Betriebe in der Krise Münchner Handwerker: "Die Zeche zahlen die Kleinen"

Sauer auf die Stadt: Schreinermeister Martin Steinberger in seiner Sendlinger Werkstatt Foto: Sigi Müller

Drei Sendlinger Handwerksmeister fordern in der Krise Hilfe von der Stadt. Die solle die Steuerbelastung für die kleinen Betriebe sofort senken. "Es wird sonst plötzlich knapp für uns."

 

München - Vor wenigen Tagen hat die Stadtkämmerei 2.589 Euro als Gewerbesteuer-Vorauszahlung von Martin Steinbergers Konto eingezogen: "Das Geld schnappt sich jetzt die Stadt München. Das ist doch bodenlos. Damit gehe ich groß in Vorleistung für ein Jahr, das viel schlechter wird als ursprünglich erwartet", ärgert sich der Schreinermeister aus Sendling. "Diese unfaire Steuer sollte ich jetzt zurückkriegen!" Der Handwerker betreibt in der Daiserstraße als Solo-Selbstständiger eine malerische Hinterhof-Werkstatt.

Dort baut er Schaufenstereinrichtungen, moderne Eckbänke oder mal eine Theke für ein Restaurant. Der 57-Jährige arbeitet 50 bis 60 Stunden pro Woche, macht kaum Urlaub, hat sich als "Kleiner" im Handwerk aber bisher nie beschwert. Wie so viele der kleinen Münchner Betriebe kämpft er jetzt ums Überleben. Seine Bank hat ihm zwar bereits einen KfW-Kredit von 40.000 Euro angeboten, aber das reicht ihm nicht.

Kredite statt Soforthilfe

Der Handwerksmeister fühlt sich ungerecht behandelt: "Wo ich ausgelaugt am Boden liege, bietet man mir gerade mal ein Darlehen an, sprich Schulden, die ich abstottern muss und für die ich Zinsen zahlen muss. Aber in der Zeitung liest man, wie unglaublich hilfsbereit die Behörden und Finanzämter sind. Das klingt für mich wie eine Lüge", sagt er enttäuscht.

Da sein Mini-Betrieb noch Rücklagen hat, und "nicht ganz blank ist", wie er sagt, ist er von einem Soforthilfe-Zuschuss ausgeschlossen.

Von der Stadtkämmerei fordert er nun mit anderen Handwerksmeistern aus München deshalb die Aussetzung der Gewerbesteuerzahlung, die er schon immer als ungerecht empfindet: "Selbstständige Juristen, Steuerberater, Psychotherapeuten zahlen keine Gewerbesteuer auf ihren Gewinn ab rund 25.000 Euro, warum wir nichtakademischen Kleingewerbetreibende – wie auch der kleine Döner-Buden-Besitzer? Wir wollen einen Erlass dieser grotesken Zusatzsteuer", argumentiert er. Die "Einkommensteuer zahlen wir Handwerker sowieso, wie jeder andere".

5.000 bis 7.000 Euro drückt Steinberger im Jahr als Gewerbesteuer auf seinen Gewinn an das Stadtsäckel ab. Jetzt denkt er sich: "Wenn ich dieses Geld noch hätte, könnte ich diesem schwierigen Geschäftsjahr gelassener entgegensehen. Ich finde, dass ich diese unfaire Steuer jetzt zurückkriegen sollte, wo es plötzlich knapp wird!"

Steinberger: "Diese unfaire Steuer sollte ich jetzt zurückkriegen!"

Mit seinen Ideen für eine fairere Handhabung der Gewerbesteuer ist er nicht allein. Elektrikermeister Gunther Schneidt vom Gotzinger Platz und der Obersendlinger Schreinermeister Peter Kübrich unterstützen seinen Vorstoß gegen diese Ungleichbehandlung von Solo-Selbstständigen. Sie sind ebenfalls davon überzeugt, die Corona-Krise sei der richtige Zeitpunkt für eine längst fällige Reform der Gewerbesteuer für Solo-Selbstständige – oder besser noch für eine dauerhafte Abschaffung.

Auch wenn die Gesetzgebung Bundessache ist, möchten sie ihr Anliegen der Stadtkämmerei vortragen: "Der Gewerbesteuersatz hängt vom Ort ab und ist für kleine Betriebe gnadenlos hoch in München."

Das sei problematisch, weil "wir Münchner Handwerker so mehr zur Ader gelassen werden, als ein Schreiner in Erding, Starnberg oder aus Niederbayern. "Obwohl diese ebenfalls Münchner Aufträge ausführen", so sagt es Schreinermeister Peter Kübrich.

Der 47-jährige, der hochwertigen Innenausbau für Arztpraxen und Läden macht, ärgert die Ungleichbehandlung von kleinen Selbstständigen: "Der Zahnarzt ist irgendwie auch ein Handwerker, ich stelle halt Stühle her. Wo ist der Unterschied zwischen Selbstständigen und Selbstständigen?", fragt Kübrich, der ohne Angestellte in der Kistlerhofstraße 140 arbeitet.

Kübrich: "Kleine Betriebe sollen mehr gefördert werden"

Er sagt: "Wir Handwerksmeister stehen zusammen und fordern eine Befreiung von der Gewerbesteuerpflicht für kleine Solo-Selbstständige in dieser Stadt. Denn kleine Betriebe sollten mehr gefördert werden, als ständig die Riesenunternehmen. Aber die Handwerkskammer setzt sich nicht dafür ein."

"Schulen sind wichtig. Aber warum sollen Handwerker zahlen?" Die Stadt München möchte im Moment nichts an der Höhe ihrer stolzen Gewerbesteuer ändern. Auf Nachfrage der AZ erklärt Stadtkämmerer Christoph Frey (SPD): "Die Stadtkämmerei kennt derzeit solche Forderungen nicht. Die Gesetzgebung obliegt dem Bund, die Kommunen setzten lediglich den Hebesatz fest." Seit 1997 läge der Hebesatz bei der Gewerbesteuer in München unverändert bei 490 Prozent, sagt Frey, der offenbar keinen Handlungsbedarf sieht.

Kübrich: "Schulen sind wichtig. Aber warum sollen Handwerker zahlen?"

Der Stadtkämmerer enttäuscht die Münchner Handwerksmeister: "Vonseiten der Landeshauptstadt ist derzeit die Absenkung nicht geplant, da sonst die Leistungsfähigkeit der Stadt München nicht mehr gegeben wäre und wichtige Projekte, wie beispielsweise die Schulbauprojekte nicht umgesetzt werden könnten." Schreinermeister Martin Steinberger aus der Daiserstraße findet diese Antwort irrwitzig. "Schulen sind so wichtig. Aber wieso sollen wir Handwerker die bezahlen?", fragt er sich.

Steinberger sagt seufzend: "Das Geld für die Gewerbesteuer der vergangenen Jahre würde mich jetzt über den zu erwartbaren Umsatzeinbruch 2020 retten. Das Geld könnte ich jetzt so gut brauchen. Das wären meine Rücklagen! Aber das Geld ist weg."

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