Der Rücktritt "Man wünscht, dass es ihm gut geht"

Wie bayerische Pilger in Rom mit dem Abschied „ihres“ Papstes umgehen – und was sie sich von dessen Nachfolger erhoffen. Zum Beispiel, mehr für die Ökumene zu tun

 

Marietta Gongora ist ganz oben. „Was für ein wunderschöner Tag“, sagt die Münchnerin und schaut auf den Petersplatz hinunter. In luftiger Höhe steht sie auf der Kuppel von Michelangelos Petersdom. „Das hat sich gelohnt“, sagt die 43-Jährige über ihre spontane Reise nach Rom, und sie meint nicht nur die 551 Stufen hier hoch und den Ausblick. Vor drei Wochen hat kaum einer der Besucher aus Bayern damit gerechnet, heute hier zu sein. Jetzt ragt aus gefühlt jedem zehnten Rucksack eine weiß-blaue Fahne. „Ja freilich, ned lang nachdenkt“, sagt einer aus Hofstetten bei Eichstätt, „des is doch a Weltereignis“.

Einen konkreteren Grund für die Reise in die Heilige Stadt hat Anja Hirschmann aus der Nähe von Weiden. „Ich war vier Monate in Afghanistan“. Als Stabsunteroffizierin der Bundeswehr.„Ich hab mir immer gedacht, wenn ich da heil wiederkomme, dann geh ich nach Rom.“ Ihre Mutter Monika, die so viel Angst hatte um die Tochter, ist mitgefahren. „Daheim passt der Mann auf den Hund auf.“ Niemand hat die Abschieds-Pilger gezählt, allein mit dem bayerischen Pilgerbüro sind 300 in der Stadt. Bairisch ist dieser Tage Zweitsprache in der Stadt, in der eigentlich Super-Nebensaison ist. Der päpstliche Paukenschlag hat alles geändert, auch für Marietta Gongora und Elena Wolff auf der Kuppel: „Wir hätten unseren Benedetto gerne noch behalten“, sagt die Theologie- und Lateinstudentin aus München.

Die beiden begleiten eine Gruppe von 45 Studentinnen. Sie sind mit dem Säkular-Institut „Cruzadas de Santa Maria“ hier. So ungetrübt wie der Blick vom Dom und das römische Vorfrühlingswetter ist die Stimmung aber nicht: „Eine Mischung“ fühlt Elana Wolff. Der Rücktritt sei jedenfalls „ein Zeichen von Stärke“. Ja, sie werde auch für den neuen Papst nach Rom kommen, und sie hofft, dass „der nächste noch mehr für die Ökumene tut“. Von hier oben ist der Lärm der Renovierungstrupps kaum zu hören. In den vatikanischen Gärten stören hässliche Schutt-Röhren aus dem ehemaligen Frauenkloster die optische Harmonie. Hier soll der Ex-Papst in zwei Monaten einziehen. Vieles ist im Umbau. „Man kann nicht sagen, ob seine Entscheidung richtig oder falsch ist“, sagt Konrad Loher. Der Fahrzeugtechnik-Student aus der Nähe von Fahrenzhausen ist mit seinen Eltern da und mit dem Pilgerbus: „Man wünscht ihm, dass es ihm gut geht“, sagt Mutter Barbara: „Aber für uns ist er nicht mehr da“, meint der Sohn.

Langsam dämmert es den meisten, dass sie eine Sonderrolle hatten mit dem bayerischen Kirchenoberhaupt. Und dass diese Sonderrolle zu Ende gehen könnte. Es wird spannend, ob die Kleider-Polizei vor dem Petersdom auch nächsten Sommer noch eine Ausnahme macht, wenn die Krachledernen wieder anrücken. Denn eigentlich sind kurze Hosen im Dom verboten. Unter Benedikt hat sich keiner getraut, da was zu sagen.

Joseph Ratzinger – dem Himmel ganz nahe

Am Mittwoch der letzte öffentliche Auftritt, gestern die letzte Amtshandlung. Im Sala Clementina des Vatikans hat sich Papst Benedikt XVI. von den versammelten Kardinälen verabschiedet. „Unter Euch ist auch der kommende Papst, dem ich meine bedingungslose Hochachtung und meinen Gehorsam verspreche“, sagte der Deutsche zu den Purpurträgern. Von jedem von ihnen, die gemeinsam den neuen Papst wählen werden, verabschiedete sich Benedikt persönlich, wechselte mit ihm einige Worte. Gegen 17 Uhr (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe) startete der Papst dann samt Gefolge mit dem Hubschrauber in Richtung Castel Gandolfo. In der Sommerresidenz am Lago Albano, rund 30 Kilometer von Rom entfernt, beendet der Pontifex dann gegen 20 Uhr bei Gebeten offiziell seine Amtszeit. In dem Palast mit herrlichem Seeblick wird der emeritierte Papst Joseph Ratzinger in den nächsten Monaten wohnen – bis die Umbauten an seinem eigentlichen Ruhesitz beendet sind. Langweilig wird ihm bis dahin sicher nicht werden – das Castel verfügt unter anderem über eine große Bibliothek und eine Sternwarte, in der astronomische Forschungsarbeiten betrieben werden. Auch im übertragenen Sinn kann der Ex-Papst dann dem Himmel ganz nah sein. Hinter der großzügigen Anlage des Castel Gandolfo muss sich die Ratzingerische Altersresidenz keinesfalls verstecken. Das vierstöckige Klausurkloster Mater Ecclesiae liegt in einem grünen Winkel des Vatikanstaates und wird von der mächtigen Leonidischen Mauer geschützt, die Papst Leo IV. im neunten Jahrhundert anlegen ließ um den Vatikan vor Sarazenenangriffen zu schützen. In dem aus dem Jahr 1994 stammenden Kloster wird Ratzinger in einer WG wohnen: Mit seinem Sekretär, Erzbischof Georg Gänswein und vier Nonnen, die schon bisher seinen Haushalt verwaltet und betreut haben.

 

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