Christian Gerhaher über "Tannhäuser" im Nationaltheater

Christian Gerhaher über den neuen „Tannhäuser“ im Nationaltheater und über die Architektur von Konzertsaal-Neubauten
| Robert Braunmüller
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Christian Gerhaher und Anja Harteros im dritten Akt.
Wilfried Hösl 4 Christian Gerhaher und Anja Harteros im dritten Akt.
Der Einzug der Gäste auf der Wartburg.
Wilfried Hösl 4 Der Einzug der Gäste auf der Wartburg.
Der Chor der Pilger in "Tannhäuser".
Wilfried Hösl 4 Der Chor der Pilger in "Tannhäuser".
Klaus Florian Vogt als Tannhäuser im zweiten Akt von Romeo Castelluccis Inszenierung der romantischen Oper von Richard Wagner im Nationaltheater.
Wilfried Hösl 4 Klaus Florian Vogt als Tannhäuser im zweiten Akt von Romeo Castelluccis Inszenierung der romantischen Oper von Richard Wagner im Nationaltheater.

Ein Künstler, zerrissen zwischen Erotik und der Suche nach Liebe – das ist das Thema von „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“. Die Bayerische Staatsoper bringt Richard Wagners romantische Oper am Sonntag in einer Inszenierung von Romeo Castellucci neu heraus. Klaus Florian Vogt singt die Titelpartie, sein Gegenspieler ist Christian Gerhaher als Wolfram.

AZ: Herr Gerhaher, das Schwierige an jeder „Tannhäuser“-Inszenierung ist der Venusberg, aber da dürfen Sie als Wolfram nicht rein.
CHRISTIAN GERHAHER: Wagner wollte den Eros in Reinkultur mit maximaler Sinnlichkeit darstellen. Das ist immer schwierig. In Romeo Castelluccis Inszenierung versteht man, warum Tannhäuser weg möchte. Warum er aber überhaupt jemals hinwollte, habe ich nicht ganz verstanden.

Lesen Sie auch unsere Besprechung der Premiere

Was erwartet einen außerdem am Sonntag?
Romeo Castellucci mag keinen Naturalismus. Bei der Personenführung mussten wir uns einigen. Aber die Bilder sind überwältigend, großartig, ästhetisch beeindruckend und unvergesslich.

Tannhäuser und Wolfram lieben die gleiche Frau. Trotz dieses fast klassischen Opern-Dreiecks mit Tenor, Sopran und Bariton gibt es keine Eifersuchtsszene.
Wolfram liebt Elisabeth. Aber sie ist nach Tannhäusers Verschwinden nicht mehr daran interessiert, die spießigen Minnesänger zu sehen. Wolfram muss daher, um sie wiederzusehen, im ersten Akt der Oper Tannhäusers Rückkehr betreiben. Dadurch bringt er sie aber wieder zusammen. Das ist eine tragische Konstellation.

Die sich aber wortlos vollzieht – bis auf seinen fast immer unhörbaren Satz „So flieht für dieses Leben mir jeder Hoffnung Schein!“ im Duett zwischen Tannhäuser und Elisabeth.
Wolfram greift das indirekt und höchst elaboriert in seinem ersten Beitrag zum Sängerkrieg auf, wenn er die platonische Liebe beschreibt – eine Annäherung ohne Anfassen. Dass Tannhäuser das dann aufgreift und den Finger in die Wunde legt, ist klar: Damit stirbt die Menschheit aus, und zwar in einer Generation. Und damit hat Tannhäuser auch recht.

Das führt schließlich beim Sängerkrieg zum Skandal.
Biterolf provoziert nicht nur Tannhäuser mit seiner martialischen Biederkeit, sondern auch Wolfram. Dieser wagt daraufhin einen dramatischen Ausbruch: „Oh Himmel, lass dich jetzt erflehen!“ – ein Versuch, sich an Tannhäusers extrovertiertes Wesen anzupassen, der im Grunde aber peinlich ist und auch so endet. Wolfram provoziert Tannhäuser damit aber auch zu dem verhängnisvollen Geständnis, im Venusberg gewesen zu sein.

Tannhäuser und Elisabeth sterben eine Art Erlösungstod. Was passiert mit Wolfram?
Er bleibt übrig, wie eine Ahasver-Figur, die nicht sterben kann. Er muss das ganze Leid, das er mitverursacht hat, alleine tragen.

Davor singt er noch das Lied an den Abendstern.
Es ist Ausdruck seiner Tragik. Der Abendstern ist der Planet Venus. Die Göttin hatte schon in der Antike verschiedene Aspekte – als Venus Urania stand sie für die platonische Liebe, als Venus Cypria für sexuelles Verlangen. Sie ist für Wolfram unerreichbar und wird doch sinnlich besungen.

Ist das Lied wirklich ein Lied?
Für mich ist es eine fast idealtypische Arie, bei der die Handlung stillsteht und der Augenblick festgehalten und reflektiert wird. Für mich ist das Wolframs am wenigsten persönlicher Moment. Seine Beiträge beim Sängerkrieg sind liedhafter. Dort hat das Wort eine argumentative Wichtigkeit, etwa wenn er auf die martialische und im Grunde menschenverachtende Rede des Landgrafen reagiert.

In der kommenden Saison singen Sie den Amfortas. Leider hat Wagner sonst nicht viele Rollen für Sie.
Es gäbe noch den Heerrufer im „Lohengrin“. Ich würde gerne den Hirten im „Tristan“ singen, weil ich diese Musik so wunderschön finde. Aber dafür fehlt mir wohl die Zeit. Möglicherweise kommt später auch noch der Kurwenal in Frage. Ich werde immer wieder nach dem Beckmesser in den „Meistersingern“ gefragt. Aber ich finde, das ist eine Charakterrolle, die nicht durch eine lyrische Stimme „geschönt“ werden darf. Und das Eckige dieser Partie kann einer solchen Stimme auch schaden.

Sie haben sich sehr für den neuen Konzertsaal eingesetzt, der nun im Werksviertel gebaut werden soll. Sind Sie mit dem Stand der Dinge zufrieden?
München wächst und wächst. Klassische Musik ist sehr gefragt. Der Bedarf ist da. Es ist deshalb wichtig, dass ein neuer Saal gebaut wird. Ich hoffe nur, dass in einem zweiten Schritt noch der Herkulessaal zu einem der schönsten Kammermusik-Säle verwandelt wird.

Haben Sie schon in der Elbphilharmonie gesungen?
Ich trete erst im Dezember in einem konzertanten „Don Giovanni“ auf.

Ich hoffe, dass Musiker bei der Gestaltung hier mehr Einfluss nehmen. Die Elbphilharmonie ist nach meinem Eindruck für Gesang ungünstig.
Ich finde es problematisch, dass sich in vielen neuen Sälen das Podium in der Mitte befindet. Es hindert einen Sänger in seiner Berufsausübung, wenn er ein Drittel des Publikums im Rücken hat. Man müsste die Konsonanten wesentlich verstärken, um diese Zuhörer zu erreichen. Dann aber belästigt man die Menschen vor einem durch Konsonantenspuckerei. Ich hoffe, dass in München ein klassischer Saal mit frontal sitzendem Publikum gebaut wird.

Alle Vorstellungen sind ausverkauft. Die Premiere ist am So. ab 16 Uhr in BR Klassik zu hören, die Vorstellung vom 9. Juli wird als „Oper für alle“ auf den Max-Joseph-Platz übertragen

 

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