed stehen hoch im Kurs

Hubert Halemba, Vize-Chef der Drogenfahndung, zeigt in der Asservatenkammer sichergestellte Marihuana-Beutel. Kiffer sind jedoch nicht seine Priorität. Foto: Petra Schramek

Hubert Halemba ist seit 34 Jahren bei der Drogenfahndung und kennt jeden Electroclub der Stadt.

München - Das gekünstelte Lachen und das "Hey, du kleiner Bulle. So viel wie du in einem Monat verdienst, verdiene ich an einem Tag", hat Hubert Halemba (57) schon oft gehört. Seit 34 Jahren arbeitet Halemba als Drogenfahnder. Er fragt dann stets freundlich: "Was verdienen's denn so an einem Tag? Aha, 3.000 Euro" und vielleicht ist er sogar ein bisserl schadenfroh, wenn der Kokser nach dem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft um mehrere zehntausend Euro erleichtert nach Hause geht.

Speed: Die Partydroge Nummer eins in München

Wer ein Gramm Koks bei sich hat, der kommt unter 40 bis 80 Tagessätzen nicht davon. Die Kokser akzeptieren meist den Strafbefehl und zahlen, weil sie keine Verhandlung möchten.

Koks ist der Münchner Clubgänger zweitliebste Partydroge. Am häufigsten nehmen sie Speed, auf dem dritten Platz sind Ecstasy und MDMA-Pulver, dann kommt das als K.-o.-Tropfen bekannte GBL – nicht als Tatmittel, sondern als stimulierende Substanz. All diese Partyaufputscher sind harte Drogen und die Strafen beim Konsum und Besitz hoch – Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr.

Dass sie die Clubs nicht drogenfrei bekommen, wissen die Ermittler

Dass Bayern und somit auch München als (Feier-)Hauptstadt bei Drogenkonsumenten einen schlechten Ruf hat, das liegt auch an Hubert Halemba, Vize-Chef des Rauschgiftdezernats der Münchner Polizei. Wobei sich der Drogenfahnder bei seinem Job wenig Illusionen macht. "Wenn mein Ziel wäre, das Nachtleben drogenfrei zu machen, dann würde ich wahnsinnig werden." Die Ziele sind Verdrängung, Verunsicherung der Händler und das Erschweren der Griffnähe für die Konsumenten. Dafür haben die Drogenfahnder eine Nadelstichtaktik entwickelt, die auch Clubbetreiber mit in die Verantwortung nimmt.

Die Drogenfahnder stehen in engem Kontakt mit den Clubbetreibern, wobei die Electroszene im Fokus steht. Als das MMA in der Katharina-von-Bora-Straße aufgemacht hat, gab es beratende Gespräche und eine Begehung. "Wir haben ein Sicherheitskonzept entwickelt, da der Club sehr verwinkelt und unübersichtlich ist und so viele Möglichkeiten bietet, um Drogen zu konsumieren."

Grundsätzlich ist aber das Ziel, den Dealern und Konsumenten den Stoff schon vorher abzunehmen. Von einer starken Tür spricht Halemba, wenn es eine Türsteherin gibt. "Sonst geben die Männer den Frauen das Zeug, weil die nicht durchsucht werden können." Einer der erfolgreichsten Drogenfahnder Münchens - so sagt es Halemba scherzhaft - war jahrelang ein Türsteher in einem bekannten Innenstadtclub, der im Jahr bis zu 70 Dealer und Konsumenten zur Anzeige gebracht hat. "Oft nehmen die Türsteher den Stoff nur weg und sagen, der sei stiften gegangen. Dann haben wir einen unbekannten Täter. Dieser Türsteher hat vom Jedermanns-Festnahmerecht Gebrauch gemacht und die Polizei verständigt."

Als die Münchner Innenstadt in der Nacht noch verwaist war

Als Halemba in den 80ern angefangen hat, waren sich Drogenfahnder und Clubbetreiber noch nicht grün. Damals lockten die großen Hallen außerhalb der Stadt das Partyvolk, die Innenstadt war in der Nacht verwaist. Die Clubbetreiber hängten Schilder auf, über die sich die Gäste lustig machen konnten: "Jeder Konsum von Betäubungsmitteln ist hier verboten." Vor zwanzig Jahren schauten die Fahnder noch, was für Musik in den ihnen bekannten Läden läuft, schickten ihre Zivilfahnder rein und machten ab und an eine Razzia.

Damals wie heute eilt das Angebot der Nachfrage nach. Der Partygänger will seine Pille oder seine Nase Speed und der Dealer ist im Club, um ihm das zu verkaufen.

Heute findet das Nachtleben in der Innenstadt in kleinen, individuellen Clubs statt. "Da schauen wir uns das Line-up an und priorisieren, wo wir reingehen." Die Zusammenarbeit mit den Betreibern beschreibt Halemba als "kooperativ und produktiv". Obwohl es mittlerweile viele Electro-Clubs gibt, sind es doch 15 Münchner, die den Markt unter sich aufteilen. Bei einer Neueröffnung ist immer ein Betreiber dabei, den Halemba schon seit Jahren kennt. "Für die Betreiber ist wichtig, dass sie wissen, was Polizei und auch Bezirksausschuss von ihnen erwarten. Das klären wir in Gesprächen."

In manchen Clubs verkaufen die Mitarbeiter Drogen

Während die normale Polizei das Umfeld, die Straße, kontrolliert, sind die Drogenfahnder in den Clubs, "sind gekleidet wie die Szene und sprechen wie die Szene", sagt Halemba über seine Zivilbeamte der AG Partydrogen. Einige Beamte sind auch im Internet aktiv, wo sie in Gruppen sind, die zu illegalen Raves eingeladen werden. "Früher hat man gesagt Frühschoppen, heute ist das der Vormittagsrave." Wer hier zur rechten Zeit kommt, also wenn die Leute noch Drogen kaufen, hat eine enorm hohe Trefferquote. Bei Razzien unter Autobahnbrücken oder in Parks an einem Sonntag haben die Polizisten schon zwei Drittel der Besucher festgenommen.

So eine Razzia ist bei einem Club Ultima Ratio, wie Halemba sagt. "Wenn unsere Nadelstichtaktik nicht hilft und vom Betreiber nur Lippenbekenntnisse kommen." Wochenlang wird die Razzia unter größter Geheimhaltung vorbereitet, Zivilbeamte sickern in die Partys ein und beobachten, bis dann der Zugriff kommt, bei dem jeder Clubbesucher, aber auch das Personal kontrolliert wird.

Denn in manchen Clubs fahren die Dealer mit dem Taxi vor und die Drogen werden dann über die Theke verkauft. Solche Strukturen werden aufgedeckt durch Zivilfahnder, aber auch Informanten oder Festgenommene, die in Erwartung einer geringeren Strafe Insiderwissen ausplaudern.

Club im Club: "Wo es ordentlich unter der Nase staubt"

Auch beim sogenannten "Club in Club" sind die Drogenfahnder auf diese Art der Informationsbeschaffung angewiesen oder einen kooperativen Clubbetreiber. "Das sind geheime Super-VIP-Räume, in denen die Gäste sich sicher fühlen und wo es ordentlich unter der Nase staubt." Wichtig ist Halemba, dass alle Clubs gleich behandelt werden. "Es gibt keine Läden, in die wir nicht gehen, weil es zuviel prominentes Publikum gibt." Seine Devise ist, dass es in München keine rechtsfreien Räume geben darf.

Die Gesetzgebung ist zwar bundesweit gleich, nur die Anwendung ist in den Bundesländern unterschiedlich. "Auf Festivals nehmen wir vor allem Auswärtige fest, weil die das gar nicht kennen, dass die Polizei dort präsent ist." Die Bayern hingegen wissen: "Die Bullen san überall." Die bayerische Justiz lässt Konsumenten von harten Drogen oft die volle Härte des Gesetzes spüren und ordnet auch U-Haft an, wenn in anderen Bundesländern die Dealer wieder nach Hause dürfen.

1994 hat das LKA sogar Flyer zum Drogenkonsum drucken lassen, weil damals sechs Gramm Cannabis als die Höchstgrenze für die Einstellung eines Verfahrens festgelegt wurden. "Die Leute standen mit ihren fünf Gramm im Englischen Garten und meinten ‘Aber Herr Wachtmeister, das ist doch jetzt erlaubt’". Halemba schüttelt den Kopf. "Nein, wir nehmen das ab, machen eine Anzeige, du bist registriert bei der Polizei und hast den Ärger mit der Polizei, nur, dass das Verfahren beim Ersttäter eingestellt wird."

Drogenfahnder: "Die Grinsekatze war der allerschlimmste Laden"

Kiffer sind nicht die Priorität des Rauschgiftdezernats, doch bei einschlägigen Konzerten wie dem von Kifferikone Method Man sind die Fahnder mit bis zu 25 Zivilbeamten vor Ort. Viel gefährlicher allerdings sind die vermeintlichen Partydrogen. "Die Ecstasy-Pillen sind mittlerweile so stark, dass sie geviertelt werden müssen". Immer häufiger müssen Partygäste bei Veranstaltungen medizinisch versorgt werden, weil es sie wegen zu starker Pillen oder Badesalzen weghaut.

Jeden Dienstag hat Halemba die Anzeigen vom Wochenende auf seinem Schreibtisch liegen. Wenn ein Club länger nicht mehr auftaucht, weil die Türsteher offenbar keine Drogen mehr rausfischen, horcht er nach. Bei der Grinsekatze in den Optimolwerken lag nie etwas auf seinen Schreibtisch. "Die Grinsekatze war der allerschlimmste Laden. Drogenhändler, die sich 16- bis 20-Jährige geschnappt haben, so richtige Dreckssäcke, die Mädchen widerstandsunfähig machen wollten."

Heute ist die Grinsekatze Geschichte. Da muss Hubert Halemba ein bisschen grinsen, weil durch seine Arbeit dieser Drogensumpf ausgetrocknet wurde.

 

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