Bayerns Nummer eins im Interview Neuer: "Habe das Helfer-Gen in mir"

Hält den Laden beim FC Bayern dicht: Manuel Neuer (2.v.r.). Foto: firo / Augenklick

AZ exklusiv: Vor dem Hit gegen seinen ehemaligen Klub FC Schalke 04 spricht Manuel Neuer vom FC Bayern über Heimatgefühle, das Wiedersehen mit den Ex-Kollegen, den Wandel der Bayern-Fans – und seine Schafkopf-Qualitäten.

 

AZ: Herr Neuer, was erweckt in Ihnen das Gefühl von Heimat?

MANUEL NEUER: Wenn ich von München heim nach Gelsenkirchen fahre, sieht man von der A2 bei guter Sicht schon aus vier, fünf Kilometern die Flutlichtmasten des alten Parkstadions. Dann weiß ich, dass ich gleich zuhause bei meiner Familie in Buer bin.

Ein Spiel gegen Ihren Ex-Klub Schalke 04 ist bestimmt nicht wie jedes andere.

Da das jetzt ein Heimspiel ist, geht’s noch. Wenn ich auf Schalke spiele, kochen die Emotionen eher hoch. Ich freue mich einfach, die Jungs wieder zu sehen. Die drei Punkte bleiben aber hier. (lacht)

Im Trainingslager in Katar gab’s beim 5:0 eine böse Abreibung für Schalke.

Wir können leider nicht davon ausgehen, dass es wieder so kommt. So ein Vorbereitungsspiel darf man nicht überbewerten.

Als Sie 2011 als Schalker Jung zu Bayern kamen, hat die Südkurve vehement protestiert.

Ich habe damals bewusst nicht auf die Anfeindungen reagiert, bin ruhig geblieben und habe gehofft, dass es sich legt. Mittlerweile gibt keine Reibung mehr und ich fühle mich auch bei unseren Heimspielen wohl. Letzte Saison bei den Elfmeterschießen in Gladbach und Madrid haben die Fans sogar meinen Namen gesungen.

In der Liga sind Sie seit 339 Minuten unbezwungen, in Mainz mussten sie keinen einzigen Ball parieren. Wird’s oft einsam im Strafraum?

Einsam? Das nicht. Ich verfolge das Spiel, versuche viel zu dirigieren. Wenn ich viel rede, bleibe ich aufmerksam. Wenn ich rufe, komme ich aber meistens nur bis zu den Sechsern. (lacht)

Ein kleiner Makel: In sechs Champions-League-Spielen haben Sie genauso viele Gegentore kassiert wie in 20 Liga-Spielen, nämlich sieben.

Das muss sich ändern. Gerade jetzt: Jedes K.o.-Spiel ist wie ein Finale. Arsenal wird uns alles abverlangen, wir dürfen uns keinen Patzer erlauben.

Was war Ihr bislang größtes Spiel?

Sie meinen beim FC Bayern?

Egal, was Ihnen einfällt.

Im Champions-League-Halbfinale bei Real Madrid bestanden zu haben, war großartig. Als wir schnell 0:2 zurück lagen, sah es echt blöd für uns aus. Dann aber haben wir das 1:2 gemacht und waren die zweite Halbzeit das bessere Team. Tja, und im Elfmeterschießen halte ich zwei Elfmeter. Wobei man Elfmeterschießen nicht überbewerten sollte. Als Torwart kannst du nur gewinnen – und es ist Glücksache.

So bescheiden?

Das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun. Torhüter sind eigentlich Einzelkämpfer, aber ich sehe mich total als Mannschaftsspieler. Ich habe das Helfer-Gen in mir, gehe im Spiel immer weit raus und versuche, Lücken zu stopfen.

Ihre beste Parade?

(überlegt) Die meisten habe ich schon wieder vergessen. Gegen Augsburg im Pokal, das war ein schwieriger Ball – abgefälscht und ich stand schon in der anderen Ecke. Ich erwarte von mir aber auch, dass ich solche Bälle halte. Ich bin da Perfektionist.

Bis hin zur psychischen Erschöpfung, wie bei Oliver Kahn?

Das nicht. Ich schließe eigentlich immer sehr schnell mit allem ab. Im Spiel sage ich mir: Der nächste Ball kommt bestimmt. Was hilft’s mir auch, mich von Gegentoren runterziehen zu lassen? Negative Energie wirkt sich immer auch auf die Leistung aus.

Hat sich daran mit dem Wechsel zum FC Bayern etwas verändert?

Nein, ich habe ja auch schon auf Schalke Gegentore bekommen. (lacht) Der Unterschied ist, dass meine Leistung hier an drei Bällen pro Spiel bewertet wird. Bei Schalke waren es fünfzehn. Das zu lernen, hat ein halbes Jahr gedauert – dieses immer wach sein, fokussiert bleiben.

Haben Sie einen Mentalcoach gefragt oder auf sich selbst vertraut?

Das ging alleine. Ich bin zwar erst 26, habe aber schon zwei große Turniere und ein Champions-League-Finale gespielt. Auf Schalke war ich Kapitän, jetzt übernehme ich beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft Verantwortung. Vieles kommt mit der Erfahrung. Ich wurde nicht ins kalte Wasser geworfen.

Ihr größter Traum – die Meisterschale?

Unter anderem – wir nehmen alles, was kommt. Unser großes Ziel ist, wieder die Nummer eins in Deutschland zu werden. Aber wer weiß? Vielleicht schlagen wir ja in allen Wettbewerben diesmal eiskalt zu.

Sind Sie schon gespannt auf Pep Guardiola?

Nein, ich bin da ganz entspannt. Guardiola ist noch weit weg. Ich kann jetzt ja auch noch nicht ans Champions-League-Finale denken, wenn wir erst mal gegen Arsenal das Achtelfinale spielen müssen.

Warum werden eigentlich immer die anderen Welttorhüter?

Ganz ehrlich? Ich weiß nicht mal, wer den Welttorhüter wählt. Damit beschäftige ich mich nicht. Was habe ich auch davon? Das A und O für mich ist der mannschaftliche Erfolg. Einzelehrungen sind oft erst die Konsequenz daraus. Ich habe ja noch Zeit.

Wer waren früher Ihre Idole?

Jens Lehmann, als der noch auf Schalke war. International war’s Ajax-Torwart Edwin van der Sar, der damals schon sehr modern gespielt hat, fast wie ein elfter Feldspieler. Von ihm hatte ich auch ziemlich viele Videokassetten.

Macht es Sie stolz, die Eins für Deutschland tragen zu dürfen?

Ich weiß, dass ich durch die WM und EM, die ich schon gespielt habe, eine gewisse Stellung innerhalb der Mannschaft habe – das macht mich stolz. Ich weiß aber, dass ich mich darauf nicht ausruhen darf. Die anderen Jungs geben auch richtig Gas. Und im Fußball können sich die Dinge ganz schnell drehen.

Geben Sie Ihren Konkurrenten Tipps?

René Adler, Ron-Robert Zieler, Marc-Andre ter Stegen – die sind alle Führungsspieler in ihren Vereinen. Da würde es blöd rüber kommen, wenn ich ihnen Tipps geben würde. Bei Bayern ist das was anderes. Da frage sogar ich manchmal Tom Starke oder auch die jungen Keeper, ob sie bei mir was entdecken, was ich verbessern könnte. Wenn man so will, sind wir wie ein kleines Team innerhalb des Klubs. Wir arbeiten füreinander.

Ihren Torwarttrainer, Toni Tapalovic, haben Sie von Schalke mitgebracht.

Er hat dieselbe Spielphilosophie wie ich – die eines modernen Torwarts. Es ist mir wichtig, dass er dieselbe Wellenlänge hat. Ich finde, das Verhältnis zwischen Torwart und Torwarttrainer muss kumpelhaft, vertrauensvoll und offen sein.

Wie entspannen Sie abseits des Fußballs?

Wenn es die Zeit und das Trainingspensum zulässt, mache ich auch in meiner Freizeit viel Sport, zum Beispiel Inline-Skating, Tennis, Badminton oder Squash.

Sind Sie ein Bewegungsfanatiker?

Kann man so sagen. Es macht Spaß, ist aber auch nicht schlecht fürs Torwartspiel: Die kurzen, schnellen Bewegungen beim Squash oder Badminton helfen mir, meine Beinarbeit zu verbessern. Beim Tennis geht’s auch um die Berechnung der Flugbahn: Geht er ins Aus? Komme ich noch an den Schmetterball ran? Das hilft mir für meine Strafraumbeherrschung.

Wie steht’s mit ihren Fähigkeiten am Schafkopf-Tisch?

Ich muss mich vor den Einheimischen jedenfalls nicht verstecken!

Wie oft spielen Sie?

Wenn wir Samstag ein Spiel haben und Sonntagfrüh auslaufen, dann geht schon mal nachmittags bei Kaffee und Kuchen eine kleine Runde zusammen.

 

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