Bayerisches Staatsschauspiel Wenn das Resi zweimal klingelt

Eigentlich sollte Ende März die Premiere von „Engel in Amerika“ (im Bild: Barbara Horvath) im Resi stattfinden. Telefoniert wird trotzdem, persönlich im Format „Resi ruft an“. Foto: Sandra Then

Das Staatsschauspiel bietet mehrere Formate während des Corona-Stillstands an. Eines davon bereitet große Freude

 

Dass in Zeiten von Corona die Lust auf Theater-Veranstaltungen im Netz immer mehr schwindet, genauso wie die Bereitschaft, die abgegriffene Formel „in Zeiten von Corona“ nicht ohne ein angewidertes Kopfschütteln zu lesen, könnte eine Entwicklung sein, die jeder noch so kulturinteressierte „User“ durchmacht. Dennoch geht es weiter, weil einerseits das Sehen und insbesondere Gesehen-Werden in der DNA der Kunst liegt, andererseits aber auch jeder Theatermitschnitt, jede Live-Cam-Performance und Online-Lesung ein wichtiges Lebenszeichen einer Szene ist, die sich vor dem Vergessen und dem finanziellen Niedergang fürchtet.

Manche ziehen die Sendepause stoisch durch, zum Beispiel das Volkstheater, dessen junges Ensemble sicher unter dem Spielstau leidet. Nichtsdestotrotz hat Christian Stückls Haus das Internet nicht als neue Bühne entdeckt, sondern ruht der Nachricht entgegen, ob die Rest-Saison endgültig flachfällt oder vielleicht doch noch was geht, zumindest: Proben für die nächste Spielzeit.

Warten und nichts tun kann ja auch mal gut sein, nährt das doch die Sehnsucht auf Theater, während die verschiedenen Online-Events den Hunger nach Kultur nicht selten unbefriedigend, dafür kostenlos stillen. Gewöhnt man da sein Publikum nicht gefährlich an Gratis-Fast-Food?

Auch das Bayerische Staatsschauspiel hat eine Weile still gehalten, aber mit der Zeit ist das Angebot an neuen Formaten stark gewachsen. Unter dem Titel „Resi sendet“ findet sich auf der Resi-Webseite das ganze Angebot: Es reicht von einer beständig fortgesetzten Lesung von „Gullivers Reisen“ (die Nacherzählung von Erich Kästner, für Kinder ab 6 Jahren, jeden Tag um 12 Uhr eine neue Folge) bis hin zum „Tagebuch eines geschlossenen Theaters“ – eine Serie kurzer Videos, in denen das Ensemble zeigt, dass es noch da ist.

Man zögert. Es klingelt nochmal. Durchatmen. Abheben 

Jede Folge ist dabei ein mehr oder minder gelungenes Kabinettstückchen, jedes Mal anders besetzt; jedes Mal, Gott sei Dank, professionell wirkend gefilmt und geschnitten. Es wird gespielt, gelesen und gesungen, die Krise reflektiert, beziehungsweise assoziativ gestreift. Manchmal ist das einfach nur eine Gaudi: Lustig etwa, wie Vincent Glander vom Fenster aus in den Hof einer (seiner?) Wohnanlage ein Stückchen von „Romeo und Julia“ deklamiert, um von der Nachbarschaft harsch zurechtgewiesen zu werden (Folge #36). „Ruhe da draußen!“ – nicht alle brauchen die herausposaunte Liebessehnsucht, eitel selbstverliebte Kunstproben schon gar nicht.

Oder Liliane Amuat zeigt, wie es ist, wenn man unter dem Motto „Resi ruft an“ einzelne Leute per Telefon kontaktiert und sie mit Eins-zu-Eins-Lesungen selbstgewählter Texte beglückt, während ihre Kinder, die ja mit ihr (noch) zu Hause bleiben müssen, gleichzeitig unruhig um ihre Aufmerksamkeit heischen (Folge #42). Der Horror des Home Office im Kreis der Familie, kurz und knackig inszeniert.

Wenn man dann tatsächlich die Möglichkeit nutzt und sich für das Format „Resi ruft an“ anmeldet, bekommt man erstmal einen Telefon-Termin zugeteilt, dem man, je näher der Termin rückt, mit zunehmendem Herzklopfen entgegenfiebert. Wer wird anrufen? Was wird vorgelesen? Und vor allem: Könnte dieses Rendezvous zwischen Fremden, dieses Blind-Date nicht auch ein bisschen peinlich werden? Dann klingelt es, Punkt 18 Uhr. Man zögert. Es klingelt nochmal. Durchatmen. Abheben. Hört man dann am anderen Ende Cathrin Störmer, die der Zufall einem zugespielt hat, ist man sofort beruhigt: tolle Stimme, äußerst freundlich, warm. Und der Text ist auch noch wunderbar.

Besser ohne Bildschirm

Eine Rede des Schriftstellers Navid Kermani, die dieser am 23. Mai 2014 im Plenarsaal des Bundestages zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes gehalten hat, trägt Cathrin Störmer bei diesem Anruf vor. Ein Mann muslimischen Glaubens nahm sich den Basistext der Bundesrepublik vor und zeigt gleich eine Paradoxie auf: „Denn wäre die Würde des Menschen unantastbar, wie es im ersten Satz heißt, müsste der Staat sie nicht achten und schon gar nicht schützen, wie es der zweite Satz verlangt.“

Wie Kermani das Grundgesetz, dessen Wirkkraft und Geschichte beleuchtet, wie er von dessen Wortlaut schwärmt, nicht ohne die deutsche Asylpolitik zu kritisieren, ist großartig anzuhören, vor allem, weil Cathrin Störmer jeden seiner Gedanken klar und deutlich transportiert.

Stilles Lauschen. Die Vorleserin schaute zwischendurch, ob man nicht aus Versehen aufgelegt hat. Zudem: ein passender Text „in Zeiten von Corona“. Und es wird schnell klar: Unter den Formaten, die das Resi anbietet, macht dieses altmodische, unmittelbare, ohne Bildschirm (!) die größte Freude.

Das gesamte Programm unter www.residenztheater.de/resi-sendet. Wer sich speziell für „Resi ruft an“ interessiert: www.residenztheater.de/resi-ruft-an. Ab dem 9. Mai sind wieder Termine frei.

 

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