Deutschland Bayern: Marke Eigenbau

Bad Bayersoien - Das oberbayrische Dorf Bad Bayersoien liegt inmitten einer grün gewellten Wald- und Wiesenlandschaft. Die Gegend am Ortsrand wird von einigen „das verrückte Eck“ genannt. Das klingt übertrieben, ein paar schräge Typen scheinen hier aber tatsächlich zu leben. Aus einem der Autowracks, die in den Vorgärten unter bemoosten Apfelbäumen vor sich hin rosten, steigt ein struppiger Kerl aus - offenbar wohnt er schon länger in dieser günstigen Unterkunft. Das Gebäude erinnert an die Villa Kunterbunt.

 

Vor der Eingangstür steht ein zerschlissenes Sofa, vom Dachbalken baumelt ein betagter Skiliftsessel - welche Funktion er hat, wird sich später zeigen. An der Tür neben dem Holzschild, auf das in blauer Ölfarbe „Skibuilding“ gepinselt wurde, hängt ein computergeschriebener Zettel. „Norma­lerweise“, heißt es dort, „öffnen wir zwischen neun und elf Uhr. Manchmal kann es auch später werden. An einigen Tagen sind wir überhaupt nicht hier, aber es kann sein, dass wir dann doch noch kommen.“ Heute ist zum Glück jemand da. Drinnen in der Werkstatt stehen zwölf Leute im Halbkreis um Andreas Fehlau herum. Andreas, den alle Felix nennen, ist Softwareprojektleiter. Nebenbei arbeitet er auch als Skibaumeister. Er und ein paar Freunde werden Tobias, Thomas, Herrmann, Hartl und den anderen, die aus Salzburg, Augsburg und sogar aus der Schweiz angereist sind, in einem zweitägigen Kurs beibringen, wie man sich seine Brettln selber baut. Die Idee kommt an.

Auf eigenen Brettern fährt es sich besser

„Obwohl wir keine Werbung machen, sind wir komplett ausgebucht“, sagt Felix. Dann schnappt er sich einen Ski, auf dem das Logo eines deutschen Herstellers prangt. Er zersägt ihn in zwei Teile und kratzt mit seinem Taschenmesser an der hervorquellenden weißen Masse. „Bauschaum ist absolut billiges Zeug“, sagt Felix und lässt das Kunststoffbrett in der Runde herumgehen. Dabei macht er eine Miene wie ein Detektiv, dessen Spur sich als die richtige erwies. „Die großen Firmen mögen uns nicht, obwohl wir im Jahr höchstens 300 Paar Ski anfertigen. Das liegt wohl daran, dass wir die Leute auf Qualitätsdefizite aufmerksam machen.“ Trotz ihres Erfolges wollen Andreas Fehlau und seine Kumpels mit dem Skibauseminar nicht das große Geld machen. „Wir möchten unseren Kunden die Erkenntnis vermitteln, dass Skifahren noch mehr Spaß macht, wenn man seine Bretter selbst gebaut hat.“ Damit das auch tatsächlich gelingt, erhielten die Seminarteilnehmer nach der Anmeldung ein 20-seitiges Formular zugeschickt. Auf diesem „Skiformenguide“ konnte man Wünsche äußern. Positive oder negative Vorspannung, kleiner oder großer Radius, harter oder eher weicher Ski - das alles galt es zu ermitteln, damit die Organisatoren das Nötige besorgen konnten. Nun geht es endlich los.

Egal, ob gemütlicher Tourengeher oder adrenalinsüchtiger Variantenfahrer: Zumindest im Kopf haben alle ihren maßgeschneiderten Rolls-Royce-Ski schon x-mal ausprobiert. Ob er auch praxistauglich ist, wird sich jetzt herausstellen. Gegen den Lärm mit Ohropax geschützt, hobelt eine Gruppe den „Kern“ auf das berechnete Maß zu. Als Kern, unabhängig vom Skityp, dient für alle Esche. Die Holzart ist ziemlich teuer, an die 600 Euro soll ein Kubikmeter kosten. „Esche ist langfaserig und hart“, erläutert Felix. „Über diese Eigenschaften verfügt zwar genauso die wesentlich billigere Fichte. Aber die saugt Wasser an, was das Brett aufweicht und schwer macht.“

Den anderen, die als Erstes den Belag ausschneiden, erklärt Felix’ Geschäftspartner Andreas Hertle, dass es sich um Sinterbelag handelt: ein Material, das die Rennläufer für ihre schnellen Bretter verwenden. Sinterbelag sei auch nicht ganz billig, man solle also vorsichtig ans Werk gehen. Der Eisenofen bullert, mittlerweile ist es in der Werkstatt so warm, dass einige im T-Shirt mit Messer oder Hobel arbeiten. Es wird konzentriert und schweigend gewerkelt. Wenn nicht die Hobelmaschinen Staub aufwirbeln, hört man nur das scharrende Geräusch der scharfen Messer. Keiner hat jetzt Zeit, einen Blick auf die von Spinnweben überzogenen Pokale in den Regalen zu werfen. Die Pin-up-Girls an den Wänden bleiben ebenfalls unbeachtet. Draußen türmen sich dunkle Wolken­gebirge auf. Die Föhnstürme der vergangenen Nacht haben am gepolsterten Weiß auf den Wiesen genagt, nun sieht die Landschaft rund um Bad Bayersoien wie Stracciatella-Eis aus. Ab und zu geht ein Bastler hinaus, um auf dem zerschlissenen Sofa eine Zigarette zu rauchen. Schlechtes Wetter sei angekündigt, sagt Thomas und bläst dazu Kringel in die eisige Winterluft. „Du meinst Schnee - also gutes Wetter“, antwortet Tobias. Brettlbauer haben eine sehr spezielle Sicht auf die Wirklichkeit. Böswillige könnten sie ein­geschränkt nennen. Denn es gibt während dieser zwei Tage unter den Kursteilnehmern ein einziges, alles beherrschendes Thema: Schnee, Schnee und Schnee. Tobias zum Beispiel, der im Winter als Skilehrer und im Sommer als Rafting- und Canyoning-Guide arbeitet, hat sich ein halbes Jahr freigenommen, um die Freeride-Gebiete in den Rocky Mountains kennenzulernen.

Probieren geht über studieren

Darauf freut er sich riesig. Oder Thomas, der schüchtern wirkt und schon zum zweiten Mal an einem Skibauseminar teilnimmt. Mit seinen ersten selbst gemachten Brettern wedelte er die Holzer-Rinne im Sella-Massiv hinunter. Das ist ein extrem steiles Couloir, das man nur erreicht, nachdem man sich über eine senkrechte Felsbarriere abgeseilt hat. Die Tour sei grandios gewesen, sagt der junge Mann beiläufig. Und seine Augen leuchten. Für die nächsten Unternehmungen will sich Thomas 15 Zentimeter breite Tiefschneebretter bauen - man könnte sie glatt mit Wasserskiern verwechseln. „Auf normalen Pisten kriegst du damit keinen Stemmbogen hin“, meint Felix. „Aber wir machen hier keine Billigbretter, wie man sie im Sportladen kriegt.“ Die Eigenkreationen drückten eben eine Weltanschauung aus. Dann erzählt Felix, wie er selbst auf das ungewöhnliche Hobby kam. „Vor einigen Jahren wurden meine Skier gestohlen. Das neue Paar, das ich kaufte, war Mist. Das nächste hingegen lief richtig gut.“ Den Softwareprojektleiter, der mit seinen Freunden außerdem Autos und Fahrräder mit Elektromotor entwirft, packte der Forscherehrgeiz. Ihn trieb die Frage nach dem entscheidenden Unterschied um. Er zersägte schnelle und langsame Brettln, tüftelte und begann selbst mit Glas-, Kohlefasern und verschiedenen Holzkernen zu experimentieren.

„Irgendwann begriff ich, worauf es ankommt. Und jetzt möchte ich mein Wissen weitergeben.“ Am Ende dieses Arbeitstages werden die Bretter in eine Art Pizzaofen gesteckt. Sie ähneln jetzt echten Skiern. In einen Vakuumplastiksack mit Unterdruckventil verpackt, soll sich unter konstant warmen Temperaturen die Form stabilisieren. Am folgenden Morgen werden die Skier mit der Stichsäge aus der Schablone geschnitten, anschließend muss man die Seiten glatt schmirgeln. Dann sind die selbst gemachten Bretter fertig. Nicht alle perfekt. Hier sind die Kanten nicht ganz genau verlegt, dort wirkt das Design etwas verrutscht. Doch solche Kleinigkeiten können der Begeisterung keinen Abbruch tun. Für ein Erinnerungsfoto setzt sich jeder in den Sesselliftsitz unter dem Dachbalken. Stolz werden die Skier in Richtung Kamera gereckt.

 

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