Corona-Krise Die kulturelle Zwangspause

Der Münchner Schriftsteller Pierre Jarawan wäre jetzt eigentlich auf großer Lesereise. Dann kam die Corona-Krise. Foto: Marvin Ruppert

Das Kulturleben steht still, eine Katastrophe für freie Künstler. Die Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrats sagt, wer Finanzhilfen bekommen sollte

 

"Mir hat das Herz geblutet“, sagte Kunstminister Bernd Sibler gestern zur Schließung der Theater wegen der Coronakrise. Sibler sprach vor der am Sonntag als Livestream ins Internet übertragenen Vorstellung der kommenden Spielzeit der Bayerischen Staatsoper (siehe Seite 27) ein Grußwort. Dabei erneuerte er sein Versprechen, dass es staatliche Hilfen für Freiberufler aus dem gesamten Veranstaltungsbereich geben werde, die nun ohne Einkommen dastehen.

Auch Ulrike Liedtke, die Vizepräsidentin des Deutschen Kulturrats, hält eine Absage aller Kulturveranstaltungen aus Vorsorge vor dem Coronavirus für sinnvoll. „Es sollte auch keine kleinen Veranstaltungen mehr geben“, sagte sie. „Kompromisse halte ich im Moment für falsch, wenn man die Kette der Ansteckungen unterbrechen will.“

Ein Buch lesen

Sie verwies auf Kulturaktionen zum Beispiel im Internet. „Es gibt aber auch Hauskonzerte im Internet – und kulturelles Leben findet auch statt, wenn ich ein Buch lese oder wenn ich mir eine CD anhöre oder mir Theateraufführungen im Internet angucke“, sagte sie. „Das finde ich herzerfrischend, dass man nicht aufgibt und sein Konzert dann in den vier Wänden solo mit Internetübertragung spielt.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte dazu aufgerufen, alle nicht notwendigen Veranstaltungen mit weniger als 1000 Teilnehmern abzusagen. In Berlin und Bayern etwa hatten staatliche Theater, Opernhäuser und Konzertsäle dichtgemacht, in der Hauptstadt müssen nun auch Kinos vorerst schließen. In Bayern waren die Anweisungen dazu widersprüchlich.

Während etwa Kinokomplexe wie das Kinopolis in Landshut schließen mussten, lief der Betrieb der Kinos in München am Wochenende weiter. Im Mathäser wurden bei jedem Online-Ticketkauf die Plätze rechts und links neben den Besuchern automatisch frei gelassen, um ausreichend Abstand zu anderen Gästen im Kinosaal zu gewähren. „Zusätzlich beschränken wir auf Anweisung der Behörden die Personenanzahl pro Kinosaal und Vorstellung auf 100 Personen“, hieß es auf der Homepage des Kinos.

Juristisches Vakuum

Auch das Gop-Varieté-Theater spielte am Wochenende noch, verkündete aber den Spielabbruch für den heutigen Montag auf der Homepage, verbunden mit einer klaren Kritik am mangelnden Krisenmanagement des Freistaats: „Liebe Gäste, die Politik hat uns privaten Kulturschaffenden mit Besuchern unter 1 000 Personen bis jetzt leider keine klare Anordnung erteilt. Wir hoffen und erwarten, dass wir am kommenden Montag eine Allgemein- bzw. Einzelverfügung der zuständigen Behörde erhalten. Das versetzt uns in ein juristisches Vakuum unseren Geschäftspartnern, Künstlern und Ihnen gegenüber. Wir werden dennoch Verantwortung übernehmen und ab Montag 16. März den Spielbetrieb (vorraussichtlich bis 19. April) aussetzen.“

In der Komödie im Bayerischen Hof steht noch immer das „Wechselspiel der Liebe“ auf dem Spielplan. Hier war noch nicht von einem Abbruch des Gastspiels die Rede. Auch andere kleinere Theater halten am Spielbetrieb fest. Nach den gestern angekündigten weiteren Einschränkungen des öffentlichen Lebens wie der Schließung von Bars dürfte sich das kaum durchhalten lassen.

Die Vizepräsidentin der Deutschen Kulturrats begrüßt die Vorsichtsmaßnahmen. „Wir sollten jetzt wirklich für zwei bis vier Wochen, das wird sich zeigen, keine Kulturveranstaltungen durchführen. Man fühlt sich auch nicht ganz wohl, wenn man jetzt in einer großen Menschengruppe im Theater säße“, sagte Liedtke, die auch Landtagspräsidentin in Brandenburg ist. „Solche Pausen gibt es auch im gesellschaftlichen Leben zum Beispiel zwischen Weihnachten und Neujahr – nicht in der Kultur, aber für viele Betriebe.“

Niemand wird nach uns fragen

Sie hält finanzielle Hilfe vor allem für freie Künstler für notwendig. „Um die Kulturveranstalter mache ich mir weniger Sorgen, da wird man Regelungen im Rahmen der Wirtschaftsförderung finden. Aber ich mache mir Sorgen um die Kulturinstitutionen, obwohl sie ganzjährige Budgets haben, so dass man umschichten kann“, sagte Liedtke. „Die größten Sorgen mache ich mir um freie Künstler und kleine mittelständische Kulturveranstalter, wo es sofort wegbricht und wo das höchste ehrenamtliche Engagement mit im Spiel ist für wenig Geld.“ Bei ihnen könne die Lage besonders prekär werden.

Der Münchner Autor Pierre Jarawan schrieb auf Facebook, wie es ist, wenn alle Termine platzen. Gerade ist sein neuer Roman „Ein Lied für die Vermissten“ erschienen, den Jarawan nach dreijähriger Arbeit nun auf einer ausgedehnten Lesereise vorstellen wollte. „Jetzt zu sehen, wie das Ergebnis jahrelanger Arbeit in der Unsichtbarkeit zu versinken droht, tut richtig, richtig weh. Und es tut weh, zu sehen, wie auch die Buchhändler*innen, die Verlage zu knabbern haben. Und nicht nur die: Wenn die Absageflut so weitergeht, sind enge Freunde von mir bald in existenziellen Nöten“, schreibt Jarawan.

„Was gerade passiert, trifft uns alle, aber die Künstlerinnen und Künstler, die von diesen Honoraren leben, für die 200 Euro mehr oder weniger am Monatsende einen Riesenunterschied machen, die trifft es besonders, und wenn in einigen Monaten die Banken gerettet, die Aktienkonzerne gestützt sind, wird höchstwahrscheinlich niemand nach uns fragen“, so Jarawan auf Facebook. „Trotzdem: Gemeinsam haben wir die Möglichkeit, zumindest das Beste daraus zu machen. Wir sollen daheim bleiben? Lasst uns die Bücher, die Musik, die Künstlerinnen und Künstler von da aus sichtbar machen.“

Besinnung für die Menschheit

Auch den Münchner Autor und Schauspieler Moses Wolff trifft die neue Situation unvorbereitet. „Durch die kompletten Absagen meiner Auftritte entstehen extrem viele Probleme, überwiegend wirtschaftlich. Ich hoffe, dass es rasche Hilfe von staatlicher und städtischer Seite gibt, denn ohne Auftritt gibt es auch keine Gage. Das betrifft mich und so ziemlich meinen gesamten Freundeskreis. Die Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung sind absolut sinnvoll und notwendig. Ich glaube, es ist gut, wenn die Menschheit etwas zur Besinnung kommt und versucht wird, die Ausbreitung dieser Gefahr so gut es geht einzudämmen. Doch an zweiter Stelle brauchen wir Sicherheit, um einkaufen und unsere Miete bezahlen zu können.“

Der Deutsche Kulturrat hatte am Mittwoch einen Notfallfonds für Künstler gefordert. „Das betrifft freie Künstler und einen großen Fonds für Institutionen“, sagte die Vizepräsidentin. „Dann ist es Sache der Landesregierungen zu entscheiden, wer Geld bekommt.“ Sie hoffe, dass die Kulturverbände dabei einbezogen würden. Der Deutsche Kulturrat ist der Spitzenverband der Bundeskulturverbände.

Die Bundesregierung hatte am Freitag ein Hilfspaket mit unbegrenzten Liquiditätshilfen für Unternehmen auf den Weg gebracht, die von der Corona-Krise betroffen sind. Der Kulturausschuss im Bundestag berät am 25. März voraussichtlich über Hilfspakete. Die Kulturminister der Länder hatten erklärt, sie wollten sich dafür einsetzen, dass die Kultur bei Programmen zur Stabilisierung der Wirtschaft einbezogen wird.  
 

 

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