Coronakrise Die Kultur wartet auf Godot

Julia Lehner ist Markus Söders neue Kultur-Beraterin. Foto: dpa

Die Verwirrung, wann wieder kulturelle Veranstaltungen möglich sind, bleibt uns wohl länger erhalten

 

Aus allen Theatern, ob staatlich oder städtisch, überall hört man das Gleiche: Jeder möchte endlich – wenn auch eingeschränkt – mit dem Spielbetrieb beginnen. Alle arbeiten an Hygienekonzepten für Proben und Vorstellungen. Und alle vermissen klare Signale dafür aus dem Kunstministerium, das sich in Schweigen hüllt und von einem Minister geleitet wird, der wie verschwunden wirkt.

Der oft zu hörende Vorwurf trifft Bernd Sibler aber nur halb zu Recht. Er hat genug mit der zweiten Hälfte seines Zuständigkeitsbereichs zu tun: den Universitäten, deren Lehre in der Corona-Krise schwierig ist. Außerdem müssten die Vorgaben zu Veranstaltungen aus Melanie Humls Ministerium für Gesundheit und Pflege kommen, das der Öffentlichkeit auch nach über einer Woche nicht erklärt hat, was beispielsweise eine bis Ende August untersagte Großveranstaltung ist oder auch nicht.

Auf diese Entscheidung warten nicht nur die staatlichen Institutionen, sondern – über den Umweg des für die Genehmigungen von Veranstaltungen zuständigen Kreisverwaltungsreferats – auch die städtischen Bühnen und Konzerthäuser.

Die Lockerung verschiebt sich 

Bis Freitag schien es, als wären ab dem 4. Mai erste Lockerungen denkbar. Darauf hofften vor allem die privaten Veranstalter, die eher kleinere Formate – wie in der Allerheiligen Hofkirche – planen. Doch dann kündigte die über „Lockerungsdiskussionsorgien“ verärgerte Kanzlerin an, erst am 6. Mai über weitere Maßnahmen überhaupt reden zu wollen.

Das bedeutet ein weiteres Warten. Es stellt sich allerdings die Frage, ob das bisher sehr pauschale Verbot von Veranstaltungen nicht erheblich differenzierter und mit Blick auf den Einzelfall gehandhabt werden könnte. Die Hoffnung auf Theateraufführungen, Opern und Symphoniekonzerte im Gasteig oder im Herkulessaal vor dem Herbst dürfte zwar unrealistisch sein. Aber niemand sollte die Fantasie von Musikern und Schauspielern unterschätzen, unter schwierigen Bedingungen trotzdem dem Publikum etwas zu bieten.

Offenbar warten nahezu alle Theater und Orchester nur darauf, mögliche Konzepte vorzulegen. Diese Vorschläge sollten diskutiert und nicht sofort mit einem pauschalen Verbot beantwortet werden – im Interesse des Publikums und der zum Teil freischaffenden Künstler, die nicht auf staatliche Almosen warten, sondern ganz normal wie vor der Krise ihren Beruf ausüben möchten.

Theater, wenn man nicht zu dritt auf der Parkbank sitzen darf?

Das Problem bei allen diesen Aktionen bleibt die Symbolik. Wieso sollten Theater öffnen, wenn man nicht zu dritt auf einer Parkbank sitzen darf und bei jedem Ausflug mit einer Polizeikontrolle rechnen muss? Die Lockerung bei der Kultur könnte eine allgemeine Nachlässigkeit bei den Schutzmaßnahmen erzeugen, die zu einer zweiten Welle führt. Und offenbar unterschätzt mancher Musiker, der auf Teufel-komm-raus wieder Konzerte geben will, dass das treueste Publikum in der Regel der Risikogruppe angehört.

Mit der gärenden Unzufriedenheit im Kulturbereich hat es offenbar nur bedingt zu tun, dass sich Ministerpräsident Söder künftig von der Nürnberger Kulturbürgermeisterin Julia Lehner beraten lässt. Lehner gehört zwar der CSU an, genießt jedoch ein hohes überparteiliches Ansehen, was ihre langjährige Zusammenarbeit mit dem Nürnberger OB Maly von der SPD beweist.

Offenbar besteht kein direkter Zusammenhang mit der aktuellen Situation. Söder soll bereits länger darüber nachgedacht haben, wie er Lehner stärker einbinden kann. Umgekehrt hört man sogar aus der Opposition über Sibler, er habe ein offenes Ohr für alle Betroffenen. Gelegentlich scheint sein Eifer mit seiner Kompetenz in Kulturfragen aber nicht mithalten zu können.

Generell gilt aber das Gleiche wie bei allen ähnlichen Küchen- und Schattenkabinetten Söders: So richtig es ist, die enorme Erfahrung von Julia Lehner zu nutzen, so problematisch bleibt das Regieren vorbei an Ministerien und dem Landtag mit Hilfe von demokratisch nicht legitimierten Beratern. Die Kulturszene braucht einen klaren staatlichen Ansprechpartner und nicht zwei mit unklaren Kompetenzen, die sich womöglich gegeneinander ausspielen lassen. Der (oder die) sollte aber in einer Krise öffentlich wahrnehmbar sein.


Die Münchner Philharmoniker im Lockdown

Es gibt einige Münchner Orchester, bei denen hoch bezahlte Musiker derzeit zu Hause proben und auf das Ende der Veranstaltungspause warten. Die Münchner Philharmoniker zählen nicht dazu. Nach einem Aufruf der Stadt an ihre Mitarbeiter, derzeit personell ausgedünnte Bereiche der Verwaltung zu unterstützen, meldeten sich 80 der 126 Musiker des Orchesters. 10 von ihnen arbeiten derzeit an Bürgertelefonen und in einem Logistikzentrum der Stadt im Olympiapark.

Die restlichen 70 Musiker halten telefonischen Kontakt zu den 14 000 Abonnenten des Orchesters und erkunden die Bereitschaft zum Konzertbesuch im Fall erster Lockerungen. Dabei komme es zu „emotionalen Szenen“, wie der Management-Direktor Christian Beuke berichtet. Vor allem vereinsamte ältere Menschen schätzten es, von ihnen bekannten Musikern wie dem Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici persönlich angesprochen zu werden.
 

 

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