Bayerische Staatsoper Romeo Castelluccis umstrittener "Tannhäuser"

Die Ouvertüre. Foto: Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper: Wagners „Tannhäuser“, dirigiert von Kirill Petrenko und inszeniert von Romeo Castellucci im Nationaltheater

 

MÜNCHEN - Die letzte Viertelstunde des zweiten Akts ist auch für härtere Wagnerianer keine Herzensangelegenheit. In großen Ensemblenummern sinnieren da die Ritter und Elisabeth über Tannhäusers Verfehlungen nach. Das ist vor allem Große französische Oper mit viel deutscher Satzkunst und Männerstimmengeplapper.

Kirill Petrenko widmet sich diesem meist lieblos heruntergesungenen Teil mit größtmöglicher Liebe. Die berüchtigte Passage „Zum Heil den Sündigen zu führen“, an dem der Uraufführungs-Tannhäuser Josef Tichatschek scheiterte, ist wiederhergestellt. Anja Harteros, das hervorragende Männer-Ensemble und der Chor meistern alle Schwierigkeiten. Der Dirigent gestaltet das so klar, intensiv und durchhörbar, dass man die ungeliebte Passage in der Premiere des neuen „Tannhäuser“ der Bayerischen Staatsoper sofort noch einmal hören möchte.

Auch der heftig ausgebuhte Regisseur spielte da seine Stärken: In Schienen laufende Gardinen gliedern den Raum. Die sonst sehr statische Szene gerät in Bewegung, und angesichts der lichten Vorhänge entsteht für Momente eine tänzerische Erlösungsheiterkeit, die im dritten Akt schroff gebrochen wird: Da trägt alles Schwarz.

Zum „Abendstern“ und bei Tannhäusers Rom-Erzählung zerfällt die menschliche Existenz auf dem Seziertisch. Wenn Kirill Petrenko auf das Fundament flirrender Streicher die Männerchöre und das „Halleluja“ der jüngeren Pilger mit unerhörter Klarheit aufeinandertürmt, zerfällt der Mensch als Gegenbild im Universum zu Asche und zu Staub. Das ist ein Widerspruch, aber zugleich auch eine ergänzende Bebilderung. Gewiss nichts für naive Wagner-Kulinariker, aber jedenfalls ein ernsthafter Versuch der Auseinandersetzung mit dem Ideendrama von Wagners romantischer Oper.

Die Oper als Ritual

Romeo Castellucci verzichtet auf Psychologie. Er inszeniert ein Ritual. Das passt zu einer Oper, einer vielfach rituellen Theaterform. Seine Symbole sind nicht frei vom Beigeschmack des Geschmäcklerischen. Sie werden fast immer aus Wagners Text abgeleitet, bisweilen fast zu offenkundig und glatt, etwa bei der kreisenden Wunde am Ende des ersten Akts oder den bogenschießenden Amazonen im Venusberg.

Das „Zuviel“, an dem Tannhäuser leidet, wurde wohl nie deutlicher als durch den Fleischberg der dort residierenden Muttergöttin. Wenn es zwischen Tannhäuser und Elisabeth im Duett sanft erotisch wird, erglüht die Bühne im Haut-Rosa des Venusbergs. Beim Sängerkrieg ist das Emotionale gebannt in einen Kunst-Kasten, wo es wie ein Schachterlteufel mit Dreck herumschmiert.

Anja Harteros verhilft mit ihrer dunkel getönten Stimme der Elisabeth zu einem Hauch von Sinnlichkeit. Das fügt sich gut in die Inszenierung, die weniger auf Gegensätze als die Vermittlung der gegensätzlichen Sphären aus ist, wenn das kleine Podium und die nackte Haut des „Frau Holda“ besingenden Hirten (Elsa Benoit als singendes Double) den Venusberg zitiert. Georg Zeppenfelds sehniger Landgraf ist eine Spur zwielichtig und erfreulich unväterlich. Elena Pankratova schrillt die Venus nicht sehr textverständlich. Christian Gerhaher ist dafür der kunstvollste Gestalter des Wolfram seit Dietrich Fischer-Dieskau. Nur ohne dessen Manierismen. Er singt stets dezent, lässt – wo es passt – auch fahle Töne zu und überrascht bei „O Himmel, lass’ dich nun erflehen“ mit umwerfend heldenbaritonaler Macht.

Grenzwerte und Luxus

Für Klaus Florian Vogt dürfte der „Tannhäuser“ eine Grenzpartie bleiben. Dass er nicht immer „alles voll und ganz“ ist, wie Wagner wollte, sondern mehr wie ein waidwundes Reh wirkt, das passt durchaus zu Castelluccis Inszenierung. Aber schon „Mein Heil liegt in Maria“ klingt bei ihm wie ein beiläufiges „Tschüs“. Alles bleibt einförmig und unangenehm kunstlos. In der Rom-Erzählung bewundert man die unermüdliche Kraft, aber der Bläser-Klang der Stimme passt nicht zu Wagners Borderliner. Nur: Wer singt diese schwer zu besetzende Rolle wirklich gut?

Auch die Details stimmen: Peter Lobert singt einen ungewöhnlich individuellen Biterolf. Im Wartburgtal sind nicht nur die von Wagner vorgeschriebenen Herdenglocken zu hören, sondern auch das Kirchengeläut von Eisenach. Das ist genau jener Surplus von Luxus, der zur Oper gehört und gegenwärtig im Nationaltheater selten vernachlässigt wird.

Alle Folgevorstellungen sind ausverkauft. Die Aufführung am 9. Juli wird als „Oper für alle“ live auf den Max-Joseph-Platz und im Internet übertragen. Außerdem ist sie auf Arte zu sehen

 

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