Der Wüstenfex Fotograf Michael Martin über die Faszination der Wüste

Michael Martin unterwegs. Foto: Michael Martin

Von Sand und Dünen bekommt Michael Martin nicht genug. Seit 40 Jahren ist er unterwegs und hat wieder ein Buch über sein Lieblingsthema geschrieben

 

„Man muss offen sein für alles“, sagt Michael Martin. Mit einer Hausboot-Tour durch Holland könne man ihn allerdings jagen. Für einen Abenteurer, der durch die Wüsten der Welt zu fährt, passiert da einfach zu wenig. Und Martin braucht Stoff für seine Vorträge. Zwischen Flensburg und Berchtesgaden hat der 56-jährige Münchner bald in jedem Ort von seinen Reisen erzählt, Dias gezeigt. Und jeder kennt die Plakate mit dem wild gelockten Motorradfahrer vor einer Düne. Über die Wüsten hat er auch sein jüngstes Buch geschrieben, das am Montag erscheint.

AZ: Herr Martin, ist es in Zeiten des Klimawandels noch zeitgemäß, um die Welt zu fahren?
MICHAEL MARTIN: Einfach nicht mehr zu reisen, wäre doch übertrieben. Auf das Wie kommt es an. Ich versuche ja auch, möglichst klimafreundlich zu reisen, also wenig zu fliegen und viel mit der Bahn zu fahren.

Nun leben Sie vom Reisen und halten Vorträge über fremde Länder. Dabei kann man sich heute problemlos in weitentfernte Regionen googeln.
Und es gibt Reisefilme auf Arte, Netflix oder im Kino. Die Rahmenbedingungen für meine Vorträge sind schlechter geworden, trotzdem laufen sie nach wie vor mit steigendem Erfolg. Allein in München kommen 14 000 Besucher zu einem Thema. Das sind 26 Vorträge – und die Muffathalle ist immer voll.

Jedenfalls sind Sie bis zum 19.3.2022 verplant.
Und die Leute bestellen tatsächlich schon Karten. Mein Publikum ist mir seit 40 Jahren treu, und ich bin meinem Konzept treu geblieben. Das hat letztlich zu 2000 Vorträgen, 30 Büchern und vielen Fernsehfilmen geführt.

In Ihrem neuen Buch geht es wieder um Wüsten, Ihre große Leidenschaft. Wann waren Sie zum ersten Mal in der Sahara?
Mit 17. Damals habe ich mich sehr für Astronomie interessiert und wollte einen richtigen Sternenhimmel sehen. Ich bin in Augsburg aufgewachsen, und in einer Stadt mit all ihren Lichtern ist der Himmel nicht so eindrucksvoll. Mit einem Freund bin ich deshalb viel in die Berge geradelt, und mit 17 sind wir dann auf unseren Mofas nach Marokko gefahren. Diese erste Wüstenreise war übrigens der Einstieg für das, was ich bis heute mache: reisen, fotografieren, darüber berichten.

Wie haben sich die Wüsten in dieser Zeit verändert?
Sie sind zum Glück immer noch relativ unberührt, schon wegen ihrer Größe und der dünnen Besiedelung. Allerdings hat sich das Leben dort verändert. Leute, die sich vor 40 Jahren traditionell gekleidet, gewohnt, gekocht oder musiziert haben, tragen heute chinesische Billigkleidung, sitzen vor dem Fernseher, hören amerikanische Musik und haben das Kamel gegen ein Moped getauscht. Besonders in den wirtschaftlich starken Regionen, die Öl haben. In Ländern wie Mali, Niger, Mauretanien, wo es kaum Wachstum gibt und die Armut sehr groß ist, hat sich das traditionelle Leben oft bis heute gehalten. Es ist zwar meistens besser als vor 30, 40 Jahren, aber die Schere zwischen den ärmsten und den reichen Ländern ist weiter aufgegangen.

Ist Ihnen schon mal das Wasser ausgegangen?
Nein, ich bin ja noch am Leben. Das darf einfach nicht passieren.

Und wie schmeckt Kamelmilch?
Ich habe nur genippt, weil ich auch keine Kuhmilch mag. Aber so weit ist das geschmacklich nicht voneinander entfernt. Kamelmilch ist nur wesentlich gesünder und gehaltvoller. Ich gehöre nicht zu denen, die in jedem Nomadenzelt alles probieren müssen.

Haben Sie trotzdem eine Empfehlung?
Datteln! Wenn Sie gute erwischen, kann das ein absoluter Hochgenuss sein. Ich war übrigens gerade in den Wüsten Perus, wenn es in die Anden rübergeht, bekommen Sie dort gebratene Meerschweinchen am Spieß. Das schmeckt gar nicht übel, ein bisschen wie Huhn. Das wird die Kinder hier schockieren: In Peru werden im Jahr 60 Millionen Meerschweinchen verzehrt. Aber was wir in Deutschland essen, ist in manchen Ländern ja auch tabu.

Sie haben immer Senf und Pesto dabei.
Ich bin kein großer Fan von Hirsebrei und dergleichen, aber ich mag auch keine gefriergetrocknete Nahrung mitnehmen. Deshalb kaufe ich vor Ort Nudeln, Reis oder Brot, und das kann man mit Pesto ganz gut aufpeppen. Oder ein bissl Senf aufs Brot streichen, das geht auch.

Kann man sich halbwegs gesund ernähren, wenn man wie Sie unterwegs ist?
Nein. Da habe ich immer Diskussionen mit meiner Frau. Wenn das Licht gut ist, fotografiere ich, dann kommt das Essen irgendwann später.

Wie orientieren Sie sich in der Wüste?
Bis in die 1990er-Jahre hatten wir Kartenmaterial, und mit einem Kompass ging das gut. Wobei es schon zu Streitereien mit meinen Reisepartnern kam, wenn wir uns über den Weg nicht einigen konnten. Heute habe ich auf meinem Smartphone die App Pocket Earth und per Knopfdruck weiß ich quasi, wo ich bin und wohin ich fahren muss.

Dann ist das Reisen nicht mehr so aufregend?
Doch, doch, gegen das Wetter sind Sie trotzdem machtlos. In den 80er Jahren war das Verdursten noch ein Thema, damals sind jedes Jahr rund 80 Europäer in der Sahara verschwunden und verdurstet. Das passiert heute nicht mehr, dafür sind die politischen Unsicherheiten gestiegen.

Können Sie noch halbwegs ungestört arbeiten?
Stellen Sie sich einfach nur vor, Sie sind im Iran als Fotograf unterwegs und haben heimlich eine Drohne mitgebracht, die für die Aufnahmen wichtig ist. Jede Polizeikontrolle wird zur potenziellen Gefahr. Auch in Syrien und Afghanistan habe ich mich nie wohlgefühlt. Ich mag Polizeistaaten und Diktaturen einfach nicht. Aber als Fotograf bin ich den Auswirkungen auch mehr ausgesetzt. Ich müsste vorsichtig sein, kann das aber nicht, weil ich sonst einfach keine Bilder bekomme. Wenn Sie in offizieller Mission oder für eine Firma unterwegs sind, genießen Sie einen gewissen Schutz. Aber ich habe ja noch nicht einmal eine Redaktion im Hintergrund. Von den einfachen Leuten habe ich mich übrigens nie bedroht gefühlt.

Früher war das Fliegen ziemlich teuer, wie haben Sie Ihre Reisen finanziert?
Das Reisen waren zwar teurer, aber ich musste insgesamt nicht so viel Zeit und Geld investieren wie heute. Ich treibe inzwischen einfach viel mehr Aufwand, weil mein Anspruch und der des Publikums gestiegen ist. Planet Wüste war 2015 mein letztes großes Projekt. Dem liegen 40 Reisen zugrunde mit einer halben Million Euro Reisekosten, obwohl wir Economy fliegen und in den einfachsten Hotels schlafen.

Haben Sie Sponsoren?
Von BMW bekomme ich das Motorrad, von Nikon die Kamera. Ansonsten finanziere ich mich komplett über meine Vorträge. Bücher und Fernsehfilme reichen nicht zum Leben.

Aufs Motorrad passt nicht viel drauf.
Man kommt mit wenig aus. Ein T-Shirt, Handwaschseife, auch ein Paar Schuhe reicht völlig aus. Mein Credo lautet Reduktion. Die Wüste ist schließlich auch ein reduzierter Ort. Das Schöne am Reisen ist doch, alles hinter sich zu lassen. Wir haben hier von allem zu viel, und die Wüste ist für mich das Gegenkonzept. Und umso mehr schätze ich dann auch wieder unseren Komfort.

Sie sind aber nie allein unterwegs?
Ich reise immer zu zweit. Entweder mit meinem besten Freund Jörg Reuther aus München, der ist auch Fotograf, oder mit meiner Frau Elly. Zwei ist die ideale Zahl. Ich bin nicht gerne allein, und ab drei, vier Leuten beschäftigt sich eine Gruppe vor allem mit sich selbst und ist nicht mehr offen. Als Fotograf müssen sie sowieso alles den Aufnahmen unterordnen, das geht mit drei, vier Leuten nicht. Einer muss doch immer aufs Klo.

Wo sind Sie zu Hause?
In Pasing.

Und wieviele Tage im Jahr sind Sie da?
100 bis 150, aber es kommt drauf an. 2018 war ich acht Monate auf Reisen und vier Monate zu Hause. Da hatte ich kaum Vorträge. Dieses Jahr ist es ähnlich. 2021 und 2022 sind jeweils 150 Vorträge geplant. Da mache ich keine Reisen, sondern bin auf Vortrags-Tour in ganz Deutschland unterwegs.

Wie hat sich Ihr Publikum verändert?
Es ist mit mir älter geworden. Als 25-Jähriger hatte ich viele Studenten im Publikum, und heute treffe ich oft Leute, die mich an der Uni in Aachen, Tübingen oder sonst wo gehört haben. Es sitzen aber auch viele junge Leute im Publikum. Die kommen allerdings nur, wenn ihnen jemand steckt, dass das interessant oder cool ist.

Hat die Familie Ihnen das viele Reisen je übel genommen?
Im Gegenteil, die war oft dabei. Meine Tochter hat 50 Reisen mit mir gemacht und war auf der ganzen Welt. Mein Sohn genauso. Ich bin zu Elternabenden gegangen, zum Bäcker, habe den Rasen gemäht und konnte gleichzeitig diese aufregenden Reisen machen. Ich habe es geschafft, ein Leben zwischen Reihenhaus und Wüste zu führen.

Und wohin geht die nächste Reise?
In den indischen Himalaya zur Quelle des Ganges. Ich möchte dort dem Hinduismus nachspüren, das gehört alles zum neuen Projekt „Terra“. Ich komme gerade aus Indonesien, wo ich mich für die Vulkane interessiert habe. Davor waren wir in Peru, im Regenwald und in den Anden unterwegs.

Und wie lange wollen Sie das noch machen?
Bis ich tot umfalle.

Michael Martin: „Das Wesen der Wüste“ (Ludwig Verlag, 288 Seiten, 22 Euro), ab 14. Oktober; Vorträge: 6. 1. (Planet Wüste) und 26. 1. (Abenteuer Motorrad) in der Alten Kongresshalle; mehr auf www.michael-martin.de

 

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