Bayreuther Festspiele Tobias Kratzer über "Tannhäuser"

Tobias Kratzer (Regie, Mitte), Rainer Sellmeier (Bühne) und Manuel Braun (Video) sind das „Tannhäuser“-Team. Foto: Enrico Nawarath/Bayreuther Festspiele

Am Donnerstag werden die Bayreuther Festspiele mit Richard Wagners romantischer Oper um den Sängerkrieg auf der Wartburg eröffnet

 

Der Mann sprudelt vor Ideen. Das zeigt schon die lange Reihe völlig unterschiedlicher Inszenierungen, die Tobias Kratzer mit seinen 39 Jahren gestemmt hat. Und er ist um keine Antwort verlegen. Wir haben ihn kurz vor der „Tannhäuser“-Premiere in Bayreuth getroffen und mit ihm über Wagners Pathos und Diversity gesprochen, über den Dirigenten Valery Gergiev, Schnitzel und Büchertalkshows.

AZ: Herr Kratzer, man würde Sie als Regisseur nicht unbedingt mit dem Dirigenten Valery Gergiev zusammenstecken.
TOBIAS KRATZER: Warum denn nicht? Wir haben in Berlin schön Schnitzel gegessen im Borchardt, das verbindet schon mal. Aber im Ernst: Valery Gergiev hat doch nicht den Ruf eines Inszenierungszerstörers, wir haben uns im Vorfeld sehr detailreich ausgetauscht – und seine Tempi befeuern unsere Inszenierung aufs Trefflichste.

Lesen Sie auch: Mehr Stoff für den Klassik-Junkie Valery Gergiev

Und wie findet er den Auftritt des Londoner Drag-Stars Le Gateau Chocolat?
Das müssen Sie ihn schon selber fragen. Ich glaube, er findet die Inszenierung sehr unterhaltsam. Wir haben ja auch noch eine zweite Figur neu eingeführt: den Blechtrommler Oskar. Das scheint mir seine persönliche Lieblingsfigur.

Le Gateau Chocolat ist ein großer Opernfan und singt auf der Bühne regelmäßig Arien. Wie setzen Sie ihn ein? Als Wächter des Venushügels?
Die „schwarze Venus“ Grace Bumbry von 1961 ist ja eine Bayreuther Legende. Ich finde, auch 2019 steht dem „Tannhäuser“ ein bisschen Diversity gut zu Gesicht! Auf Youtube können Sie übrigens schon mal seine Interpretation der Hallenarie hören.

Lesen Sie auch: In der Pause ein Spiel am Teich

Den „Tannhäuser“ haben Sie vor neun Jahren schon einmal in Bremen inszeniert. Wie gelingt es, einen neuen Dreh für Bayreuth zu finden?
Als die Anfrage kam, lag die Bremer Inszenierung erst drei Jahre zurück. Deshalb habe ich erst gezögert und überlegt, ob ich mit diesem Stück gleich nochmal in die Manege will. Geholfen hat mir dann die Tatsache, dass es zwei „Tannhäuser“-Fassungen gibt. Und sie unterscheiden sich doch sehr in der Exposition und in der Venusbergszene.

Sie haben in Bremen die Pariser Fassung gewählt.
Und in Bayreuth ist es jetzt die Dresdner. Gewisse Grundgedanken bleiben natürlich, aber die Gefahr eines Remakes besteht sicher nicht. Bremen war eine sehr wichtige Station in meiner künstlerischen Karriere, aber seit ich hier probe, ist das im Gedächtnis nach hinten gerückt. Man lebt in Bayreuth ja auch in einer ganz abgeschlossenen Welt.

Inwiefern?
Der ganze Festspielbereich hat eine Art Campus-Atmosphäre und erinnert mit den vielen Probebühnen auch eher an ein klassisches Filmstudio als an ein normales Opernhaus. Ich wohne hier auch direkt über die Straße vom Festspielhaus. Da ist man quasi rund um die Uhr in der Blase.

Sie interessieren sich für die Biografien der Komponisten, in Bremen ging es um den Revolutionär Richard Wagner. Was bleibt für Bayreuth?
Entscheidend ist, dass der „Tannhäuser“ zu einer Zeit entstand, als Wagner politisch hoch aktiv war. Das hat er erst später zu Gunsten seiner Komponistenkarriere zurückgefahren. Und dieser Widerspruch, einerseits die reale Welt oder ein politisches System verändern und gleichzeitig ein Großkünstler werden zu wollen, steckt ganz deutlich in diesem Stück.

Dann spielt das Drama um die Künstlerfigur die entscheidende Rolle?
Auf jeden Fall mehr noch als in Bremen, wir sind in Bayreuth schließlich im Tempel der Wagnerschen Kunstreligion. Das Werk hat hier eine schwierige Inszenierungs- und Rezeptionsgeschichte. Tannhäusers Antrieb, sich der Kanonisierung durch die Gesellschaft zu entziehen, führt grundsätzlich zum Zwiespalt, aber in Bayreuth eben stärker als an jedem anderen Theater.

Was ist Ihr Tannhäuser für ein Mann? Ein Außenseiter?
Vielleicht ist seine Tragik, gar nicht wirklich ein Außenseiter zu sein, denn er kann immer wieder in den Schoß der Gesellschaft zurückkehren. Dieser Herkunft kann er aber auch nicht entkommen, sie ist ihm genauso eingeschrieben wie einem echten Außenseiter etwa die Hautfarbe oder die Geschlechtlichkeit. Deshalb gibt es zwischen ihm und der Venuswelt auch diesen fundamentalen Graben. Er zerbricht ja gerade daran, dass es für ihn jederzeit ein Zurück gibt.

Und egal, was passiert, wartet Elisabeth auf ihn. Ist das Frauenbild Wagners hier nicht besonders eindimensional und realitätsfern?
Ich würde nicht sagen eindimensional, aber sowohl Venus als auch Elisabeth tendieren in ihrer strengen Gegensätzlichkeit fast zum Allegorischen. Gerade Elisabeth wird von Wagner sehr viel Heiligkeit aufgebürdet. Und diese „Reinheit“ ist einem heutigen Publikum nur noch schwer vermittelbar. Aus der Elisabeth eine nachvollziehbare Figur zu formen, gehört sicher zu den größeren Herausforderungen des „Tannhäuser“. Brünnhilde oder Kundry sind dagegen schon sehr viel selbstbestimmter, dagegen hängen die frühen Frauenfiguren Wagners noch sehr an den romantischen Klischees. Da muss man ein bisschen gegensteuern.

Wie schafft man das?
Wir etablieren die Elisabeth schon vor der Hallenarie. Sie und Tannhäuser hatten ja bereits eine Beziehung. Das wird nie erzählt, aber das erklärt einiges.

In Wagners Konzept sind Sünde, Buße und Gnade zentrale Begriffe. Die nimmt man heute nicht mehr gerne in den Mund.
Diese großen abstrakten Begriffe sind aber keineswegs veraltet. Wenn man das aus dem Kalenderspruchartigen herauslöst und auf eine konkrete Situation herunterführt, dann sind das alles nachvollziehbare Regungen, die man heute nur anders bezeichnet. Es gibt immer Dinge, die ein schlechtes Gewissen machen, die einen martern – und genauso gibt es die Entlastung von all dem.

Der Aufenthalt Tannhäusers im Venusberg schockiert ja nicht nur die Wartburg-Gesellschaft. Was könnte heute ein adäquates Vergehen sein?
Es macht keinen Sinn, das in eine schlimmstmögliche Verfehlung der Gegenwart zu übersetzen, das würde die Figur des Tannhäuser und seinen Spielraum zerstören. Vielmehr muss man den gesellschaftlichen Rahmen definieren, in dem etwas zum Fehltritt wird. Es gibt Kreise, in denen es schon ein Vergehen ist, den Teebeutel in der Tasse zu lassen. Das kann ein Erregungspotenzial auslösen wie in anderen Umgebungen nur ein Mord.

Wie behagt Ihnen Wagners Pathos?
Ich gehöre nicht mehr zur Generation, die das Pathos um jeden Preis brechen muss. Im Gegenteil. Oper ist ein Medium, in dem man Emotionen und Pathos auch mal ungebremst zulassen kann. Schon weil es das in anderen Lebensbereichen kaum noch gibt. Problematischer finde ich bei Wagner das Tautologische. Auf allen Ebenen wird dasselbe vermittelt: Was in der Musik zum Ausdruck kommt, wird im Text gesagt und gleich noch in der szenischen Geste eingefordert. Da muss man gegensteuern, aber nicht, um zu ironisieren, sondern um die Vielschichtigkeit des Werks auch erlebbar zu machen.

Wie sieht dieses Gegensteuern aus? Frank Castorf hat in der „Walküre“ Ausschnitte aus dem Film „Panzerkreuzer Potemkin“ zum großen Liebeszauber gezeigt.
Wir arbeiten nie gegen die Musik, aber manchmal ist es notwendig szenisch auch eine Art Kontrapunkt zu setzen, oder eine leichte Verschiebung, quasi ein szenisches Rubato. Das kann den durch die Musik vermittelten Eindruck auch steigern. Aber alles zu verdoppeln und zu verdreifachen, bringt nichts.

Sie haben Kunstgeschichte studiert. Inwiefern beeinflusst das Ihre Arbeit auf der Bühne?
Das hat meinen Blick sehr stark geschult. Ich ziehe nicht ständig kunsthistorische Referenzen heran, es geht vielmehr um die Präzision des Blickes und die Geschwindigkeit der Wahrnehmung. Und natürlich hilft auch die Auseinandersetzung mit ästhetischen Grundfragen. Meine Arbeit hat das auf jeden Fall sehr befruchtet.

Wie sind Sie dann zur Oper gekommen?
Relativ früh sogar. Meine Eltern haben uns Kinder mit allem Möglichen konfrontiert, und bei der Oper blieb ich einfach hängen. Von Moosburg, um genau zu sein, von Mauern nach München war’s nicht weit. Das liegt alles noch im MVV. Also bin ich nach der Vorstellung problemlos mit dem Opernticket heimgekommen.

Jetzt sehen wir endlich, was Opernkarten mit MVV aus einem jungen Menschen machen können.
Ja, die Oper lag quasi auf meiner Stammstrecke. Aber opern-ästhetisch bin ich eigentlich stärker in Stuttgart und bei den Salzburger Festspielen unter Mortier sozialisiert worden. Da half dann auch der Führerschein.

Sie arbeiten in Ihren Inszenierungen häufig mit Video. Könnten Sie sich vorstellen fürs Fernsehen zu arbeiten? Im „Tatort“ Regie zu führen?
Der „Tatort“ interessiert mich gar nicht. Allerdings würde ich gerne eine Büchertalkshow moderieren!

Thomas Gottschalk kommt doch immer zur Premiere nach Bayreuth.
Da könnte man gleich den Austausch machen.

„Gottschalk liest“ aber bestimmt weiter, Sie müssen also noch eine Weile Opern inszenieren. Was kommt als nächstes?
„Fidelio“ am Royal Opera House in London, davor noch Rossinis „Guillaume Tell“ in Lyon. Aber wenn das „Literarische Quartett“ anruft, würde ich ausnahmsweise eine Probe ausfallen lassen.

BR Klassik überträgt die „Tannhäuser“-Premiere am Donnerstag ab 16 Uhr im Radio und als Video-Livestream

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading