Ein Arzt über die Wiesn Das macht das Oktoberfest mit unserem Körper

Die Zentrifugalkraft kann Spaß machen: Im Kettenkarussell werden die Besucher ordentlich durcheinandergewirbelt. Foto: Marc Müller, dpa

Überschläge, Drehungen und viel Alkohol – das Oktoberfest verlangt unserem Organismus Höchstleistungen ab. Ein Mediziner erklärt, was uns gut tut und wann es kritisch wird.

München - Quetschungen, Stauchungen, Alkoholvergiftungen – dieser Mann hat alles gesehen, was man auf der Wiesn sehen kann. Ulrich Hölzenbein ist Leiter der Sanitätsstation auf dem Oktoberfest. Für die AZ hat er einen medizinischen Wiesn-Rundgang gemacht und erklärt, was das größte Volksfest der Welt mit unserem Körper macht.

Am Eingang
Die Gerüche, die Lichter, die Menschen: Bei vielen Leuten löst diese Mischung ein Hochgefühl aus. Das Gehirn belohnt uns mit Endorphinen, Glückshormonen.
Manche Leute bekommen beim Anblick von Menschenmassen aber auch Angst. Der Körper schüttet dann „Katecholamine“ aus, Stresshormone wie Adrenalin zum Beispiel. Man schwitzt, das Herz fängt an zu Rasen. Einige Wiesn-Besucher landen deshalb als erstes nicht im Bierzelt, sondern auf der Sanitätsstation – wegen einer Panikattacke.

Am Schießstand
Schießstände sind eine gute Geschäftsidee, denn eigentlich ist es fast ausgeschlossen, dass man etwas trifft, so aufgekratzt wie man auf der Wiesn ist. Man müsste schon die Konzentrationsfähigkeiten eines Profisportlers besitzen, am besten die eines Biathleten, um einen Treffer landen zu können.
Umso erstaunlicher ist es, dass die Leute doch immer mal wieder etwas gewinnen. Vielleicht haben sie davor Entspannungsübungen gemacht. Hölzenbeins Tipp: Anspannen – entspannen – ausatmen. Anspannen – entspannen...

In der Achterbahn
Vor allem der Halsbereich wird in wilden Fahrgeschäften wie Achterbahn oder Autoscooter ordentlich in Mitleidenschaft gezogen. „So gerade kann man den Kopf gar nicht halten, dass da nichts passiert“, sagt Hölzenbein. Die Folge sind Schleudertrauma, verschobene Wirbel, Schäden an den Bandscheiben – alles schon zigfach da gewesen auf der Sanitätsstation.
Zu empfehlen sind solche Fahrgeschäfte aus medizinischer Sicht jedenfalls nicht.

Am Imbissstand
Eine Fischsemmel, gebrannte Mandeln, Zuckerwatte – und alles durcheinander. Das verträgt der Magen schon, sagt Hölzenbein. Aber so viel Essen macht auch müde. Die Verdauung entzieht unserem Körper Energie. Vor allem Salat liegt bis zu acht Stunden im Magen, bis er restlos verdaut ist.
Gebrannte Mandeln dagegen können einem Kater vorbeugen. Der Zucker hilft dem Körper schließlich beim Abbau des Alkohols.

Im Bierzelt (erste Maß)
Der Alkohol geht schnell ins Blut und wirkt im Stammhirn. Die erste Maß lässt uns alle Sorgen vergessen, wir fühlen uns stark und sind zufrieden. Der Alkohol erweitert zudem die Gefäße, so kann Wärme aus dem Körperinneren leichter in die Extremitäten fließen. Wer zu kalten Händen und Füßen neigt, fühlt sich dann plötzlich wohl temperiert.
Und das Mädl vom Nachbartisch, das man sich sonst nie anzusprechen getraut hätte: Auf einmal geht es! Alkohol wirke nämlich auch als Triebverstärker und baue Hemmungen ab, sagt Hölzenbein.

Im Bierzelt (zweite Maß)
Leider ist Alkohol auch ein Zellgift, das Gehirnzellen und die Leber angreift. Zudem führt der Alkohol zu einer verringerten Bildung des antidiuretischen Hormons, das den Wasserhaushalt des Körpers reguliert. Als Folge wird Wasser schneller ausgeschwemmt, wir rennen öfter auf die Toilette – und trocknen dabei etwas aus.
Und wieder die Sache mit den erweiterten Gefäßen: Zwar fühlen sich Hände und Füße anfangs noch warm an – tatsächlich verliert der Körper an den Extremitäten aber leichter Temperatur. Man kühlt also leichter aus.
Auf der Sanitätsstation lagen auch schon Leute mit nur noch 31 Grad Körpertemperatur – lebensbedrohlich.

Am nächsten Tag
Der Alkohol verhindert, dass man in der Nacht in die erholsame Tiefschlafphase eintauchen kann. Bei den ständigen Toilettengängen hat man zudem viele Elektrolyte verloren. Dass man deswegen einen Kater bekommt, ist zwar nur eine von mehreren wissenschaftlichen Theorien, den Flüssigkeits- und Elektrolyteverlust auszugleichen, ist aber auf jeden Fall ratsam.
Wie das am besten geht, da hat Ulrich Hölzenbein in seiner langen Karriere als Wiesn-Arzt einige Tipps gesammelt – überbracht von seinen Patienten. „Manche schwören auf ein fettreiches Frühstück“, sagt Hölzenbein, „manche auch auf Hühnerbrühe oder Alka-Seltzer“. Wieder andere nehmen drei rohe Eigelb zu sich – ob der Wiesn-Abend das dann wert war? 

 

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