Bluttat am Morgen Amoklauf in Grafing: "Ihr müsst alle sterben!"

Das Fahrrad des verletzten Zeitungsausträgers liegt vor dem Bahnhof in Grafing – Ermittler der Polizei stehen daneben. Foto: dpa

Strumpfsockig läuft ein Mann (27) am S-Bahnhof in Grafing Amok, sticht vier Menschen nieder. Ein Opfer stirbt in der Klinik. Der Täter ist psychisch auffällig und hat keinen Bezug nach Grafing.

Grafing - Das Entsetzen ist den Menschen in Grafing in die Gesichter geschrieben. Frühmorgens sticht ein Mann mit einem Messer am S-Bahnhof wahllos vier Menschen nieder. Ein 56-Jähriger stirbt wenig später in der Klinik, die drei anderen überleben, alle schwer verletzt.

Es ist Dienstag gegen 4.45 Uhr, draußen wird es gerade hell. Die ersten Pendler machen sich auf den Weg zum Bahnhof Grafing. Um 5.01 Uhr fährt die erste S 4 nach München. Am Bahnhof treibt sich Paul H. (27) herum. Er trägt keine Schuhe, seinen Rucksack mit Handy und Laptop hat er abgelegt. In der Hand hält er ein Messer.

Was dann geschieht, ist noch nicht in allen Einzelheiten klar. Paul H. begegnet am Bahnsteig einem Fahrgast. Der sieht das Messer, will nach vorn zum Lokführer und Alarm schlagen. Doch der 27-Jährige rennt dem Pendler hinterher und sticht ihn nieder.

Täter läuft barfuß durch das Blut seiner Opfer

Wenig später trifft Paul H. auf einen 56-Jährigen aus Wasserburg, der in die S-Bahn einsteigen will. Paul H. geht in der Zugtür auf den Mann los und sticht blindwütig auf ihn ein. Blutüberströmt bricht das Opfer zusammen.
Der Messermann sagt später der Polizei, er habe das Gefühl gehabt, „Wanzen an den Füßen“ zu haben, die ihm Blasen verursachen.
Einem der Opfer gelingt es um 4.52 Uhr, per Handy einen Notruf durchzugeben. Weitere folgen um 4.54, 4.48 und 5.02 Uhr. Aus Ebersberg, Poing, Erding und Hohenbrunn rasen sechs Streifenwagen zum Tatort.

Paul H. verlässt den Bahnsteig und geht in Richtung Vorplatz. Seine Füße, an denen das Blut der Opfer klebt, hinterlassen eine etwa 40 Meter lange Spur. Auch von der Messerklinge tropft Blut. Über 100 Stellen werden Beamte der Spurensicherung später am Tatort markieren – am Ende ergeben sie ein furchtbares Bild, das den Weg des Amokläufers dokumentiert.

Zwei Fahrradfahrer werden niedergestochen

Vor der griechischen Taverne „Orfeas“ trifft Paul H. auf zwei Radfahrer. Einer ist Zeitungsausträger Johannes B. (58). Er ist gerade auf seiner morgendlichen Tour, er trägt die AZ und andere Zeitungen in der Nachbarschaft aus. Der 56-Jährige ist gelernter Gärtnermeister, hatte früher einen eigenen Betrieb. Zuhause pflegt er seine demenzkranke Mutter. Johannes B. sieht sich plötzlich dem Amokläufer gegenüber. Der sticht erneut sofort zu. B. erleidet tiefe Wunden. Auch den Radler neben ihm greift Paul H. an, verletzt ihn durch mehrere Messerstiche schwer. Die Radler haben gegen den Angreifer keine Chance, genau wie die übrigen Opfer.

Zeugen berichten, der Täter habe „Allahu-Akbar“ gerufen – also „Allah ist groß“. Eine Frau erzählt noch völlig unter Schock, der Messerstecher habe sie alle als „Ungläubige beschimpft und gedroht: „Ihr müsst sterben!“

Paul H. lässt sich widerstandslos festnehmen

Um 5.04 Uhr treffen die ersten beiden Streifenpolizisten aus Ebersberg ein. Mit gezogenen Dienstwaffen gehen die Beamten auf den Amokläufer zu.
Paul H. hat die Mordwaffe, ein Survivalmesser mit zehn Zentimeter langer und drei Zentimeter breiter Klinge, in seinen Hosenbund gesteckt. „Messer weg“, befehlen die Polizisten. Paul H. lässt sich widerstandslos festnehmen.

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Minuten später treffen die ersten Krankenwagen und ein Rettungshubschrauber ein. Notärzte und Sanitäter kümmern sich um die Verletzten. Ein Verletzter ist selbst mit dem Taxi in die Klinik gefahren.
Der 58-Jährige aus Wasserburg erliegt etwa zwei Stunden später in einer Klinik seinen schweren Verletzungen. Der Zustand der übrigen drei Opfer ist stabil, heißt es am Nachmittag.

Angelika Obermayr, Bürgermeisterin der 13 000 Einwohner zählenden Stadt, ist sichtlich erschüttert: „Ich bin genauso fassungslos wie alle hier, dass so etwas in unserer idyllischen Voralpengemeinde passiert. So eine Art des Verbrechens hat es hier bislang nicht gegeben.“

 

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