Das war Vicco von Bülow Loriot ist tot - "Er hat eine gewisse Würde"

Loriot war ein Meister der Beobachtung, des Timing, der Präzision und der filigranen Arbeit. Eine Würdigung des Vaters der Knollennasenmännchen im Stresemann 

 

München, Berlin - Es ist schon komisch. Zu den unausrottbaren Vorurteilen über die Deutschen gehört: Sie haben keinen Humor. Der Mann, der 87 Jahre lang der lebende Gegenbeweis war, er ist nicht mehr. Loriot, einer der größten Humoristen aller Zeiten, ist tot.

Vicco von Bülow war ein „Universalgenie”, wie das Berliner Filmmuseum meint. Und obwohl man sparsam sein sollte mit Superlativen: Bei dem Adelsspross aus einer brandenburgischen Offiziersfamilie scheinen sie angebracht. Er war immer einer beliebtesten Deutschen, 92 Prozent kannten ihn. Und noch 2007, da hatte er längst aufgehört, Knollennasen zu malen oder Sketche zu drehen, da gewann er locker bei den ZDF-Zuschauern die Umfrage, wer denn Deutschlands bester Komiker sei.

Er machte keinen Krawall, kein Gekreisch, keine Zoten wie so viele, die Komödianten sein wollen und höchstens Comedians sind. „Für ein Phänomen wie Mario Barth” suche er noch nach Worten”, sagte er 2008.

Fein, leise, präzise war seine Arbeit. Mit seinem filigranen Witz schaffte er die deutsche Einheit lange vor dem Fall der Mauer. Auch in der DDR lachte man über Opa Hoppenstedt und „Erwin Lindemann aus Wuppertal”. Sein Film „Ödipussi” wurde 1988 im geteilten Berlin parallel in beiden Stadtteilen uraufgeführt.

Begonnen hat die unglaubliche Karriere des Bernhard Victor Carl von Bülow nach dem Krieg. Nach drei Jahren in russischer Gefangenschaft lernte der ehemalige Oberleutnant eine Sekretärin des „Stern” kennen: „Sie machte mir die sensationelle Mitteilung, dass die Illustrierte 50 Mark für eine witzige Zeichnung zahlen würde.” Die Folge: 17 Jahre lang erschien „Reinhold das Nashorn”. Es war der Beginn seiner ersten Karriere – als Zeichner: Sein Knollennasenmann gehört zum deutschen Kulturgut wie Bratwurst und Brandenburger Tor. Mehr als 20.000 Mal hat er ihn gemalt. Hund „Wum” und Elefant „Wendelin” waren tierische Spielarten. Sie saßen bei Wim Thoelke auf der Couch und kamen in fast jedes deutsche Wohnzimmer.

Mit „Dr. Klöbner” und „Herrn Müller-Lüdenscheid”, die sich in der Badewanne um die Gummi-Ente streiten, erreichte Loriots Nasenmann-Kunst vielleicht ihren Höhepunkt. Jeder, der den Sketch mal gesehen hat, muss darüber lachen.

Warum ist das so? „Zwei nackte Herren beharren in der Badewanne auf ihre überlegene Stellung im Berufsleben – was ist daran übertrieben?”, fragte von Bülow in einem Interview mit dem SZ-Magazin vor neun Jahren zurück. In allererster Linie war der Mann, der seinen Künstlernamen vom französischen Wappenvogel derer von Bülow ableitete, ein vorzüglicher Beobachter.
„Meist stört mich das Gehabe meiner Geschlechtsgenossen”, sagte Loriot, und keine Schwäche entging dem „Grafen der Heiterkeit”, wie er unzulänglich genannt wurde. Der Knollennaserich im Stresemann, der viel zu kurzen Hosen trug: „Er hat eine gewisse Würde, die er gelegentlich verliert. Vielleicht ist das deutsch”, sagte er.

Die Nonchalance, die Loriot ausstrahlte, die Haltung auf der Couch mit Evelyn Hamann, sie war das Resultat harter Arbeit: „Viel zu lange” beschäftige er sich mit Namen, sagte er einmal. Die Helden seiner Sketche, Herr Mosbach, Herr Striebel, Herr Lohse – nach „Herrn Hallmackenreuther” wurde sogar ein Lokal in Köln benannt – der Klang ist für viele allein eine Pointe. „Moooment!” - „Ach was!” – „Wo laufen sie denn?” – „Früher war mehr Lametta” – „Ein Klavier, ein Klavier!”: Wer älter ist als 30, der kann was anfangen mit diesen Wortfetzen, ebenso wie mit dem schwer bestreitbaren Urteil: „Frauen und Männer passen eigentlich nicht zusammen.”

Der beste Beweis vielleicht: „Die Nudel”. Allein die Erwähnung erinnert Generationen an die misslungene Anmache im Restaurant, wo die Suppennudel durchs Gesicht des Galans wandert. Auch in dieser Legende spielt Loriot mit der kongenialen Evelyn Hammann: „Sagen Sie jetzt nichts!”

"Ganz nah an der Wirklichkeit sein und doch einen halben Schritt daneben”, so beschrieb er mal seine Kunst. Wie immer auch hier ausgesprochen präzise. Man muss nur seine Filme anschauen, wie „Ödipussi” und „Pappa ante Portas”, und jeder weiß, was er gemeint hat.


Bilderstrecke: Loriot - Sein Leben in Bildern

Lottomillionär Lindemann, „seit 66 Jahren Rentner”, der „mit dem Papst eine Herrenbutike in Wuppertal aufmachen” will; der Bettenkauf mit den „Spannfedermuffen”; „Ich mach jetzt mein Jodeldiplom, da hab ich was Eigenes”; „Die Steinlaus” – es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur nächsten Loriot-Welle kommt.

Loriot ist zeitlos, er löst Bilder aus. Bilder, die er zuletzt nicht mehr sehen konnte. „Die Augen machen nicht mehr mit”, sagte seine Tochter Susanne im April. Weil er kaum noch sehen konnte, las er pro Tag nur noch eine Seite.

2002 sagte er: „Ich habe immer, wenn ich meinte, eine Sache am besten zu können, damit aufgehört.” Er meinte damals das Zeichnen – oder das Fernsehen. Loriot war immer ein Meister des Timings: „Du kommst auf die Bühne, machst einen Witz, machst nach 20 Sekunden wieder einen Witz, danach lachen die Leute im selben Rhythmus weiter”, zitierte er einmal eines seiner Vorbilder, den Amerikaner Jerry Lewis.

Als Loriot einmal von der „Zeit” gefragt wurde, ob er das Gefühl verspüre, dass man gehen solle, wenn es am schönsten ist, da antwortete er: „Ja.”

 

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