Deutsches Theater Der neue Watzmann ruft

Bua Christoph Theussl und Bauer Aurel Bereuter im Streit. Foto: Susanne Brill

Ecco Meineke und Sven Kemmler machen aus dem leicht angestaubten Kultstück „Der Watzmann ruft“ eine übermütige Satire

 

Der Maler Bob Ross macht sich gleich zu Beginn, zufrieden „friendly blue in the background“ brummelnd, sein eigenes Bild vom Berg. Unter der ausladenden Afro-Look-Perücke steckt Arnd Schimkat. Der Münchner Premium-Clown ist zudem ein verhuschter Mönch und Erzähler, spielt aber auch die von nördlich des Mains ins Alpenland einfallenden Touristen.

Schimkat ist nur einer aus der Münchner Kleinkunstszene, die aus dem „Rustical“ ein „Munichal“ gemacht haben. Sven Kemmler, unter anderem Schwabings witzigster Englischlehrer, ist Regisseur des hochalpinen Treibens, das von Autor Ecco Meineke, Kabarettist und Musiker mit Vergangenheit bei der Lach- und Schießgesellschaft, gründlich ausgemistet wurde.

Kritik am Tourismus

Ein Knechte-Duo wie Stan und Laurel sind Norbert Bürger, aktuelles Mitglied bei den Lachern und Schießern, sowie das umtriebige Multitalent Moses Wolff. Der Cast aus reichlich heimischem Anbau bedeutet auch die Heimholung von „Der Watzmann ruft“ nach Bayern, denn der Schicksalsberg, den einst Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz in Österreich verorteten, liegt im Berchtesgadener Land. Der Straubinger Liedermacher Mathias Kellner wiederum treibt zusammen mit seiner vierköpfigen Band den geschmeidigen Austro-Pop des Originals aus und lässt einen deftigen Minga-Rock krachen.

Kellner war bereits der musikalische Leiter einer neuen „Watzmann“-Inszenierung, die im vergangenen Jahr in Wien eigens für das Deutsche Theater produziert wurde. Auch die Besetzung der Gailtalerin mit EAV-Frontmann Klaus Eberhartinger half damals nicht gegen die Patina, der sich auf den Kult aus den Siebzigern gelegt hatte. Zu jener Epoche hatte es noch den Duft von Anarchie, auch außerhalb des Faschings Frauen mit Männern zu besetzen. Heute ist es radikaler, die Gailtalerin von einer Frau spielen zu lassen.

Mit der Alpinkatze Sabine Kapfinger aus dem Dunstkreis von Hubert von Goisern wurde eine ganz besonders fulminante und stimmmächtige Sängerin gefunden. Doch Meineke und Kemmler trauten sich auch an die Substanz ihrer Vorlage. Nicht mehr die Parodie auf verzopften Heimatkitsch ist das Programm, sondern dessen real existierende Ausbeutung durch eine ausschließlich von Profitmaximierung angetriebene Tourismusindustrie.

Auf dem neuesten Stand

Hilflos üben die Knechte mit ländlichem Retro-Gerät aus Plastik und verbissen proben die Mägde (Cecilia Kukua, Claudia Jacobacci und Ecco Meineke, der eine verletzte Kollegin aufs Allerliebste vertritt) das „Ave Maria“ - nicht aus religiöser Inbrunst, sondern weil die „Gäschte“ das vom Bauernvolk erwarten.

Aus dem Hof des Bauern (Aurel Bereuter) ist die „letzte authentische Berghütte am Watzmann“ geworden, und der Bua (Christoph Theussl) geht, Greta Thunberg zitierend, „auffi“, um die Bergwelt zu retten. Der kabarettistische Furor, der auch noch mehr an Zuspitzung hätte vertragen können, macht den Neo-„Watzmann“ mehr zu einer übermütigen Satire-Revue und weniger zu einem großräumig durcherzählen Musical.

Das Deutsche Theater wiederum zeigt sich zeitgeistig auf dem neuesten Stand und vermählt Marketing mit Klima-Protesten: Für Schüler und Studenten gilt bei den Shows nach den Freitag-Demos ein Sonderpreis von zehn Euro.

Deutsches Theater, bis Sonntag, 4. August, 19.30 Uhr, am Samstag auch 15 Uhr, Telefon 55234444

 

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