Das Geschäft mit dem Müll Wertstoffinsel statt Gelber Tonne: Die Münchner Recycling-Lüge

Eine sogenannte "Wertstoffinsel" in der Mühldorfstraße. In München ersetzen hier Verpackungs- und Alucontainer die Gelbe Tonne. Foto: Sigi Müller

In München gibt es keine Gelbe Tonne, obwohl die Wertstoffinsel viele Feinde hat. Doch das liegt weniger an der Ökologie – als am Geld.

 

München - Beinahe in ganz Deutschland gehört sie zum Stadtbild: die Gelbe Mülltonne. In ihr sammelt man bundesweit direkt am Haus Plastikmüll – meist Verpackungen, Milchtüten oder Konservendosen. In München jedoch gibt es die Gelbe Tonne, oder auch den Gelben Sack, nicht. Hier muss man sich auf den Weg zur "Wertstoffinsel" machen, um den Plastikmüll in separaten Containern zu entsorgen.

Ein Weg, der vielen zu weit ist, weshalb der Plastikmüll in München oft im Restmüll landet und mit diesem verbrannt wird. Warum gibt es in München also keine Gelbe Tonne? Eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, ist nicht so einfach, wie es scheint. Denn: Unser Abfallsystem ist weitaus komplexer, als man vielleicht annimmt.


Um zu verstehen, warum es bei uns keine Gelbe Tonne gibt, muss man erst verstehen, warum es die Gelbe Tonne überhaupt gibt. 1991 wurde von der Bundesregierung das "Duale System" eingeführt. Mit diesem System sollten nicht mehr nur die Kommunen, sondern auch der Handel für die Beseitigung des Verpackungsmülls zahlen. Seitdem gibt es den sogenannten "Grünen Punkt" auf Verpackungen.

Die Verpackungen mit diesem Punkt werden separat gesammelt, denn der Handel hat schon für die Entsorgung gezahlt. (Lesen Sie hier: Europa sagt Plastikmüll den Kampf an - und München?)

Im Müllgeschäft lässt sich viel Geld verdienen

Wenn Konsumenten also im Laden einen in Plastik verpackten Käse kaufen, zahlen sie oft eine im Kaufpreis enthaltene kleine Summe für die Entsorgung der Verpackung. Viele Städte sammeln diesen Müll in einer Gelben Tonne (etwa in Augsburg) oder wie im Umland oft im Gelben Sack – in München muss ihn jeder selber an der "Wertstoffinsel" entsorgen.

Was viele nicht wissen: Nicht die Stadt (in München die Abfallwirtschaft München, kurz AWM) kümmert sich um die Entsorgung dieses Mülls, sondern private Unternehmen. In der Landeshauptstadt sind das die Firmen Remondis und Wittmann.

Auch eine wichtige Hintergrundinformation: Im Müllgeschäft kann man viel Geld verdienen. Die Firma "Duales System Deutschland", die einst den "Grünen Punkt" einführte und heute zu Remondis gehört, machte 2016 zum Beispiel 561 Millionen Euro Umsatz. Dabei beschäftigt sie nur 422 Mitarbeiter. Das sind 1,33 Millionen Euro pro Mitarbeiter. Zum Vergleich: Der Autobauer BMW macht mit 759.000 pro Mitarbeiter nur etwas mehr als die Hälfte.

Immer weniger Containerstellplätze in München?

Es lohnt sich also beim Müll genau hinzusehen. Wer bei der städtischen Münchner Abfallwirtschaft anfragt, warum es in München keine Gelbe Tonne gibt, bekommt erstmal eine einfache Antwort von Günther Langer von der AWM: "In der Gelben Tonne landet zu viel Restmüll. Weil die Abholung der Gelben Tonne kostenlos ist, die Entsorgung des Restmülls aber Geld kostet, schmeißen Leute ihren Restmüll einfach in die Gelbe Tonne. Das ist sehr unökologisch."

Wer allerdings den langen Weg zur Wertstoffinsel auf sich nehme, der würde sich auch eher an die Regeln halten und keinen Restmüll in den Containern entsorgen. Doch als die AZ bei den privaten Firmen, die für die Container zuständig sind, anfragt, widersprechen diese. Menschen würden durchaus ihren Rest- und sogar Sperrmüll an den Wertstoffinseln entsorgen.

Übrigens sei die Menge an Plastikmüll, die Remondis und Wittmann in München einsammeln, im Vergleich zu anderen Städten, in denen die Unternehmen tätig sind, sehr gering – was heißt, dass nur wenige Münchner ihre Verpackungen in den Containern recyceln. Dennoch sind die Tonnen oft überfüllt.

Denn es gibt ein ganz anderes Problem: Die Stadt würde immer weniger Containerstellplätze an Remondis und Wittmann vermieten, sagen diese Firmen. Dadurch wären die bestehenden Wertstoffinseln immer überfüllter.

Langer fordert ein Pfand für Plastik

Den Ärger darüber würden Bürger oft an seiner Firma auslassen, erklärt ein Mitarbeiter von Wittmann. Er werde sogar manchmal bedroht. Wittmann habe allein im Münchner Osten über 100 Wertstoffinseln ohne Ersatz verloren, etwa weil darauf ein Haus oder eine Straße gebaut wurde. Eine Gelbe Tonne würde aus dieser Sicht durchaus Sinn machen.

Wieder zurück bei der Abfall Wirtschaft München wird schnell klar, dass es bei der Diskussion um die Gelbe Tonne aber um viel mehr geht als nur Ökologie. Denn das "Duale System" ist hier allgemein sehr umstritten. "Der Plastik aus den Verpackungen wird nur sehr selten verwertet. Warum soll etwas mit hohem Aufwand gesammelt werden, was dann kaum verwertet werden kann", erklärt Günther Langer.

Denn: Der Verpackungsmüll – aufwändig getrennt – ginge oft in eine Müllverbrennungsanlage in Asien, oder werde dort einfach ins Meer geschüttet. Die Deutschen sähen sich zwar oft als "Recycling-Weltmeister", recycelt werde tatsächlich aber nur sehr wenig. Zur Zeit werde Recycling daran gemessen, was alles gesammelt wird, jedoch nicht daran, was am Ende wirklich wiederverwertet wird.

Nicht alles, was als Verpackung in die Container geworfen wird, werde am Ende auch recycelt. "Wenn man sich ansieht, wie wenig am Ende wirklich verwertet wird, dann fällt die ganze Recyclinglüge zusammen", erklärt Langer. Seine Forderung deshalb: Neudenken von Container und Gelber Tonne und ein Pfand für Plastik einführen.

"Es geht darum, wer das größte Stück vom Kuchen kriegt"

Eine letzte Station auf der Frage zur Gelben Tonne führt ins Rathaus. Hier hat die AZ mit Grünen-Stadtrat Herbert Danner gesprochen. Wie denkt er über die Gelbe Tonne? "Ich denke, die AWM wäre durchaus für eine Gelbe Tonne zu haben – allerdings nur, wenn sie diese auch einsammeln dürfen. Die Abfallwirtschaft gehört eigentlich vollkommen in kommunale Hände, nicht private."

Nur wenige Münchner würden ihre Verpackungen zur Wertstoffinsel bringen, also gehe mehr Plastik in den Restmüll, der von der Stadt abgeholt wird. Hätte München eine Gelbe Tonne, würde mehr Müll dort landen, also an private Firmen gehen. "Es geht immer darum, wer das größte Stück vom Kuchen kriegt", erwidert Langer von der AWM.

Ob die Stadt oder die privaten Firmen den meisten Müll einsammeln, ist ein wichtiger Faktor. Letztlich sei es besser, wenn das Recycling in kommunaler Hand wäre. Denn Müll sei auch Geld. "Da ist natürlich die Frage, landet das bei der Kommune, die dann die Müllgebühr senken kann, oder landet es bei irgendwelchen Firmen?"

Warum haben wir also keine Gelbe Tonne? Ökologie mag eine Rolle spielen, sicher auch Gewohnheit. Ein unerwartet wichtiger Grund scheint zu sein: Wer bekommt den meisten Müll – denn Müll ist Geld.
 


In Gelsenkirchen gibt es sie: die Gelbe Tonne. Foto: Caroline Seidel/dpa


So funktioniert die Gelbe Tonne

In der Gelben Tonne werden gebrauchte Verpackungen aus Metall, Plastik, Verbundstoff und Naturmaterialien gesammelt. Die Tonne befindet sich genau wie die Restmüll oder Altpapiertonne direkt vor der Haustür und wird je nach Bedarf abgeholt. In Augsburg wird sie zum Beispiel alle drei Wochen geleert. Fast in ganz Deutschland gibt es bereits die Gelbe Tonne, in München ersetzen jedoch "Wertstoffinseln" die Tonne.

Hier müssen Bürger extra hinfahren, um ihren Müll fachgerecht zu entsorgen. Vielen ist dieser Weg zu weit, weshalb in München vergleichsweise viel Verpackungsmüll auch im Restmüll landet. Kritiker der Tonne geben aber zu bedenken, dass nur weniger als die Hälfte des Kunststoffs aus der Gelben Tonne recycelt wird. Auch würden Leute Restmüll illegal in der Gelben Tonne entsorgen, um sich die Restmüllgebühr zu sparen.

Für den Restmüll muss eine Abfallgebühr gezahlt werden, die Abholung des Mülls aus der Gelben Tonne ist kostenfrei. Dies würde ausgenützt. Die Gelbe Tonne wird in der Regel von privaten Firmen geleert. Die größte Entsorgerfirma ist Remondis. Als Alternative zur Gelben Tonne gibt es auch den Gelben Sack, der zum Beispiel in Gemeinden um München oft benutzt wird.

So funktioniert das Duale System

Das Duale System (auch "Grüner Punkt" genannt) wurde 1991 von einem Verband aus Lebensmittelhändlern und Verpackungsherstellern gegründet. Es war eine Reaktion auf die Forderung der Politik, dass der Handel für die Entsorgung von Verpackungen selber zahlen sollte. Das System heißt "Dual", da es ein zweites System parallel zum kommunalen Abfallsystem bietet. In einem separaten Müllcontainer werden jetzt Verpackungen gesammelt und von privaten Firmen entsorgt oder recycelt.

Die Entsorgung ist für die Bürger kostenfrei, da der Handel schon für die Entsorgung gezahlt hat. In München sind Remondis und Wittmann die Privatfirmen, die mit der Leerung und Wartung der Container beauftragt sind. Heute ist die Firma, die das System einst begann - "Duales System Deutschland (DSD)" - der größte Betreiber des Mülltrennungssystems. Die Firma wurde vergangenes Jahr von Remondis übernommen.

Remondis hat damit die Marktführung in der Abfallindustrie weiter ausgebaut. Die Firma hat 2017 ihren Umsatz von 1,2 Milliarden Euro auf 7,3 Milliarden Euro gesteigert. Aus den kommunalen Abfallbetrieben gibt es oft Kritik zum dualen System. So äußerte die Abfallwirtschaft München (AWM) zum Beispiel Bedenken an dem Konzept, da nur wenig recycelt werde, und das Geld an private Betriebe anstatt an die Kommunen gehe. 

Wie es die Augsburger machen

In Augsburg gibt es die Gelbe Tonne schon seit 26 Jahren. Die Augsburger sammeln ihren Müll aus Kunst- und Schaumstoff, Verbundstoff und Metall in der Gelben Tonne direkt vor der Haustür. Dieses System heißt "Vier-Tonnen-System", da es vor jedem Haus vier Tonnen gibt (Graue Restmülltonne, Grüne Papiertonne, Braune Biotonne, Gelbe Tonne). In München herrscht ein "Drei-Tonnen-System", da es hier keine Gelbe Tonne gibt.

Die Augsburger scheinen zufrieden mit der Gelben Tonne. "In Augsburg hat sich das Vier-Tonnen-Holsystem bewährt", sagt Georg Holder von der städtischen Abfallwirtschaft. Dennoch gibt es auch in Augsburg manchmal Probleme mit der Gelben Tonne. So erklärt die Firma Remondis, die mit der Leerung der Gelben Tonne beauftragt ist, dass sie aufgrund des vielen Restmülls verstärkt den Inhalt der Tonne kontrollieren müsse.

Zukunft Stadt - eine Serie der Abendzeitung

Lesen Sie hier Teil eins der Serie: Vorbild Florenz mit einer autofreien Innenstadt - Was Gegner und Befürworter sagen

Lesen Sie hier Teil zwei der Serie: München, eine Stadt für Cykeler?

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