Tränen, Jubel und ein Selfie Emotionaler Abschied von "Fußballgott" Schweinsteiger

, aktualisiert am 01.09.2016 - 09:15 Uhr
Schluss,aus, vorbei: Bastian Schweinsteigers Karriere im DFB-Team ist vorbei. Die Bilder vom Abschiedsspiel. Foto: dpa/firo/Augenklick/AZ

Tränen vor dem Anpfiff, ein Selfie auf dem Platz und "Fußball-Gott"-Rufe bei der Auswechslung: Kapitän Bastian Schweinsteiger hat trotz trostloser Kulisse ein bewegendes und emotionales Abschiedsspiel aus der Nationalmannschaft gefeiert.

Mönchengladbach - Beim 2:0 (0:0) gegen Finnland durfte der 32-Jährige noch einmal für 67 Minuten spielen - die Kapitänsbinde trug er aber das gesamte Spiel über. Als der Weltmeister um 22.16 Uhr unter lautstarkem Applaus vom Feld ging und eine der erfolgreichsten Länderspiel-Karrieren endgültig zu Ende war, durfte Schweinsteiger das schwarz-rot-goldene Stück Stoff am Arm behalten - ein in der Geschichte der Nationalelf wohl einmaliger Vorgang.

"Es war noch einmal eine große Ehre für mich, in dem Nationaltrikot spielen zu können. Ich wollte jeden Augenblick genießen, aber das es so schön wird, hätte ich nicht erwartet. Die Nationalmannschaft ist wie eine Familie, und ich verbinde auch mit Joachim Löw sehr viel, denn er war fast die ganze Zeit mein Trainer. Ich habe durch die Nationalmannschaft viele gute Freunde gewonnen", sagte Schweinsteiger nach dem Abpfiff seines letzten Auftritts im Weltmeister-Dress.

Für Bundestrainer Joachim Löw war der Abend "der Abschied, den Basti verdient hat. Er hat die Nationalmannschaft zwölf Jahre geprägt, ohne ihn wären unsere Erfolge in dieser Zeit nicht möglich gewesen. Er wird fehlen".

Schweinsteiger-Nachfolger erst am Donnerstag

Den Namen von Schweinsteigers Nachfolger im Kapitäns-Amt wollte der Coach gemäß seiner Ankündigung und "aus Respekt vor Basti, der noch bis 24.00 Uhr Kapitän ist und jetzt seinen Abend hat", noch nicht verraten. Seine Entscheidung will Löw erst am Donnerstag verkünden.

Sportlich war Schweinsteigers 121. und letzte Spiel für Löw trotz der Tore von Max Meyer (55.) und Mesut Özil (77.) das befürchtete Muster ohne Wert. Das beste Beispiel dafür, dass niemand die Partie so richtig ernst nahm, gab es in der 61. Minute: Ein Flitzer lief auf den Platz und umarmte Schweinsteiger. Der Kapitän machte in aller Ruhe ein Selfie mit dem Mann, ehe die Ordner sich in aller Ruhe auf den Weg machten, um ihn vom Feld zu geleiten.

Löw ließ 55 Tage nach dem Halbfinal-Aus bei der EURO im ungewohnten 3-3-1-3-System spielen, bot in Debütant Niklas Süle sowie Meyer und Julian Brandt drei Olympia-Helden auf, doch für das erste WM-Qualifikationsspiel am Sonntag (20.45/RTL) in Norwegen brachte ihm das wenige Aufschlüsse.

Nur knapp 30 000 beim Schweinsteiger-Abschied

Das Spiel hatte schon im Vorfeld wenig Interesse geweckt. Offiziell nur 30.121 Zuschauer waren eigentlich eine trostlose Kulisse für den Abschied von Kapitän Schweinsteiger. Doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) versuchte, dies bestmöglich zu vertuschen: Ein Oberrang war mit einem kompletten "Die Mannschaft"-Plakat zugehängt, der etatmäßige Gästeblock mit einem "Servus-Basti"-Transparent.

Vor dem Anpfiff kam dann dennoch Gänsehaut-Stimmung auf. Bei der Verkündung der Aufstellungen wurde Schweinsteiger schon lautstark gefeiert, kurz vor dem Anpfiff wurde die Atmosphäre ergreifend: Es gab eine Choreo des Fanclubs, eine Ansprache des Stadionsprechers sowie eine Ehrung durch DFB-Präsident Reinhard Grindel. Als auf der Leinwand die schönsten Szenen aus zwölf Länderspiel-Jahren Schweinsteigers liefen, erhob sich das Publikum von den Sitzen und hörte minutenlang nicht mehr auf zu klatschen. "Das hat mich schon sehr berührt, das hat man am Anfang auch gemerkt. Ich hätte das nicht gedacht, aber das hat mich schon sehr berührt", schilderte "Schweini" seine persönlichen Emotionen dabei.

Nach ein paar lobenden Worten Grindels, der einen Blumenstrauß und eine Collage überreichte, übernahm Schweinsteiger das Mikrofon und richtete sich mit brüchiger Stimme an die Fans. "Vielen Dank, dass Ihr gekommen seid. Das bedeutet mir sehr viel", sagte der Ex-Münchner: "Es war für mich eine große Ehre, für Deutschland zu spielen."

Von seinen langjährigen Kollegen saßen Manuel Neuer, Mats Hummels, Sami Khedira, Toni Kroos, Mesut Özil und Thomas Müller zunächst auf die Bank - sie wurden für Norwegen geschont. Kurzfristig nicht im Kader stand der Wolfsburger Julian Draxler. Der Weltmeister blieb nach Angaben des DFB wegen eines grippalen Infekts im Hotel in Düsseldorf.

Schweinsteiger, bei Manchester United ausgebootet und so noch ohne Spielpraxis in dieser Saison, gab hinter dem quirligen Meyer noch einmal in gemächlichem Tempo den Aufbauspieler und wurde bei jedem Ballkontakt bejubelt.

Letzte Auswechslung seiner DFB-Karriere in der 67. Minute

Auffallend war, dass das DFB-Team von Löw die Vorgabe hatte, schneller und risikofreudiger mit vertikalen Bällen in Tornähe zu kommen. Über gute Ansätze kamen die Platzherren gegen die kompakte Fünferkette des Weltranglisten-65. aber meist nicht hinaus. Für die größte deutsche Chance sorgten die Finnen sogar selbst, als Paulus Arajuuri beim Klärungsversuch an den Pfosten schoss (27.). Die zweitbeste Möglichkeit vergab der lange Zeit sehr unglückliche Mario Götze, dem man die mangelnde Fitness deutlich anmerkte, nach Vorlage von Meyer kläglich (32.).

Das erste wirkliche sportliche Highlight gab es zehn Minuten nach der Pause: Eine Hereingabe von Götze ließ der sehr fleißige Kevin Volland gut passieren und Meyer überwand den Frankfurter Bundesliga-Keeper Lukas Hradecky aus sieben Metern. Weitere zehn Minuten später vergab Götze das 2:0 abermals kläglich, ehe er auch das 2:0 vorbereitete.

Als kurz darauf die "7" auf der Leuchttafel des Vierten Offiziellen aufblinkte, erhoben sich die Zuschauer noch einmal von den Plätzen. Schweinsteiger winkte und klatschte ins Publikum und ging für Julian Weigl vom Feld. Danach schritt er durch die deutschen Ersatzspieler und Betreuer, umarmte einen nach dem anderen und setzte sich mit der Binde am Arm auf die Bank. Das war's.

 

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