DFB-Spieler nach Terroranschlag Psychologin: "Ein Böller – und der innere Panzer zerbricht"

Wurden beim Länderspiel in Paris unmittelbar mit dem Terror konfrontiert: Die Nationalspieler um Jerome Boateng, Sami Khedira, Mario Gomez und Bastian Schweinsteiger (v.l.). Foto: dpa

Hier spricht Psychologin Anna Schoch über mögliche Ängste der DFB-Spieler nach den Terrorattacken und über ihre Rückkehr in den Bundesliga-Alltag.

 

AZ: Frau Schoch, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist jetzt zweimal kurz hintereinander mit dem Terror unmittelbar in Berührung gekommen, einmal bei den Anschlägen während des Spiels in Paris und einmal durch das abgesagte Länderspiel gegen die Niederlande in Hannover. Wie sehr, denken Sie, belastet das die Spieler?

ANNA SCHOCH: Das ist individuell natürlich sehr unterschiedlich. Der eine macht sich generell schneller Sorgen, der andere ist da robuster. Was man aber auf jeden Fall sagen kann: Eine gewisse Verunsicherung ist nach solchen Ereignissen bei jedem vorhanden. Man kann die Sorgen und Ängste natürlich verdrängen, manchmal stecken sie auch nur im Unterbewusstsein. Aber schauen Sie: Dass die deutsche Nationalmannschaft das Spiel im Stade de France mit 0:2 verloren hat, kann durchaus etwas mit der Bombendrohung nachmittags im Hotel zu tun haben. Da wurde bestimmt eine gewisse Bedrohung gespürt.

Kann diese innere Angst durch äußere Ereignisse, zum Beispiel durch einen Knall, wieder bewusst werden?

Natürlich, dann zerbricht der innere Panzer möglicherweise. Beim einen reicht schon ein körperlicher Schmerz, zum Beispiel ein Tritt ans Schienbein, beim anderen ist es ein Knall, zum Beispiel durch einen Böller. Pyrotechnik zu zünden, ist in der momentanen Situation ganz schlecht.

Die Erlebnisse können für die Spieler also durchaus leistungshemmend sein?

Ja, wenn die Angst bewusst wird, kann sie die Leistung behindern. Aber Fußballer sind Kämpfer und müssen mit Angst umgehen können.

Finden Sie es dann gut, dass der Bundesliga-Alltag für die Spieler schnell weitergeht, dass die Spiele am Wochenende nicht abgesagt wurden?

Ja, denn Angst verschwindet nur dann, wenn man sich ihr stellt. Allerdings sollte man offen darüber reden können, um sie nicht übermächtig werden zu lassen. Und dazu gehört, sich ganz bewusst seinen Aufgaben zu stellen. Während des Spiels hat man keine Zeit, über die Angst nachzudenken.

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Was können denn die Spieler gegen Ihre Ängste tun?

Ganz wichtig ist die Möglichkeit, dass sie sich untereinander über ihre Gefühle austauschen können – am besten, und die haben sie bestimmt, mit professioneller Hilfe. Und dann heißt es: Gottvertrauen, weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen!

Kann so ein gemeinsames traumatisches Erlebnis, wie die gemeinsam verbrachte Nacht in der Kabine des Stade de France, eine Mannschaft auch zusammenschweißen?

Ich denke, ja. Wichtig ist aber, zu bedenken, dass die Spieler die Situation je nach Charakter unterschiedlich verarbeiten. Sie sollten aber offen über ihre Gefühle sprechen können, ohne befürchten zu müssen, verspottet zu werden. Jeder sollte die Ängste des anderen respektieren. Nun sind es Profisportler ja gewohnt, in Drucksituationen ruhig zu bleiben. Steckt so jemand den Schreck besser weg?

Stresssituationen aktiv zu bewältigen ist ja der Job der Fußball-Profis. Sonst hätten sie es nicht so weit geschafft. Also, ja.

Bei der EM im Sommer kehrt die deutsche Mannschaft nach Frankreich, vielleicht sogar ins Stade de France, zurück. Kann das die Leistung beim Turnier beeinträchtigen?

Ich sehe das eher positiv. Eine Rückkehr kann gut sein, weil man eben nicht davonläuft. Wenn man vor etwas Angst hat, sollte man das Objekt seiner Furcht aus der Nähe betrachten, meistens ist es dann gar nicht mehr so schlimm. Zudem werden die Sicherheitsvorkehrungen um die Stadien ja noch einmal deutlich verschärft. Wenn die deutsche Mannschaft wieder ein Spiel gewinnt, verflüchtigt sich die Angst ganz von selbst.

Abschließend: Was würden Sie dem Fan raten, der gerne ins Stadion gehen würde, aber ein mulmiges Gefühl dabei hat?

Das muss jeder nach seiner Gefühlslage selbst entscheiden. Man muss sich ja auch wohlfühlen beim Stadionbesuch, sonst macht es keinen Spaß. Grundsätzlich sollte man seine Pläne aber beibehalten, sonst könnte man ja gar keinen Schritt vor die Haustür tun. Und die Angst wird davon nicht kleiner.

 

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