Bayerns bekanntester Imam im AZ-Interview Herr Idriz, gehört der Islam zu Deutschland?

Minarett ohne Muezzin: So soll das Islamische Zentrum an der Dachauer Straße einmal aussehen. Der Imam Benjamin Idriz hat mit der AZ über den Islam in Deutschland gesprochen. Foto: Jazarevic Architekten

AZ-Interview mit Benjamin Idriz. Der Imam aus Penzberg, geboren 1972 in Skopje in Mazedonien, ist Bayerns bekanntester muslimischer Geistlicher.

Am Sonntag ist Benjamin Idriz zu Gast auf dem AZ-Podium. Im AZ-Interview spricht er über sein Religionsverständnis, Extremismus und die Vorfälle von Köln.

AZ: Herr Idriz, gehört der Islam zu Deutschland?

BENJAMIN IDRIZ: Historisch gesehen hat er die Kultur und die Sitten zwar nicht so maßgeblich beeinflusst. Aber in der Gegenwart gehört der Islam ganz klar zu Deutschland.

Woran machen Sie das fest?

Wir haben in der Bundesrepublik über 2700 Moschee-Gemeinden mit mehr als 300 Moscheen samt Minaretten und Kuppeln: Zeichen dafür, dass der Islam und der Glaube von über fünf Millionen Bürgern zu Deutschland gehören. Man kann natürlich fragen: Welches Islamverständnis passt zu Deutschland? Das ist ein anderes Thema.

Welche Form des Islam passt denn hierher?

Der Islam hat, wie das Christentum, verschiedene Facetten und Gesichter. Das Christentum gehört mit allen Facetten zu Deutschland. Genauso gehören die unterschiedlichen Rechtsschulen und Auffassungen im Islam zu Deutschland.

Aber es gibt eine rote Linie – für alle Religionen und Weltanschauungen: Ein Religionsverständnis, das mit der Menschenwürde nicht kompatibel ist, das Angehörige anderer Religionen ausschließt, das diskriminiert, die Gleichberechtigung der Geschlechter ablehnt, Gewalt ausübt oder Gewalt bejaht. Ein Religionsverständnis hingegen, das auf Barmherzigkeit, Liebe, Achtung und Respekt basiert, gehört zu Deutschland.

Trotzdem scheint der Islam besonders anfällig für Radikalisierungstendenzen zu sein.

Es gibt auf der Welt leider militärische Auseinandersetzungen und Menschen, die darunter leiden. Und es gibt Menschen, die den Betroffenen helfen wollen und versuchen, dort hinzugehen – und dabei ihre Religion missbrauchen. Solche Jugendliche sind Opfer von Propaganda, Opfer eines weltweit verbreiteten Netzwerkes, das im Namen der Religion Gräuel- und Gewalttaten ausübt. Leider gibt es Menschen, sei es in Deutschland oder anderswo, die in ihrem Leben Diskriminierungen oder Gewalt in der Familie erlebt haben, die einfach kein gesundes Leben hatten.

Und die kommen manchmal auf solche Ideen: Ich habe alles verloren und nur eins ist übrig geblieben, das mich vielleicht retten könnte – nämlich Märtyrer zu werden. Diese religiös motivierte Gehirnwäsche ist eine große Herausforderung für uns Muslime. Es ist Aufgabe von Moschee-Gemeinden, Dachverbänden, Intellektuellen und Theologen, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen und etwas mehr zu tun, um unsere Jugendlichen vor solcher ideologischer Propaganda zu schützen.
 

Was tun Sie und Ihre Gemeinde, um junge Menschen vor den Fängen der Radikalen zu schützen?

Das beste Mittel ist Prävention. Wenn wir gute Angebote machen – sei es im Bereich Religion, Kultur, Sport, Kunst -, dann können wir unsere Jugendlichen schützen. Im Münchner Forum für Islam werden wir allein im März fünf Veranstaltungen haben, die in erster Linie für Jugendliche gedacht sind. Außerdem planen wir im April eine Veranstaltung, bei der wir thematisieren werden, dass es einen religiös begründeten, den Islam missbrauchenden Extremismus gibt. Das darf kein Tabu in der Moschee-Gemeinde sein.

Wir müssen jetzt ganz offen agieren und aufklären. Aber auch die Mehrheitsgesellschaft, Vereine, Schulen und die Politik sind hier gefragt. Wir tragen alle gemeinsam die Verantwortung dafür, unsere Jugendlichen zu schützen.
 

Sie vertreten ein sehr liberales Islamverständnis. Wie groß ist die Zustimmung dazu innerhalb der muslimischen Gemeinschaft?

Allein in München haben wir über 50 Moschee-Gemeinden und die überwiegende Zahl davon leistet eine wunderbare Arbeit im Jugendbereich. Leider sind sie in der Öffentlichkeit nicht so bekannt.
Diejenigen, die zu Gewalt aufrufen oder Gewalt bejahen, sind eine Minderheit. Der größte Teil der muslimischen Gemeinschaft lehnt solche Tendenzen ab.
 

Besteht durch die vielen Flüchtlinge aus muslimischen Ländern eine Gefahr der Radikalisierung?

Ich bin viel mit Helfern und Flüchtlingen unterwegs – und kann zumindest für mein Umfeld sagen: So etwas habe ich nicht erlebt und nicht gespürt. Natürlich ist es für Flüchtlinge, die aus einem anderen Kulturraum kommen, nicht einfach, sich in diese Gesellschaft zu integrieren. Das wird lange Zeit dauern.

Wir haben mit unserer Broschüre „Willkommen in Deutschland – Wegweiser für muslimische Migranten“ schon einen wichtigen Beitrag zur Integration geleistet. Die Broschüre hat bundesweit großen Zuspruch erhalten. Wir haben über 35000 Exemplare verteilt, über 250 Städte aus ganz Deutschland haben sie angefordert.

 

„Die Würde der Frau – leider für viele immer noch Tabuthema“

Der Bayerische Verfassungsschutz warnt derzeit vor Islamisten, die gezielt versuchen, Flüchtlinge anzuwerben.

Es ist nicht bewiesen, dass in München solche salafistischen Einzelpersonen oder Moschee-Gemeinden in den Flüchtlingsheimen unterwegs sind. Es kann sein, dass diese Leute in anderen Städten aktiver sind, aber in und um München sind solche Entwicklungen nicht sichtbar.

Lesen Sie hier: Ein Blick in die grausame Welt des Islamischen Staats

Unter den Tätern in der Kölner Silvesternacht waren offenbar etliche Flüchtlinge aus muslimischen Ländern. Was ist da schiefgelaufen?

Zuerst einmal: Das war keine von den muslimischen Gemeinden organisierte Sache. Es waren Einzelpersonen, die das verursacht haben. Trotzdem müssen wir auch über diese Themen ganz offen sprechen: die sexuelle Aufklärung, die Stellung und Würde der Frau, die Gleichberechtigung. Leider sind sie innerhalb mancher Familien und einiger muslimischer Einrichtungen immer noch tabu.

 

„Wir finden die Politik von Bundeskanzlerin Merkel sehr richtig“

Eine der politischen Folgen von Köln ist, dass Tunesien, Algerien und Marokko nun zu sicheren Herkunftsländern erklärt und Abschiebungen dorthin erleichtert werden sollen. Wie stehen Sie dazu?

Ich kann das nachvollziehen. Diese Länder sind sicher. Die Menschen sollten dort bleiben und für die Entwicklung ihrer Länder arbeiten – vor allem die Jugendlichen. Jedes Land braucht dieses Potenzial. Dass andererseits Menschen aus Syrien hierherkommen, weil sie ein sicheres Leben haben wollen – das ist verständlich.

Deutschland macht da eine Vorreiterarbeit in Europa. Wir finden die Politik von Frau Bundeskanzlerin Merkel sehr richtig.

Aber die Muslime in Deutschland, die seit 30, 40, 50 Jahren hier leben und die Jugendlichen, die hier geboren und aufgewachsen sind, stehen jetzt vor einer Aufgabe: Sie haben Integrationserfahrung und sollten den Flüchtlingen helfen, dass deren Integration schneller läuft.
 

Wie war das bei Ihnen, als Sie selbst vor etwa 20 Jahren nach Deutschland kamen?

Ich bin damals aus Syrien gekommen, wo ich studiert habe. Syrien in den 1990ern und Deutschland, das waren unterschiedliche Welten. Obwohl ich aus Osteuropa stamme, war es ein Kulturschock. Auch ich habe Zeit und Hilfe gebraucht, um mich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren.

Hat Deutschland Sie verändert?

Maßgeblich. Ich habe hier angefangen, einige Dinge anders zu betrachten und zu analysieren. Diese Freiheit, die mir Deutschland gibt, der Umgang mit Menschenrechten, besonders auch mit Frauenrechten hier und viele andere Dinge haben bei mir maßgeblich zu einem neuen Welt- und Islamverständnis beigetragen.
 

Gibt es etwas Neues zum geplanten Islamzentrum an der Dachauer Straße?

Nein. Die Stadt hat die Frist für die Grundstücks-Reservierung bis Ende Juni verlängert und wir werden alles tun, um bis dahin das Geld für das Grundstück zu sichern.
 

Und dann wird die Öffentlichkeit endlich die Identität des Großspenders erfahren, über den so viel gerätselt wird?

Natürlich. Das Entscheidende zu dieser Person ist aber längst bekannt: dass er sich zur Ausrichtung des Münchner Forum für Islam bekannt und schriftlich und glaubwürdig jede Einflussnahme ausgeschlossen hat. Das ist doch viel wichtiger, als ein Name.

 

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