Debatte um "Gendern" Liebe*r Les_er_in und Lesperson

Gegenderte Weihnachtszeit mit Niklas und Nikola. Foto: imago

Wie soll geschrieben werden, um Männer, Frauen und weitere Geschlechter gleichermaßen zu berücksichtigen? Darüber beraten am Freitag Rechtschreibexperten in Passau.

München - Ein Sternchen als Zeichen für Gleichberechtigung: Wie kann im Schriftdeutsch neben dem männlichen und dem weiblichen auch das dritte Geschlecht sichtbar gemacht werden? Diese Frage beschäftigt den Rat für deutsche Rechtschreibung. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes im vergangenen Jahr, nach dem im Geburtenregister neben "männlich" und "weiblich" eine dritte Option geschaffen werden soll, hat sich die Debatte verschärft.

Gendern: Kommt bald "Lehr_er_in"?

Am Freitag werden die Rechtschreibexperten bei einer Tagung in Passau Empfehlungen zum geschlechtergerechten Schreiben geben. Möglich sind Varianten wie die mit dem Sternchen (Asterisk) im Wort wie bei "Lehrer*in" oder mit dem Tiefstrich – Gendergap – wie bei "Lehrer_in" oder "Lehr_er_in". Bei seiner Sitzung im Juni in Wien war der Rat übereingekommen, dass geschlechtergerechte Sprache verständlich, lesbar, vorlesbar, grammatisch korrekt sowie eindeutig und rechtssicher sein soll. Eine Tendenz, wie durch Orthografie die Schreibung geschlechtergerecht gestaltet werden könnte, hatten die Experten nicht ausmachen können.

Man dürfe nicht darüber hinwegsehen, dass sich die deutsche Sprache historisch entwickelt, sagt Josef Lange, Vorsitzender des Rates für deutsche Rechtschreibung. Eine Variante, die verstärkt praktiziert werde, sei die Verwendung geschlechtsneutraler Begriffe wie "Studierende" statt "Studenten und Studentinnen" oder "Lehrperson" statt "Lehrer". Es sei auch zu unterscheiden, um welche Art Text es sich jeweils handele, sagt Lange. Bei einem Gesetzes- oder Verwaltungstext gebe es andere Maßstäbe als bei einem journalistischen oder literarischen Text.

Sprache ist Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen und Prozesse

Henning Lobin, neuer Direktor des Instituts für Deutsche Sprache und jetzt auch Ratsmitglied, erklärt, dass bestimmte Gruppen von Menschen auch in sprachlicher Hinsicht deutlicher erkennbar werden wollen. Sprache werde als ein wichtiger Bestandteil des Ausdrucks gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen gesehen. "Insofern hat die Frage nach der geschlechtergerechten Personenbezeichnung eine Art Symbolcharakter erhalten, die etwas überhöht diskutiert wird", räumt Lobin ein.

Ein scharfer Kritiker von Schreibweisen mit Sternchen oder Tiefstrich ist der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Seiner Ansicht nach ist der Asterisk ein sprachfremdes Element. Er fürchtet, dessen Einführung in der Behördensprache sei nur ein erster Schritt. "Erst wird er toleriert und dann heißt es: ,Warum kommt er nicht auch in Schulbücher?’" Er spricht von einer bedrohlichen Entwicklung, die von geschlossenen Zirkeln gewaltig vorangetrieben werde.

"Ich habe immer für die Gleichberechtigung der Frau gearbeitet", sagt Eisenberg. Eingriffe in die deutsche Sprache seien dafür jedoch nicht notwendig. "Das Deutsche kann alles, was man von ihm verlangt." Er verweist darauf, dass der Begriff "Richter" im Sinne des generischen Maskulinums für die Berufsgattung stehe und nicht für die männliche Form. Als Beispielsatz sagt er: "In Berlin sind 60 Prozent der Richter Frauen" – und eben nicht "60 Prozent der Richterinnen".

Für Eisenberg ist jedenfalls klar: Niemand dürfe zu Gendersprache gezwungen werden. "Das wäre das End des freien Sprachgebrauchs."


Die Linguistin Serife Sanli arbeitet im Institut für Deutsche Philologie an der Ludwig-Maximilian-Universität. Es ist es lustig, wenn man eine Frau zur Sprache interviewt und ihr Name hat etwas mit Buchstabengestaltung zu tun. Denn Serife sind die kleinen Verzierungshakerl an Druckbuchstaben. Aber von diesem Einstiegswitz abgesehen, geht es natürlich ums ernste Thema "Gendern".

AZ: Frau Sanli, hatte die Bedeutung Ihres Vornamens Einfluss auf Ihre Berufswahl?
SERIFE SANLI: Mein Name kommt aus dem Arabischen. Die von mir bevorzugte Schreibweise ist Serifa. Dass er, deutsch ausgesprochen, diese Buchstabenbedeutung hat, ist mir erst spät klar geworden. Ich habe da nie eine Verbindung hergestellt. Wahrscheinlich fühlt sich eine Frau, die Nike heißt, auch nicht ständig an Turnschuhe erinnert.

Wann ist gendergerechte Sprache in Ihrem beruflichen Alltag relevant?
Wenn ich mit Studierenden zusammenarbeite. Dass es sich bei ihnen um Männer und Frauen handelt, sehe ich ja vor mir. Aber ich merke, dass ich diese Tatsache nicht immer so abbilde, wie ich es gern tun würde. Und auch bei Texten frage ich mich immer: Wie bilde ich durch Sprache die Wirklichkeit ab?

War Sprache schon immer so beeinflussbar, wie sie heute zu sein scheint?
Ja. 500 Jahre nach der Reformation ist klar: Was Martin Luther mit der deutschen Sprache gemacht hat, ist Beeinflussung pur. Wir sind uns nicht darüber bewusst, dass wir Wörter von ihm übernommen haben, als er die Bibel ins Deutsche, die Volkssprache, übersetzt hat. Im Verlauf der Reformation wurde sogar darüber diskutiert, ob bestimmte Setzungen von Apostrophen eher protestantisch oder eher katholisch seien. Da wird deutlich, dass Sprache immer wieder bewusst genutzt wird, um Menschen zu beeinflussen.

So wie jetzt bei der Diskussion um die gendergerechte Sprache?
Beim sogenannten Gendern geht es um die Frage der gesellschaftspolitischen Verhältnisse, weniger um ein sprachliches Phänomen. Es gibt Gruppen in der Gesellschaft, die sich nicht ausreichend gesehen fühlen und die fordern, durch Sprache sichtbar gemacht zu werden.

Wie lösen andere Sprachen dieses Problem?
Im Niederländischen gibt es zum Beispiel ein Wort für Bürgermeister, aber keines für Bürgermeisterin. Man sagt Herr Bürgermeister oder Frau Bürgermeister und dann ist klar, welches außersprachliche Geschlecht die Person hat.

Wäre das eine Lösung, die Sie fürs Deutsche gut fänden?
Absolut. Ich fände es gut, wenn sichtbar gemacht werden könnte, wovon ich spreche, ohne dass ich zu sehr an der Sprache drehen muss. Denn für mich geht es eher darum, dass wir durch einfachste Mittel in der Sprache zu zeigen, wie die Realität ist. Und das ist im Deutschen schon möglich.

Das Gendersternchen wäre also nicht das Mittel der Wahl?
Dieser Stern würde immer dafür sorgen, dass wir stolpern. Das ist etwas Unangenehmes. Ich glaube nicht, dass eine positive Sichtbarmachung durch ein Stolpern möglich ist.

Kritiker werfen der gendergerechten Formulierung ja auch vor, Sprache unnötig zu verkomplizieren. Einfach darauf zu verzichten – das ist auch keine Lösung, oder?
Nein. Wir müssen möglichst gerecht mit allen umgehen. Und wenn es Menschen gibt, die explizit genannt werden wollen, damit sie in den Fokus der Gesellschaft geraten, dann sollten wir das tun. Das ist zwar auf den ersten Blick eine sprachliche Frage, aber viel wichtiger ist: Wie nehmen wir einander wahr? Wie ist die Einstellung zum anderen? Einfach zu sagen: Du bist mitgemeint, klingt für mich nach einem Platz am Katzentisch.

Was kann der Rechtschreibrat überhaupt tun?
Er wird vermutlich eine Empfehlung ausgeben. Dann haben wir mehrere Möglichkeiten. Und das führt wieder zu Problemen: Werden diejenigen, die sich daran halten, in die "Aktivisten-Ecke" gestellt, und die, die es nicht nutzen, als ignorant abgestempelt? Kommt dann die Sprachpolizei? Es ist schwierig, aber wir müssen damit umgehen, weil Sprache der Kommunikation dient, darauf läuft es hinaus.

Aber was passiert jetzt mit dem Sternchen?
Da ich alle diese Regelungen für nicht ganz sauber halte, möchte ich mich nicht zu weit hinauswagen. Ich vermute aber, dass das Sternchen kommen wird.


Liebe "Leser_Innen": Wie stehen Sie zum "Gendern" der Sprache? Schreiben Sie uns unter leserforum@az-muenchen.de

 

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