Brauerei Nach 377 Jahren: Paulaner verlässt die Au

Nachdem die Paulaner Brauerei Ende 2011 entschieden hatte, Produktion und Logistik nach Langwied zu verlagern, will die Bayerische Hausbau das Noch-Betriebsgelände der Brauerei am Nockherberg ab 2018 bebauen. Foto: Daniel von Loeper

Seit gestern ist es amtlich: Die Großbrauerei zieht nach Langwied und baut sich dort bis 2016/17 eine neue Sudstätte. Das Einzige, was in der Stadt bleibt, ist die Verwaltung

MÜNCHEN Um 14.16 Uhr ist gestern eine 377 Jahre währende Münchner Brautradition zu Ende gegangen – per Email: Paulaner und Hacker-Pschorr ziehen mit Sack, Pack und Gärtank aus der City – raus nach Langwied. „In fünf Jahren werden wir dort den Betrieb aufnehmen”, erklärte Paulaner. Für die Au steht damit der wohl größte Umwälzungsprozess bevor seit der Eingemeindung 1854: 82000 Quadratmeter Grund in Innenstadtnähe werden auf einen Schlag frei – mit allen bekannten Nebenwirkungen. Stichwort: Gentrifizierung.

Spaten wollte erst – und dann doch nicht: Noch 2009 hatte Spaten-Löwenbräu (gehört zum belgisch-brasilianischen Brauriesen Inbev) angekündigt, auf das 30 Hektar große Gelände südlich des Autobahnkreuzes München-West umzuziehen und die Braukapazität auf fünf Millionen Hektoliter ausweiten zu wollen. Die Planungen standen, die Baupläne ebenfalls. Ein Jahr später die Kehrtwende: „Ein Neubau wäre die falsche Entscheidung”, sagte ein Inbev-Sprecher plötzlich. Der Umzug – storniert.

Jetzt setzen sich Paulaner/Hacker-Pschorr quasi ins gemachte Nest. Die Vorteile liegen auf der Hand: Brauerei und Logistik – derzeit räumlich beengt und verteilt auf den zwei Arealen Ohlmüller-/Falkenstraße sowie Reger-/Welfenstraße – können vereint und in Langwied beträchtlich ausgeweitet werden – mit bester Verkehrsanbindung.

Paulaner will wachsen, aber nicht in der Au: Mit der Millionen-Investition kann die Brauerei also weiter wachsen. Während der deutsche Biermarkt rückläufig ist, wächst Paulaner gegen den Markttrend – vor allem im Ausland. „Der traditionelle Standort am Nockherberg stößt bereits jetzt an seine Kapazitätsgrenzen”, heißt’s bei Paulaner. Es gebe zu wenig Platz zur Lagerung für Voll- und Leergut sowie zum Rangieren für Gabelstapler und Lkw. In Spitzenzeiten sei die Zahl der Laster, die die Brauerei anfahren, schon heute kaum zu bewältigen.

Chancen und Risiken: Für die Au ergeben sich damit viele Chancen: Der hermetisch abgeschlossene Paulaner-Riegel kann jetzt endlich geknackt und für die Bürger geöffnet werden. Der brauereibedingte Schwerlastverkehr – auf einen Schlag verschwunden. Und: Es werden rund 2000 Wohnungen entstehen – innenstadtnah.

Die Risiken für diesen Ur-Münchner Stadtteil sind ebenfalls beträchtlich: Rund 300 Millionen kostet der Paulaner-Umzug. Viel Geld, das durch die Verwertung des Alt-Areals hereinkommen muss. Die Folge: Ein neues Riesen-Viertel wird die Au ummodeln. Die Mieten steigen, die Zahl der Zuzügler auch. Das Nachsehen hat die alteingesessene Bevölkerung, die verdrängt wird – raus an den Stadtrand.

Kein Edel-Ghetto: Alexander Reissl, Fraktionschef der SPD im Rathaus, sieht vor allem die Chancen: „Das wird eine gute Sache. Für das Brauereigelände werden wir gemeinsam ein Konzept entwickeln, zu dem ein Anteil von 30 Prozent geförderten Wohnungen gehört. „Paulaner will das auch und hat das auch gemacht, als das Tragllager zu den ,Welfenhöfen’ umgebaut wurde.”

Der Zeitplan: Umzug 2016/17, danach Abriss der Brauerei, ab 2018 Bau-Beginn in der Au. „An diesem attraktiven Standort wird kein Luxusquartier entstehen”, verspricht Jürgen Büllesbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Bayerischen Hausbau, die das Areal von Paulaner gekauft hat. Vielmehr „eine Mischung aus Eigentums- und Mietwohnungen für Familien und Singles mit unterschiedlichem Einkommen, ergänzt durch kleinteiliges Gewerbe und großzügige Grünflächen."

„Ich bin zufrieden damit”, sagt OB Christian Ude. Und verweist auch darauf, dass 30 Prozent der neu geschaffenen Wohnungen geförderter Wohnungsbau sein werden – einvernehmlich, wie er betont. Dass mit dem Paulaner-Auszug „Nostalgie aufkommt”, verhehlt Ude nicht. Nicht nur, weil sein „Übungsplatz” in der Hochstraße verloren geht, wo er jahrelang sein Wiesn-Anzapfen perfektionierte.

Was bleibt? Wenig. Der Paulaner am Nockherberg, die Linde-Eismaschine von 1881 und der denkmalgeschützte „Zacherl-Bräu” an der Ohlmüllerstraße, wo 250 Mitarbeiter aus Verwaltung und Vertrieb unterkommen. Paulaner-Geschäftsführer Andreas Steinfatt: „Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht.” Aber so bleibe man „eng mit unserem bisherigen Standort verbunden”.

 

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