Das neue Buch von Ronald Reng Aufstieg und Fall eines Bundesliga-Scouts

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Das neue Buch von Ronald Reng wirft einen Blick hinter die Kulissen des Profifußballs

 

Selbst für eingefleischte Fußballfans klingt das nach reinem Irrsinn: Bis zu 350 Spiele zwischen Schweden, der Slowakei, Portugal oder Tschechien beobachtete Lars Mrosko in nur einem Jahr als Scout für den VfL Wolfsburg. Kein Wunder, dass dabei die Gesundheit und die Nerven auf der Strecke blieben.

Dem bisher eher wenig beleuchteten Berufsfeld der Profiscouts widmet Ronald Reng sein neues Buch „Mroskos Talente“, das pünktlich zum Anpfiff zur neuen Bundesligasaison erschienen ist. Es ist absolut unverzichtbar für alle, die das Geschäft hinter dem Sport verstehen wollen und unter Analyse nicht die Worthülsen nach dem Spiel verstehen. Der Bundesligafußball hat sich radikal verändert. Seit der DFB die Vereine zwang, die Jugendarbeit zu verstärken, verschärft sich der Konkurrenzkampf schon um die 14-Jährigen. Lars Mrosko, Berliner Kiezkind mit kleinkrimineller Vergangenheit und gutem Auge für Bolzplatztalente, rutschte in den Beruf des Scouts hinein, als dieser noch kaum professionalisiert war.

Für Bayern München und St. Pauli sichtete er Talente, beim VfL Wolfsburg wurde er schon Nachwuchs-Chefscout und musste unter dem damaligen Sportdirektor Thomas Strunz lernen, wie man mit enormem bürokratischen Aufwand Tausende Karteileichen in der Datenbank ansammelt. Ein sinnloses Unterfangen für den Instinktmenschen Mrosko. Rengs journalistische Arbeitsweise, über die Randfiguren das Wesen des Systems zu erklären, hat schon in „Spieltage“ funktioniert und geht auch in „Mroskos Talente“ wunderbar auf. Das Buch liest sich wie ein Roman der großen Träume und gescheiterten Hoffnungen, manche Stars (und Trainer) erleben wir hier in ihren Anfangszeiten, viele aber schaffen den Sprung ins große Geschäft nie.

Mit Felix Magath kommt er klar - aber nicht mit Dieter Hoeneß

So sind es die vielen Binnengeschichten, die den Blick auf das Fußballgeschäft erhellen. Marko Marins Berater etwa forderten feste Arbeitsplätze für beide Eltern, um das 16-jährige Talent nach Wolfsburg zu locken (Gladbach kam diesem Wunsch dann schneller nach). Mroskos beste Zeit ist das Wolfsburger Meisterjahr mit Trainer und Manager Felix Magath. Aber der Fußball ist schnelllebig: Warum Magath direkt nach dem Sensationstitel wieder ging, beschreibt Reng in einem faszinierenden Kapitel über Machtmechanismen und Erwartungsdruck in den Vereinen. Mrosko selbst wähnt sich am Ziel seiner Träume, als er für den VfL-Wolfsburg das Derby in Manchester aus dem VIP-Bereich beobachtet, umgeben von Stars der internationalen Fußballwelt. Das Kiezkind ist angekommen in der obersten Etage. Aber im Büro vom neuen Manager Dieter Hoeneß verspielt der bisweilen unbeherrschte Mrosko alles – er ist raus aus dem Spiel. Und niemand ruft ihn an.

Aus Verzweiflung wird Mrosko Spielerberater, und Reng zündet die nächste Stufe des Wahnsinns: 481 deutsche Firmen zur Spielerberatung sind bei der Fifa registriert – bei rund 1400 Profispielern in den drei Ligen. Zehn Prozent eines Vertragsabschlusses ist die gängige Provision, eine Unterschrift kann Millionen wert sein, wenn man die richtigen Spieler vertreten darf. Aber wie kommt man an die?

Kann der Kellner von Boatengs Stammcafé helfen?

Mrosko stellt einen Berliner Kellner an, der mit Jerome Boateng befreundet ist, er vermittelt Transfers nach Istanbul, die in letzter Sekunde platzen, er organisiert sogar über zwei Ecken die Mobilnummer von Didier Drogba, nur finanziell überleben kann er mit diesem Geschäftsmodell nicht. Wäre dies ein Kinofilm, könnte Mrosko vielleicht über den sympathischen Loser lachen, der sich an seinem Traum abstrampelt. Aber es ist sein Leben. Ausgebrannt und gesundheitlich ruiniert löst er die Agentur auf. Und merkt schon bald, dass ihn die Fußballsucht nicht loslässt. Eine Männerkrankheit. Der Spagat zwischen kritischer Analyse eines komplett überhitzten Systems und ehrlicher Begeisterung für den Zauber des Spiels an sich ist nicht ganz einfach, aber Ronald Reng gelingt diese Übung souverän. Wer den Fußball verstehen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Ronald Reng: „Mroskos Talente – das fabelhafte Leben eines Bundesliga-Scouts“ (Piper, 410 Seiten, 20 Euro)

 

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