Bedrohung für Mensch und Tier Problem Mikroplastik: Unsichtbares Treibgut in der Isar

In der Isar schwimmt viel Mikroplastik – und das ist ein großes Problem. Foto: Peter Kneffel/dpa

In der Isar schwimmen nicht nur Fische und Enten – sondern auch Mikroplastik. Wo kommt es her und wie bekommt man es wieder raus?

München - Dass Mikroplastik im Meer treibt, ist bekannt. Doch auch Flüsse und Seen sind nicht frei davon. Eine Studie über die Belastung von Mikroplastik in bayerischen Gewässern hat das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) gemeinsam mit der Universität Bayreuth und der Technischen Universität München im Auftrag des Bayerischen Umweltministeriums durchgeführt. Daraus geht hervor: Auch in der Isar schwimmt das kaum sichtbare Treibgut.

Schadet München der Isar? 

Aber nicht an allen Messstellen gleich verteilt: Vor München bei Baierbrunn beträgt die Konzentration von Mikroplastik 8,3 Partikel pro Kubikmeter. In der Stadt hat man es also noch gut, doch dann wird’s arg: Bei Moosburg steigt die Konzentration auf 87,9 Partikel/m3 an. Bei Deggendorf, wo die Isar in die Donau mündet, ist sogar eine Konzentration von 150,8 Partikeln/m3 festgestellt worden – der höchste in Bayern gemessene Wert.

Direkt in München ist das Wasser nicht untersucht worden. Aber wenn man die Zahlen betrachtet, liegt der Schluss nahe: Die Münchner tun der Isar nur bedingt gut – und die Städte isarabwärts müssen es ausbaden.

Das Landratsamt Landshut führt an der Isar keine Proben auf Mikroplastik für das Gesundheitsamt durch, wie Pressesprecherin Carina Weinzierl auf AZ-Anfrage mitteilt. Der Grund: "Das Wasser in der Isar ist ständig in Bewegung. Wenn wir jetzt eine Probe entnehmen, ist das Wasser bis zur Auswertung schon in Plattling. Es sind also nur Momentaufnahmen."

Was ist Mikroplastik und woher kommt's?

Was ist Mikroplastik überhaupt? Laut Bayerischem Landesamt für Umwelt ist Mikroplastik ein Sammelbegriff für verschiedenste Arten von kleinen Kunststoffteilchen. Allgemein verstehe man darunter Partikel mit einem Durchmesser kleiner als fünf Millimeter. Mit einer Größe von unter einem Millimeter sind die Partikel nur unter dem Mikroskop sichtbar.

Der Mikroplastik-Kreislauf
So gelangt Mikroplastik vom Autoreifen in den menschlichen Körper. (Foto: dpa)

Unterschieden wird zwischen primärem und sekundärem Mikroplastik. Ersteres wird industriell hergestellt. Es wird zum Beispiel in Putzmitteln und Kosmetika eingesetzt, da die Partikel eine reinigende Wirkung haben. Zu primärem Mikroplastik zählen auch Kunststoffpellets. Diese werden in der Industrie zur Herstellung von Plastikprodukten genutzt.

Sekundäres Mikroplastik entsteht dann, wenn sich größere Kunststoffteile zersetzen. Wenn Plastikmüll in die Umwelt gelangt, zerfällt er durch Sonne, Reibung und andere Einflüsse. Als sekundäres Mikroplastik gelten auch Kunststofffasern, die sich beim Waschen aus Textilien lösen. Sekundäres Mikroplastik stellt nach heutigem Kenntnisstand die Hauptkontaminationsquelle für die Umwelt dar.

Auf welchem Weg gelangt Mikroplastik in die Gewässer wie die Isar? Quellen gibt es viele: Am meisten tragen zur Belastung Plastikpartikel bei, die aus unsachgemäß entsorgten Kunststoffabfällen entstehen. Diese werden entweder direkt in den Gewässern entsorgt, oder werden durch Wind und Regen dorthin getragen.

Mikroplastik
Mikroplastik ist ein Problem für viele Gewässer. (Foto: ho)

Primäre Mikroplastikpartikel, die industriell hergestellt werden, machen laut LfU Bayern hingegen einen geringeren Anteil an der Gesamtbelastung aus.

Auch Industriebetriebe, die entsprechende Mikro- und Nano-partikel verarbeiten, können zu einer erheblichen Belastung des Abwassers beziehungsweise der Gewässer beitragen. Einen weiteren Eintragspfad stelle häusliches Abwasser dar: Typische Quellen sind dort Waschmaschinen durch den Abrieb von Kunstfasern, Kosmetika und unsachgemäß entsorgte Abfälle.

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Die Stadtverwaltung kennt das Problem

Auch in der Stadtverwaltung ist das Problem Mikroplastik bekannt. Zwei Klärwerke betreibt die Stadtentwässerung: Gut Großlappen auf Höhe der Allianz Arena und Gut Marienhof in Eching. Isarwasser wird dort freilich nicht geklärt, sondern Abwasser. Aber Teile davon werden nach der Reinigung in die Isar geleitet.

Im Klärwerk werden mechanische und biologische Verfahren eingesetzt – und zusätzlich Sandfiltrationsanlagen. "In der Fachwelt wird aktuell davon ausgegangen, dass sich sowohl die biologische Reinigungsstufe als auch die Sandfilter positiv auf den Rückhalt von Mikroplastikpartikeln auswirken", sagt ein Sprecher der Stadtentwässerung zur AZ.

Wie viel Mikroplastik trotzdem im Wasser schwimme, könne man nicht sagen.

Welche möglichen Auswirkungen hat Mikroplastik in Gewässern auf Mensch und Tier? Das Vorkommen von Mikroplastik in Flüssen und Seen wird erst seit Kurzem intensiver untersucht. Bisher konzentrieren sich laut LfU entsprechende Untersuchungen auf den Lebensraum Meer. Die Erforschung möglicher Auswirkungen auf Tiere in Flüssen und Seen steht also noch ganz am Anfang.

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Das LfU Bayern schreibt dazu: Mikroplastik kann möglicherweise Schäden an Kiemen und am Magen-Darm-Trakt von Fischen und Muscheln verursachen. Manche Tiere scheiden die Partikel unverdaut wieder aus, bei anderen reichern sie sich dagegen im Verdauungstrakt an. Außerdem besteht das Risiko, dass die Mikroplastikteilchen innerhalb der Nahrungskette weitergegeben und möglicherweise auch vom Menschen aufgenommen werden könnten. Noch gibt es dazu aber keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse.

Es muss noch viel geforscht werden

Auch die Münchner Stadtentwässerung beteiligt sich derzeit an drei Forschungsprojekten zum Thema Mikroplastik. Viel muss hier noch erforscht werden: Zum Beispiel gibt es noch keine Standards, um zu testen, mit welchen Filtern die Mikropartikel am besten im Klärwerk zurückgehalten werden können. Das Forschungsministerium hat dazu im vergangenen Jahr ein Programm gestartet.

Erst wenn dieses abgeschlossen ist, könnte es ein Gesetz dazu geben, das regelt, wie Klärwerke ausgestattet sein müssen, um Mikroplastik zu filtern. Bis dahin sieht die Stadtentwässerung sich auch nicht recht handlungsfähig – es geht, wie oft, ums Geld, wie der Sprecher betont: "Ohne gesetzliche Grundlage ist die Errichtung von Anlagen zum Mikroplastikrückhalt nicht über die Abwassergebühren finanzierbar."

 

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