Bayern Mixa: Ohrfeigen und Schläge im Firmunterricht

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HAMBURG/AUGSBURG - Es wird eng für den Augsburger Bischof Walter Mixa. Heute legt der Sonderermittler seine Recherchen über die Vorgänge im Kinderheimin Schrobenhausen vor

 

Der Mann ist Gegenwind gewöhnt. Für Freunde der Ökumene ist klar, dass bei Walter Mixa kein Durchkommen ist, für Kirchenkritiker ist er mit Bischof Müller und Bischof Meisner der Inbegriff des betonköpfigen Hardliners. Und selbst viele konservative Politiker halten ihn für einen Provokateur. Mixa selbst störte sich daran bislang nicht, Widerstand spornte ihn eher an. Er sieht sich als konsequenter Kämpfer für Werte und Tradition, der nicht von Grundsätzen abrückt, bloß um in der säkularen Gesellschaft besser anzukommen.

Doch noch nie war der Druck auf den Augsburger Bischof so groß: Es gibt immer mehr Vorwürfe, und immer mehr Kritik auch innerhalb seiner Kirche.

Heute wird Sonderermittler Sebastian Knott einen Bericht über die Vorgänge im Schrobenhausener Kinderheim vorlegen. Mixa soll als Stadtpfarrer von Schrobenhausen ab 1975 Kinder jahrelang brutal geschlagen haben. Es liegen mehrere eidesstattliche Versicherungen von Opfern vor. Da ist von systematischen Schlägen die Rede, mit dem Teppichklopfer, mit der Faust. Eine Frau beschuldigt Mixa jetzt auch, sie 1971, als er Dorfpfarrer in Weilach war, im Firm-Unterricht geschlagen zu haben.

Mixa bestreitet, jemals einem Kind Gewalt angetan zu haben. Der Bischof ging nach den ersten Vorwürfen sogar in die Offensive. Sein Pressesprecher und Medienberater Dirk Hermann Voß, Chef des katholischen Sankt Ulrich Verlags, bezeichnete die Aussagen als „Anschuldigungen aus dem Halbdunkel“, Mixa selbst wischte sie mit dem Satz weg: „Diese Leute können sich doch gar nicht mehr an mich erinnern“ – seitdem schweigt er dazu.

Die Leitung des Kinderheims rückt jetzt von Mixa ab. Stadtpfarrer Josef Beyrer und Heimleiter Herbert Reim wandten sich in einem Brief an die Opfer: „Wir möchten Ihnen an dieser Stelle versichern, dass wir Ihre Vorwürfe ernst nehmen. Leider haben wir keinen Einfluss darauf, wie Herr Bischof Dr. Mixa mit ihren Vorwürfen umgeht.“ Man wolle sich bei den Opfern entschuldigen und sei sich gleichzeitig bewusst, dass diese Entschuldigung „den Schmerz und Ihre Gefühle gegenüber dem Kinder- und Jugendhilfezentrum St. Josef sowie Herrn Bischof Dr. Mixa nicht lindern“ kann.

Auch der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Jesuitenpater Klaus Mertes, der mit seiner Aufklärungsarbeit über Missbräuche als einer der ersten die Mauer des Schweigens gebrochen hat, kritisiert Mixa: „Wir dürfen Opfer nicht diskreditieren, wie er es tat.“

Neben den Misshandlungsvorwürfen plagt Mixa Ärger wegen seines Umgang mit Stiftungsgeldern in seiner Schrobenhausener Zeit. Mixa soll für 70000 Mark aus der Waisenhausstiftung Kunstgegenstände und Antiquitäten angeschafft haben, darunter einen Kupferstich für 43000 Mark. Mixa räumte den „Fehler“ ein, sich „nicht akribisch um finanztechnische Fragen“ gekümmert zu haben. Laut der Süddeutschen Zeitung war der Kupferstich des Künstlers Giovanni Battista Piranesi, den Mixa anschaffte, nicht mehr als 4500 Mark wert – vermittelt hatte den Kauf demnach ein langjähriger Freund des Bischofs: Paul Kloetzko, ein ehemaliger Sekretär eines Mixa-Vorgängers, Bischof Stimpfle. Laut „SZ“ hat er sein Geld mit dubiosen Geschäften verdient. Passiert ist Mixa bisher nichts - auch nicht 2002, als der Zoll am Flughafen im Handgepäck des Bischofs nicht deklariertes Bargeld im Wert von über 200000 Euro sicherstellte.

Mixa, der Mann im Kreuzfeuer, pflegt bei Kritik meist zurückzuschlagen und dahinter Verleumdung und Diffamierungs-Kampagnen zu vermuten. So zum Beispiel 2009, als Mixa sagte, der Holocaust sei „ein schreckliches Verbrechen. Aber auch heutzutage werden Verbrechen gegen das Leben begangen“ und ausführte, dass die Zahl der abgetriebenen Kinder mit neun Millionen die Zahl der getöteten Juden bereits überschritten habe. Als Politiker aller Parteien und Vertreter jüdischer Organisationen entsetzt waren, fand Mixa Kritik an seinem Vergleich „absurd und bösartig“. Jüdische Vertreter empörte Mixa auch bei einem Israelbesuch 2007, als er sagte, die Palestinenser lebten dort in „ghettoartigen Zuständen“ und erklärte, das sei „fast schon Rassismus“.

Die Grünen nannte der Bischof mit der scharfen Zunge 2008 „eine Gefahr für die religiöse Toleranz und den religiösen Frieden im Land“, weil sie gegen das Kruzifix in Schulen sind. Und nach seinen Ausführungen, Familienministerin von der Leyen betreibe eine Familienpolitik wie in der DDR und degradiere „Frauen zu Gebärmaschinen“, widersprach ihm auch Kanzlerin Merkel.

Den Kopf schüttelten auch viele, als er von einigen Wochen, als immer mehr Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen an die Öffentlichkeit gerieten, mit dem Finger auf andere zeigte: Die sexuelle Revolution der 68er, „in deren Verlauf von besonders progressiven Moralkritikern auch die Legalisierung von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Minderjährigen gefordert wurde, ist daran sicher nicht unschuldig.“

Jetzt steht der Mann, der Moral von anderen einfordert, mit dem Rücken zur Wand. Wirklich maßregeln könnte ihn nur der Papst. Dennoch ist Mixas Glaubwürdigkeit auch bei den Katholiken stark erschüttert. Manche Gläubige in Augsburg sagen, er belüge sich selbst. Manche halten zu ihrem Bischof, sehen eine Kampagne. Und manche verteidigen ihn auch mit dem Hinweis, so sei es damals halt zugegangen in Kinderheimen. Politiker von FDP und Grünen haben Mixas Rücktritt gefordert. Auch der Katholikenkreis der CSU ist skeptisch: Dessen Sprecher Thomas Goppel sagt: „Für den Bischof ist dies jetzt der allerletzte Zeitpunkt, wo er noch reinen Tisch machen kann.“

Tina Angerer

 

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