Besuch im Rotkreuzklinikum Eine Nacht im Ausnüchterungsraum zur Oktoberfest-Zeit

AZ-Lokalredakteurin Jasmin Menrad.
Dr. Johannes Maxrath, Chefarzt der Notaufnahme, vor dem Ausnüchterungsraum, den sie im Rotkreuzklinikum "Aquarium" nennen. Foto: Jasmin Menrad

Alkoholleichen, ein Bieselunfall und ein flüchtiger Schädelbruch: Eine Nacht im Rotkreuzklinikum zur Wiesn-Zeit.

 

München - Wenn um 1.30 Uhr die Wiesn-Sanitätsstation schließt, stehen die Ärzte und Pfleger der Notaufnahme im Rotkreuzklinikum bereit, um jene Patienten zu empfangen, die nach ein paar Stunden Schlaf noch nicht nach Hause gehen können.

Samstag, als die AZ zu Besuch war, war das "Aquarium" – der Ausnüchterungsraum – mit neun Patienten komplett belegt. Zwei weitere schliefen ihren Rausch auf dem Flur aus.

"Wies’n Chill Out Area" ist komplett belegt

Im ersten Stock erwartet die Alkoholintoxikierten in der "Wies’n Chill Out Area" als Boxen durchnummerierte Matratzen auf dem Boden – dass sie sich nicht verletzen, wenn sie fallen – und eine Schwester, die ihren Schlaf überwacht. "Medizinisch ist eine Alkoholvergiftung keine Herausforderung", sagt der Chefarzt Dr. Johannes Maxrath (44). Die Patienten werden an den Tropf gehängt und überwacht. Aber auch das "Aquarium" wird videoüberwacht – zur Sicherheit der Pflegerin.

Wenn die Alkoholleiche ein Deutscher ist, zahlt die Ausnüchterung die Krankenkasse, ansonsten kostet die Nacht rund 600 Euro. Sogar ein Frühstück ist dabei. "Das will aber nie jemand", sagt Maxrath.

Eine Nacht im Ausnüchterungsraum kostet 600 Euro

Vor einer Woche wurde ein stark alkoholisierter deutscher Tourist eingeliefert. Er hatte einen Schädelbruch. Keinen schweren, aber so schwer, dass er überwacht werden musste. Nur, der junge Mann Anfang 20 wollte das nicht und ging stiften. "Zuerst haben wir ihn gesucht, dann haben wir die Polizei informiert. Die hat ihn nach kurzer Zeit gefunden", sagt Maxrath.

Die besondere Herausforderung ist, im Wiesnwahnsinn den normalen Betrieb aufrechtzuerhalten. Deshalb stocken sie während der Volksfestzeit auf. Mindestens ein Arzt und bis zu fünf Pflegekräfte mehr sind da und ein Sicherheitsdienst. Die Wiesnpatienten werden gesondert untergebracht. "Stellen Sie sich vor, Sie haben einen frischen Herzinfarkt und dann singt in ihrem Zimmer einer die ganze Nacht Wiesnhits", sagt Maxrath.

Zur Wiesn-Zeit wird das Personal aufgestockt

Zur Wiesn 2018 wurden 1.200 Patienten in der Notaufnahme vom Rotkreuzklinikum behandelt. Das sind doppelt so viele wie sonst. Die meisten von ihnen wegen Alkohol, dann folgen chirurgische Probleme wie Brüche. "Sobald es geröntgt werden muss oder es eine Computertomographie braucht, schickt Aicher Ambulanz die Patienten von der Wiesnsanitätsstation zu uns", sagt Maxrath.

Er selbst hat fünf Jahre als Arzt auf der Wiesn gearbeitet, geht auch gerne privat. "Da werden nur Patienten behandelt, die auf dem Gelände verletzt werden. Sobald jemand nur 50 Meter von der Theresienwiese weg liegt, wird er in eine Klinik gebracht." Manche kommen selbst: So wie der Italiener, der der Schwester an der Patientenaufnahme nicht sagen wollte, wo sein Problem liegt. Es war verborgen unter seiner Jacke, ein Bieselunfall, bei dem sein bestes Stück und ein Reißverschluss unglücklich aufeinandergetroffen sind.

Biesel-Unfall: Bestes Stück im Reißverschluss eingeklemmt

Zur Wiesn verstärkt sich ein Phänomen, das in den vergangenen Jahren zugenommen hat: Täglich werden Mitarbeiter beschimpft, manchmal auch körperlich angegriffen. "Die Ungeduld der Menschen nimmt zu und jeder denkt, er sei ein Notfall. Wenn die Menschen noch betrunken sind, sind sie enthemmt." Dabei schätzen die Mitarbeiter der Notaufnahme das Risiko der Patienten nach fünf sogenannten Triage-Stufen ein: von Rot, über orange – muss in zehn Minuten behandelt werden – bis Grün – innerhalb von 90 Minuten.

Bei manchen Patienten steht das Team schon bereit, weil sie ihnen als schwierig angekündigt werden: So wie der Mann, der vergangene Woche von sechs Polizisten gebracht wurde – gefesselt. "Die Polizei ging wieder, wir haben ihn sedieren und fixieren müssen, weil er unser Personal angegriffen hat", sagt Maxrath.

Samstagnacht erwartet die Mitarbeiter noch eine besondere Herausforderung: eine taubstumme Französin mit einer Alkoholvergiftung. Mit Händen und Füßen schaffen es die Pfleger, ihr zu erklären, dass sie die Nacht im Klinikum verbringen wird. Und in der Früh erwartet sie ein Petit Déjeuner mit Semmel, Joghurt und Kaffee.

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