BGH-Urteil sorgt für Groll Springen in Naturbädern? Nur unter Aufsicht!

Autorenprofil Ruth Schormann
Ein Bub hüpft vom Sprungturm im Strandbad von Utting – das ist auch diesen Sommer möglich, wenn Aufsichtspersonal vor Ort ist, erklärt Geschäftsleiter Florian Zarbo. Foto: Sven Hoppe/dpa

Bürgermeister von Seegemeinden sind sauer. Der Grund: Ein Urteil des BGH. Die Folge: Tore vor Türmen – und Rückbauten.

 

München - Momentan hat das Wasser im Ammersee eine Temperatur von etwa zehn Grad – zapfig. Aber die Badesaison kommt bestimmt. Wer es dabei gerne chlorfrei mag, hat allein in Oberbayern über Hundert Naturbäder zur Auswahl, zeigen Zahlen des Innenministeriums von 2017.

Für die Gemeinden mit Seebädern birgt der Badespaß heuer aber unter Umständen Probleme. "Wir dürfen langsam gar nix mehr. Das macht keinen Spaß mehr", sagt Bernhard Sontheim zur AZ, selbst passionierter Schwimmer und Feldafings Bürgermeister. "Irgendwann müssen wir Schilder aufstellen, die die Leute warnen, dass sie im Wasser nass werden", sagt Herrschings Bürgermeister Christian Schiller zur AZ.

Der Grund für ihren Groll: ein Urteil des Bundesgerichtshofs. Es regelt die Aufsichtspflicht von Betreibern von Bädern. Und dazu zählen eben auch Naturbäder, wie es sie im Süden Münchens viele gibt, manche mit Sprungturm, wie in Herrsching, manche mit Wasserrutsche wie in Dießen.

Strandbäder: Nachwuchs an Bademeistern fehlt

Das Urteil des BGH macht deutlich, dass Kommunen für Unfälle in solchen Bädern in vielen Fällen haftbar gemacht werden können. Ein Risiko. Bademeister, die in diesen Naturbädern aufpassen müssten, sind Mangelware – sie scheiden altersbedingt aus, Wochenend- und Feiertagsdienste machen den Beruf unattraktiv, erklärt Robert Kratzenberg der AZ.

Er ist bayerischer Landesvorsitzender des Deutschen Schwimmeister-Verbandes. "Wer möchte schon von Mitte Mai bis Mitte September durcharbeiten ohne einen Tag frei mit einer Wochenbelastung von rund 80 bis 90 Stunden", fragt Kratzenberg rhetorisch. Nachwuchs fehlt also.

"Wir haben wenig Hoffnung", sagt Herrschings Bürgermeister Schiller, was seine Suche nach einer Aufsicht für das Strandbad betrifft.

Utting hat ein Gutachten in Auftrag gegeben

Im Strandbad in Herrsching gibt es einen Steg, ein Badefloß und einen beliebten Sprungturm. Gab es, besser gesagt. Denn das Floß wird die Gemeinde verkaufen, erzählt Schiller, der Sprungtrum muss abgesperrt werden.

Auf der gegenüberliegenden Seeseite, in Utting, hat man ein Gutachten erstellen lassen, das besagt, dass ein Sprungturm so mit einer Absperrung versehen sein muss, "dass ein Erwachsener diese nicht leicht überwinden kann", zitiert Schiller.

Also werde ein verschließbares Tor angebracht, am Turm in Herrsching und auch am Uttinger Zehn-Meter-Turm, der als Wahrzeichen der Gemeinde gilt. Er sei auf vielen Aufklebern und Broschüren zu finden, beschreibt Geschäftsleiter Florian Zarbo der AZ.

Dießen: Diese Anpassungen sind notwendig

Zarbo ist froh, sagt er, dass das Gutachten, "das eine Stange Geld gekostet hat", 20.000 Euro, geklärt hat, dass der Turm nur verschlossen werden muss. Das wird er nun, wenn keine Aufsichtsperson zugegen ist. Bademeister gibt's in Utting aber glücklicherweise, der Pächter des Seebads selbst habe eine entsprechende Ausbildung.

Weil der Uttinger Sprungturm auch ein Aussichtsturm ist, gerade in den Wintermonaten, werden die Absprünge dann in der kalten Jahreszeit abgesperrt, erklärt Zarbo. Eine weitere gute Nachricht für Uttinger und ihren Feierabend: Das Bad ist nun bis 21 Uhr geöffnet. Damit steht einem Sprung vom Zehner zur Abkühlung nach dem Arbeitstag nichts im Wege.

Auch der Marktgemeinderat in Dießen am Ammersee hat bereits im März Konsequenzen gezogen: Beide Strandbäder in Riederau und St. Alban könne man "nicht mehr in der gewohnten Form betreiben", heißt es in einer Erklärung auf der Homepage der Marktgemeide.

Feldafing: "...dann haben wir halt nur noch eine Badestelle"

Neu ist nun also in diesem Sommer, dass Badegäste keinen Eintritt mehr bezahlen müssen, ihnen das Gelände deutlich länger, von 6 Uhr bis 22 Uhr offen steht, sie dafür aber keine Rutsche und kein Floß mehr nutzen können, denn diese "bädertypischen Einrichtungen", erklärt die Marktgemeinde, würden die Badestellen ja wieder zu Naturbädern machen, in denen eine Badeaufsicht nötig werden würde.

In der Gemeinde Feldafing am Starnberger See steht die finale Entscheidung in der Causa Strandbad noch aus. Doch Bürgermeister Bernhard Sontheim sagt zur AZ: "Ich denke, wir werden alles zurückbauen, dann haben wir halt nur noch eine Badestelle."

In seiner Stimme schwingt Unmut. Er selbst sei schon als kleiner Bub dort zum Schwimmen gegangen, wo heute noch Sprungturm und Rutsche stehen. "Für so ein Naturbad bräuchten wir einen Bademeister, wenn nicht gar zwei, und das ist ein Kostenfaktor, den wir nicht übernehmen wollen", teilt Sontheim die Entscheidung des Gemeinderates mit.

Lesen Sie hier: Naturschützer entsetzt - Linden-Kahlschlag am Starnberger See

 

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