Eigentümer klagt Behelfsbau in der Münchner Augustenstraße: Das Kuriosum soll weg

Dieser Behelfsbau aus den 50er Jahren an der Augustenstraße 105 soll abgerissen werden. Foto: Daniel von Loeper

Eines der letzten Behelfshäusl in der Maxvorstadt könnte abgerissen werden. Die Stadt München hat einem Antrag widersprochen, der Eigentümer klagt.

 

München – Unser Schlager: lebende Forellen! Die Metzgerei Moll wirbt in der Nachkriegszeit mit allen Mitteln für ihr Angebot. Schiefertafeln, eine beschriebene Wand und sogar eine Leuchtschrift weisen in der Augustenstraße auf das Geschäft samt Bierstüberl hin. Die Buchstaben sind übermalt, das an die 70 Jahre alte Behelfshäusl an der Hausnummer 105 gibt’s noch immer.

Noch! Denn die Gewerbe darin ziehen aus.

So kurios die Baracke unweit der Ecke zur Heßstraße im Straßenbild aussieht, so wenig ist über das Häusl bekannt. Im Stadtarchiv findet sich einzig eine Akte der Lokalbaukommission. Darin enthalten ist die jahrelange Korrespondenz zwischen Häusle-Eigentümer, einer Brauerei, sowie der Stadt zu oben genannten Werbetafeln.

Ein Auszug: "Eine derartige Häufung von Werbeeinrichtungen in unmittelbarer Nähe beeinträchtigt das Straßenbild erheblich und ist werbeaufsichtlich untragbar." Offenbar wollte sich der Besitzer von Metzgerei und Wirtsstube partout nicht an die Richtlinien der Stadt halten. Schreiben bezüglich mehrerer Werbemaßnahmen aus verschiedenen Jahren sind dokumentiert. Wer würde auch Obrigkeitshörigkeit vermuten, bei einem Eigentümer, der sich aus dem Schutt der zerbombten Maxvorstadt einen Laden samt Wohnhaus baut – und ihn jahrzehntelang nahezu unverändert lässt.

Antiquitätenladen macht Ausverkauf – Dirndlgeschäft schon zu

Zumal es sich bei dem Haus um eine derart absurde Konstruktion handelt: ein Gebäude mit halbem Giebel und drei unterschiedlich großen übereinanderliegenden Gauben plus kleiner Dachterrasse. Ein Bau, ohne viele Fenster, der mehr Dach ist als Haus und sich vom Rest der Bebauung deutlich abhebt.

Im Vorbau im Erdgeschoss sind zwei Ladeneinheiten untergebracht. Auf der einen Seite verkaufte bis vor Kurzem "Lily" Dirndl aus zweiter Hand. Das kleine Geschäft war unter Trachtenliebhabern ein wahrer Geheimtipp. Daneben zogen bis zuletzt Stühle aus verschiedenen Jahrzehnten an die Häuserwand gelehnt die Blicke auf sich. Dort ist Räumungsverkauf angeschlagen.

Bald könnte alles einem Neubau weichen müssen. Im Viertel heißt es, das Behelfshäusl mitsamt Hinterhof und weiteren Gebäuden sei verkauft worden. Der Lokalbaukommission liegt ein Vorbescheidsantrag für den "Neubau eines Wohn- und Geschäftshauses sowie den Umbau und die Erweiterung eines Rückgebäudes" vor. Die Behörde habe die Anträge "überwiegend negativ" beurteilt, sagt Ingo Trömer vom Planungsreferat. "Gegen die Entscheidung hat der Bauherr nun Klage erhoben."

Auf der Stadt lastet der Veränderungsdruck. Im Zuge der Nachverdichtung wird jedes letzte freie Fleckerl für den Wohnungsbau ausgewiesen. Eine Entwicklung, die für Investoren lukrativ ist. Alteingesessene Gewerbe gehen dabei häufig unter. Lokalpolitiker haben auf privatem Gelände wenig Spielraum, das Planungsreferat ebenso. Und: Zumindest auf dem Papier sehen zehn neue Wohnungen deutlich besser aus als ein zubetonierter Hinterhof samt Autowerkstatt, Parkplatz und maroder Gewerbeeinheit.

Was ein Denkmal ist, legen Bürger und Ämter oft unterschiedlich aus

Aktivisten wie der frühere Vorsitzende des Bezirksausschusses der Maxvorstadt, Klaus Bäumler (CSU), sehen das freilich anders. Für sie – und viele andere – haben Gebäude, wie das an der Augustenstraße 105, einen ideellen Wert. "Das Häusl ist ein köstliches Kuriosum aus der Wiederaufbauzeit. Eigentlich gehört es unter Denkmalschutz", sagt er. Der Bau sei einer der letzten seiner Art, deshalb sollte das Denkmalamt ihn zumindest dokumentieren.

Bislang hat die Behörde den Behelfsbau nicht auf dem Zettel. "Der aus mehreren Teilen verschiedener Zeiten bestehende Bau ist bislang nicht auf seine mögliche Denkmaleigenschaften geprüft worden", sagt eine Sprecherin. Für derartige Architektur, die meist illegal als Schwarzbau entstanden ist, gebe es keine pauschalen Regeln. Jedes Gebäude müsse gesondert betrachtet werden.

Wohnbaufirmen haben die Gegend für sich entdeckt

Das Amt setzt dabei zuweilen andere Kriterien an, wie das Anwohner oder Initiativen wie etwa die Altstadtfreunde tun, die sich um den Erhalt des Stadtbilds verdient machen. Jüngstes Beispiel, selbes Viertel, andere Baustelle: die Tierklinik am Englischen Garten. Bei einer Bürgerversammlung 2016 sprach sich eine Mehrheit der Maxvorstädter gegen einen Abriss der Traditionsbauten aus. Der Abriss der meisten Gebäude kommt trotzdem. Das konnten weder Petitionen im Landtag noch Protest verhindern. Nur Teile auf dem Universitätsareal gelten als denkmalwürdig, stehen aber nicht unter Schutz.

Bei Nachkriegsarchitektur ist das häufig so. Gerade in der von Bomben stark getroffenen Augustenstraße gibt es viele Bauten aus dieser Zeit. Bislang war sie von der Abrissbirne der Projektentwickler verschont geblieben. Das leicht verranzte Aussehen und die Nähe zum Bahnhof hielt Spekulanten fern.

Mit dem Bau der Lenbachgärten, der Ateliershäuser, den Augustenhöfen oder dem Wohnblock Therese, haben Immobilienfirmen die Gegend in den letzten Jahren auch für gehobene Käuferschichten entdeckt. Für ihr Angebot werben sie dort inzwischen lieber mit "großbürgerlichem Ambiente", statt mit lebendigem Fisch.

Lesen Sie hier: Ohne Genehmigung - München baut schwarz

 

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