Condrobs-Wohnheim an der Kistlerhostraße Sonntags zur Tagesschau

Wo früher Büroräume von Bilfinger waren, wohnen seit September Studenten und jugendliche Geflüchtete zusammen: Kistlerhofstraße 144. Foto: Linda Jessen

Vor fünf Monaten öffnete das Wohnheim für Studenten und Geflüchtete in der Kistlerhofstraße. Die AZ hat nachgefragt, wie das Projekt inzwischen läuft.

Fürstenried - Es sei schon praktisch gewesen, dass das Wintersemester erst Mitte Oktober gestartet ist, erinnert sich Johannes Stark. „Da hatten wir nach dem Einzug im September noch ein bisschen Vorlaufzeit und konnten uns besser kennenlernen.“

Johannes Stark gehört zu den Pionieren unter den Studenten, die in der Kistlerhofstraße zusammen mit jugendlichen Geflüchteten wohnen. Er ist mit als Erstes eingezogen. „Wir haben Basketball gespielt oder sind mit dem Radl herumgefahren. Und auf der Wiesn waren wir natürlich auch“, erzählt Stark aus den ersten Wochen.

Für Madeleine Kaufmann, ebenfalls Studentin, war eine Geburtstagsfeier Ende September der endgültige Eisbrecher: „Wir wollten ja auch nicht einfach in den Trakt der Jugendlichen reinspazieren und ihre Privatsphäre stören“, erzählt sie. Von dieser anfänglichen Schüchternheit ist nichts mehr übrig. Die Bewohner kochen zusammen (wer in die Küche kommt, wird sofort zum Mitessen eingeladen), tauschen in der Whats-App-Gruppe des Wohnheimes Hausaufgabentipps aus und diskutieren am Sonntagabend nach der Tagesschau über Politik.

Die Idee zu dieser Gesprächsrunde hatte Johannes Stark. „Die Jugendlichen erzählen dann von politischen Verhältnissen aus ihrer Sicht. Das ist interessant, weil wir sonst immer unseren westlichen Blick haben“, sagt er.

Melanie Contu leitet das Condrobs-Wohnprojekt. Sie freut sich über die Dynamik im Haus. „Wir haben uns am Anfang viele Gedanken gemacht, wie wir beide Gruppen zusammenbringen können. Das war gar nicht nötig, denn das passiert hier von ganz alleine“, erzählt sie.

Stattdessen sind ganz andere Aufgaben auf die Hausleitung zugekommen. Bis Ende Dezember waren Contu und ihr Team vor allem mit Aufbauarbeit beschäftigt. Die Strukturen in der Organisation mussten erst einmal gefestigt werden – das war nicht immer einfach. Die Sozialpädagogin Valentina Chmyrova hat die Koordination des Pfortendienstes übernommen. „Wir haben da von Null angefangen und bald festgestellt, dass wir die Studenten in mehreren Schritten qualifizieren müssen. Da geht es dann zum Beispiel um Kenntnisse über die rechtliche und psychosoziale Situation der Jugendlichen oder um Kommunikation. Das Interesse und Engagement sind auf jeden Fall da“, berichtet Chmyrova.

Einerseits sind die Jugendlichen und Studenten miteinander befreundet. Andererseits muss der Pfortendienst aber auch aufpassen, wenn die Minderjährigen zu spät nach Hause kommen oder wer Besuch mitbringt – denn das integrative Wohnprojekt ist trotz allem ja immer noch eine Jugendhilfeeinrichtung. Die Geflüchteten, die in der Kistlerhofstraße wohnen, sind schon länger in Deutschland, sie können die Sprache und kennen Regeln auch schon aus früheren Einrichtungen. „Sie sind einerseits Jugendliche und verhalten sich auch so. Andererseits sind viele von ihnen sehr reif für ihr Alter, waren über Jahre auf sich allein gestellt und sind so sehr selbstständig“, erklärt Contu die Herausforderung.

Diese Reife fällt ihr auch im Alltag auf. „Die Jugendlichen sind beispielsweise bemerkenswert gut darin, vorausschauend einzukaufen und mit Geld und Lebensmitteln umzugehen“, schildert sie und fügt augenzwinkernd an: „Da können die deutschen Bewohner durchaus von lernen.“ Johannes Stark bestätigt lachend: „Stimmt, sie kochen immer frisch. Tiefkühlpizza sieht man nur bei den Studenten.“

Hin und wieder kommt spontaner Besuch vorbei. Anwohner, die von dem Projekt gehört haben und interessiert sind zum Beispiel. Eine Dame hat zwei Gitarren gespendet. „Immer wieder will jemand das Haus sehen. Aber natürlich können wir nicht dauernd Führungen veranstalten – schließlich wohnen hier Leute“, sagt Melanie Contu. Stattdessen ist ein Tag der offenen Tür geplant. Interesse zeigen auch andere soziale Trägervereine, denn das Projekt ist bisher einzigartig. Zuletzt hat Condrobs dafür den Förderpreis „Hidden Movers Award“ erhalten.

Inzwischen hat sich das meiste eingependelt im Wohnheim. Die Handwerker sind fertig, der Medienrummel legt sich und die Organisation wird zur Routine. „Wir haben jetzt ein besseres Gesamtbild und können damit arbeiten“, resümiert Valentina Chmyrova. Nachdem zu Beginn viele Regeln von Condrobs aufgestellt wurden, soll die Verwaltung nun mehr und mehr an die Bewohner übergeben werden.

 

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