Brutale Räuber Rentnerpaar überfallen: Der Zufall wird zum Lebensretter

Die vier Angeklagten: Sie sollen als Räuber, Anstifter oder Hehler an dem Überfall in Rottach-Egern beteiligt gewesen sein. Foto: jot

Tatort Rottach-Egern: Ein wohlhabendes Pärchen wird überfallen, ausgeraubt und hilflos zurückgelassen. Die Anklage geht von versuchtem Mord aus.

 

München Heimtückisch, habgierig und grausam. So sind nach Auffassung von Staatsanwalt Florian Gliwitzky zwei Brüder vorgegangen, als sie am 8. Januar 2014 in das Haus eines Rentnerehepaares am Tegernsee eindrangen, die Bewohner überfielen und mit Schmuck, Uhren und Porzellanfiguren türmten (AZ berichtete).

Ihre Opfer wurden gefesselt und hilflos zurückgelassen. Sie leiden bis heute an der Tat. Dagmar (74) und Heinz J. (71) treten bei dem Prozess als Nebenkläger auf, blieben dem Auftakt aber fern. Sie ließen sich von Anwältin Annette von Stetten vertreten. Das hat auch gesundheitliche Gründe. Die 74-jährige Frau war bereits vor dem Überfall herzkrank. Jetzt soll sie kaum noch in der Lage sein, das Haus in Rottach-Egern zu verlassen. Nächste Woche ist sie gemeinsam mit ihrem Mann (71) als Zeugin geladen. Für die alte Dame wohl eine zusätzliche körperliche und seelische Strapaze.

Der Prozess am Landgericht begann am Mittwoch mit fast vierstündiger Verspätung. Einer der vier Angeklagten – neben den beiden mutmaßlichen Räubern sitzen noch zwei Männer wegen Hehlerei beziehungsweise Anstiftung zum Raub auf der Anklagebank – war nicht rechtzeitig aus der U-Haft in Neuburg nach München transportiert worden.

"Drück den Alarm!"

Kurz nach 13 Uhr kann Florian Gliwitzky endlich mit der Verlesung der Anklage beginnen. Darin steht, dass die beiden Räuber in dem Moment in das Haus eindrangen, als Dagmar J. kurz nach der abendlichen Tagesschau die Terrassentür öffnet, um einen Topf mit Rehsoße auf die Terrasse zu stellen. Einer der beiden soll eine Pistole in der Hand gehabt haben. Heinz J. erkennt die Lage und ruft seiner Frau zu: „Drück den Alarm!“

Laut Anklage schlägt Ingo W. den Rentner zu Boden und tritt auf ihn ein. Auch die Ehefrau wird überwältigt. Das Paar muss dann die Tresore im Haus öffnen. Thomas und Ingo W. haben nach Überzeugung der Ankläger das Paar dann auf Stühle gesetzt und mit Kabelbindern, Gürteln und Schals so gefesselt, dass sie sich nicht befreien konnten.

So konnten die Räuber in aller Ruhe die wertvollen historischen Meißner-Porzellanfiguren einpacken sowie Uhren und Schmuck aus den Tresoren ausräumen. Gesamtwert der Beute: 1,274 Millionen Euro.

Dank über eine Zeitungsanzeige

Der Zufall als Lebensretter: Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn nicht ein glücklicher Umstand zu Hilfe gekommen wäre. Am Folgetag war ein Notarztermin geplant. Als die beiden Rentner nicht kamen, versuchte ihr Schwiegersohn, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Als dies nicht gelang, alarmierte der Mann einen befreundeten Architekten, der das Paar befreite und die Rettungskräfte alarmierte. Das Paar bedankte sich kurz darauf in einer Zeitungsanzeige bei allen Rettern und warnte gleichzeitig unter dem Eindruck der Tat, dass sich längst „Gewalt und Kriminalität“ im Tal breit gemacht hätten.

Wären sie nicht nach 15 Stunden entdeckt worden, wäre das Paar wohl unter „erheblichen Qualen“ verdurstet und verhungert. Ein grausamer Tod. Auch deswegen geht Staatsanwalt Gliwitzky neben schwerem Raub und gefährlicher Körperverletzung von versuchtem Mord in zwei Fällen aus.

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Zum Prozessauftakt äußerte sich nur einer der vier Angeklagten zur Sache. Thomas W. (49), ein vorbestrafter Räuber, gibt den Überfall zu, lässt seinen Anwalt Patrick Ottmann aber erklären, dass er geglaubt habe, dass das Paar am nächsten Tag von Besuchern befreit würde. Er habe das Haus in Rottach-Egern zuvor ausgespäht, nachdem ihm sein Spezl Ralf K. (56) den Tipp gegeben hatte. Der 56-Jährige hatte die Porzellansammler im Golf-Club von Bad Wiessee kennengelernt.

Thomas W. erklärte, er habe für den Überfall noch einen „Mittäter“ rekrutiert. War das sein jüngerer Bruder Ingo (42), wie es in der Anklage steht? Darauf gab es am Mittwoch keine Antwort von dem geständigen Räuber.

Der vierte Mann auf der Anklagebank, Bernd K. (75), sollte die Beute zu Geld machen. Er will bei der Fortsetzung des Prozesses am Dienstag zu den Vorwürfen der Hehlerei Stellung nehmen.

 

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