Vorplanung abgeschlossen Gasteig-Sanierung: Ein Hauch von Elbphilharmonie

Eine Simulation der neu konzipierten Philharmonie. Das Büro des Münchner Architekten Gunter Henn hat sie mit dem Akustiker Yasuhisa Toyota entwickelt. Foto: Henn

Die Vorplanung für die Sanierung des Gasteig ist abgeschlossen. Im Herbst entscheidet der Stadtrat.

 

Die Sanierung des Gasteig ist einen Schritt weiter gekommen: Das Büro Henn hat die Vorplanung für die teilweise Neukonzeption des Kulturzentrums am Isarhochufer abgeschlossen. Sie wurde am Dienstag in der Aufsichtsratsitzung der städtischen Gasteig GmbH vorgestellt. Im Herbst stimmt der Stadtrat darüber ab, was angesichts der angespannten Haushaltslage interessant werden dürfte.

Der Gasteig ist zwar Europas bestbesuchtes Kulturzentrum, gleichwohl ist das 50 Jahre alte Konzept ebenso in die Jahre gekommen wie die Haustechnik, deren technischer Stand den Auslöser für die Sanierung bildete. Die Philharmonie ist zwar viel besucht, gleichwohl aber akustisch umstritten. Selbst ihre Verteidiger bestreiten nicht, dass die Plätze in den oberen Rängen vom musikalischen Geschehen sehr weit entfernt sind.

Im Zusammenhang mit dem Abschluss der Vorplanung hat die Gasteig GmbH nun eine Simulation der neu konzipierten Philharmonie vorgestellt, die das Büro des mit der Sanierung beauftragten Münchner Architekten Gunter Henn gemeinsam mit dem Akustiker Yasuhisa Toyota entwickelt hat. Toyota ist der Mann hinter der Elbphilharmonie, und tatsächlich nähert sich der Gasteig in seiner Überarbeitung an das Innere des nicht ganz unumstrittenen Hamburger Neubaus an.

Alte Schale, neuer Kern

In der Schale des alten Gasteig soll ein neuer Saal ohne die Mängel des alten entstehen. Die Sitzreihen werden steiler und näher an das Podium herangerückt – um bis zu zwölf Meter bei den entferntesten Plätzen. Der störende Turm zwischen den Rängen soll verschwinden, dafür wird es wie in der Elbphilharmonie eine geringe Zahl an Plätzen hinter dem Orchester geben.

Neu ist eine "Lichtdecke" aus LED-Elementen, die den Raum verengt und hinter der sich die Technik verbergen wird. In der Simulation fehlt die Orgel. Sie soll aber unter Verwendung des bisherigen Instruments von Johannes Klais neu aufgebaut werden, womöglich stärker als bisher im Raum verteilt.

Auf den ersten Blick wirkt die Neukonzeption der bisher auch für Jazz und Pop genutzten Philharmonie als Verengung auf die Klassik. Dem widerspricht Beate Springorum für die Münchner Philharmoniker: "Wir möchten die Philharmonie zu einem Sehnsuchtsort für alle Musikfreunde machen – völlig unabhängig davon, welche Musik gespielt wird. Formate wie ,Mphil 360 Grad‘ oder ,Mphil vor Ort‘ gehen genau in diese Richtung, die wir während der Interimszeit in Sendling ganz erheblich ausbauen werden."

Auf der Kulturbühne

Kern der Sanierung des Kulturzentrums ist – wie bereits mehrfach berichtet – die Verbindung der bisher getrennten Bauteile durch eine verlängerte Glashalle, die Gasteig-Geschäftsführer Max Wagner als "Kulturbühne" bezeichnet. Damit verbunden ist ein Ausbau der Kulturvermittlung und eine verstärkte Zusammenarbeit der im Gebäude untergebrachten Volkshochschule und Stadtbibliothek mit der Hochschule für Musik und Theater und den Philharmonikern.

Womöglich bedeutsamer als die Optimierung der Philharmonie ist die Weiterentwicklung der Stadtbibliothek. Sie soll an Aufenthaltsqualität gewinnen und als offener, konsumfreier Raum des Lernens und Ausprobierens neu definiert werden. Vorbild dafür sind skandinavische Stadtbibliotheken, die sich als "Dritter Ort" jenseits von Arbeitsplatz und Wohnung verstehen.

Bibliotheksdirektor Arne Ackermann betont die Bedeutung von Treppen als verbindendes Element in den neu gestalteten Räumen. Auf einer derzeit leider nicht zur Veröffentlichung freigegebenen Abbildung ist etwa ein Raum mit Stufen zu sehen, auf dem man sitzen, lesen und im Internet surfen kann. Ähnliche Orte wird es auch im Foyer der Philharmonie und im Außenbereich geben, wo eine große Freitreppe in Richtung Isar mit einer "Speakers Corner" wie im Londoner Hyde Park vorgesehen ist.

Bisher wurde dem Vernehmen nach sowohl der Zeitplan wie auch der Kostenrahmen von 410 bis 450 Millionen Euro eingehalten. Kleinere Abstriche gab es offenbar bei der Umgestaltung des Carl-Orff-Saals zu einem multifunktionalen Raum und beim neuen Vortragssaal über dem verbesserten Eingang in Richtung S-Bahn Rosenheimer Platz.

Kultur für alle, aber ohne die SPD

Im Stadtrat gibt es wahrscheinlich eine Mehrheit für die Sanierung mit Optimierung: Grüne und CSU sind dafür. Die SPD wiederholte zuletzt das Mantra ihres Ex-Oberbürgermeisters Christian Ude, der Gasteig sei schon jetzt so toll, dass man daran nichts verändern müsse. Zuletzt hieß es, eine Grundsanierung ohne Neukonzeption mit einer akustischen Verbesserung in der Philharmonie reiche aus.

Wie sich die Debatte im Herbst mit coronageschädigten Haushaltszahlen darstellen wird, lässt sich im Moment kaum abschätzen, zumal mit der ebenfalls lange verschleppten Sanierung des Stadtmuseums ein weiteres Großprojekt ansteht. Zuletzt wurde in Stadtratskreisen für die Finanzierung der Sanierung ein Leasing-Modell vorgeschlagen, bei dem die Stadt mit einem externen Investor zusammenarbeiten könnte.

Sicher ist aber auch: Eine erneute Umplanung macht das Projekt Gasteig nicht billiger, sondern nur noch teurer. Und die Verfechter einer räumlichen wie inhaltlichen Vernetzung der Institutionen innerhalb des Kulturzentrums haben sehr gute Argumente auf ihrer Seite, angesichts derer es verwundert, dass Teile der Stadtrats-SPD als Kulturbanausen dastehen wollen, während CSU und Grüne das alte sozialdemokratische Lied von der "Kultur für alle" anstimmen.

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