Bayerische Staatsoper Andreas Dresen inszeniert Puccinis "La fanciulla del West"

"La fanciulla del West" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Andreas Dresen über Puccinis „La fanciulla del West“ und die Träume vom Goldenen Westen in der ehemaligen DDR

 

Für seine 1910 von Arturo Toscanini mit Enrico Caruso und Emmy Destinn an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführte „La fanciulla del West“ verlegte Puccini das klassische Eifersuchtsdreieck in ein kalifornisches Goldgräberlager. Der als Dick Johnson getarnte Bandenchef Ramerrez (Brandon Jovanovich, Tenor) und der Sheriff Rance (John Lundgren, Bariton) rivalisieren in „La fanciulla del West“ um die Gunst der Schenkwirtin Minnie (Anja Kampe, Sopran). Andreas Dresen inszeniert diesen eher selten gespielten Musik-Western. Premiere ist am Samstag im Nationaltheater. James Gaffigan dirigiert das Bayerische Staatsorchester.

AZ: Herr Dresen, liegt es auf der Hand, dass Sie als Filmregisseur einen Opernwestern machen, oder ist das zu kurz gedacht?
ANDREAS DRESEN: Ich glaube nicht, dass mich der Intendant Nikolaus Bachler dafür engagiert hat, dass ich einen Western inszeniere. Eher schon, dass ich eine Lesart dafür finde, „La fanciulla del West“ vom Westernklischee wegzuholen. Wenn man diese Oper mit Pferden und Cowboyhüten macht, würden einen die Leute heute vermutlich auslachen.

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An der Metropolitan Opera wird die Oper so gespielt.
Ich weiß. Allerdings hat die Inszenierung auch fast 30 Jahre auf dem Buckel. Aber hat einem die Geschichte wirklich etwas zu sagen, wenn man sie als Western inszeniert?

Was hat uns „La fanciulla del West“ denn zu sagen?
Die Oper erzählt von Leuten an der sozialen Kippe. Minnie sagt über die Goldgräber, dass sie den ganzen Tag in schlammigen Gräben hocken, um Geld für ihre Familien zu verdienen, die irgendwo anders leben. Da denke ich an Migrationsbewegungen oder die Leute aus Asien, die für wenig Geld die Stadien für die Fußball-WM hochziehen. Oder, wenn man schon Goldminen will, kann man nach Südafrika schauen, wo diese Arbeit von den Ärmsten der Armen erledigt wird.

War das in Kalifornien um 1850 damals auch so?
Die Oper mit ihren vielen Männerrollen bildet das korrekt ab: Die Frauenquote lag damals bei acht Prozent. Da kamen Glücksucher aus der ganzen Welt hin. Wehmut, Sehnsucht und Heimweh waren die bestimmenden Gefühle. Mit Hilfe von Alkohol und Glücksspiel konnte das leicht in hemmungslose Aggression umschlagen, was die Oper im ersten Akt in einem dichten Nebeneinander auch zeigt. Sozialromantik liegt Puccini fern. Zugleich gibt es die Sehnsucht nach einem anderen Leben, etwa bei Minnie, die von der romantischen Liebe träumt. Ob das dann am Ende erfüllt wird, das sei mal dahingestellt.

Ist die lange Genreszene im ersten Akt schwer zu inszenieren?
Dieses soziale Setting mit vielen Nebenfiguren ist schon ein Problem. Minnie tritt erst nach einer Viertelstunde auf, Johnson nach reichlich einer halben Stunde. Am liebsten würde ich bis dahin die Übertitel ausschalten und den Leuten sagen: „Guckt einfach mal und lasst euch verführen“. Da entwirft Puccini eine Welt mit vielen Facetten, die von den Hauptfiguren dann betreten wird. Ich fürchte nur, dass der Zuschauer vor allem auf Handlung wartet, und das macht den Anfang vielleicht etwas verwirrend.

Um den Realismus kommt man wohl auch nicht herum.
Zumindest ist das in dieser Oper kompliziert. Wenn in der Szene dezidiert ein Kartenspiel beschrieben wird, kann ich mich schwer drücken. Ich habe aber kein Problem damit, weil ich gerne Geschichten erzähle. Es braucht aber einen Link in die Gegenwart und die Figuren müssen vielschichtig sein. Um es völlig abstrakt zu erzählen, dafür ist „Fanciulla“ vermutlich das falsche Stück - und ich der falsche Regisseur.

Was machen Sie aus dem klischeehaften Indianerpaar?
Das Folkloristische lassen wir ganz weg. Laut Libretto begrüßen sie sich mit Grunzlauten. Dafür haben wir eine gestische Entsprechung gefunden, um von dem denunziatorischen Charakter wegzukommen. Billy und Wowkle sind die Ärmsten der Armen, die soziale Schicht unterhalb der Goldgräber. Vier Dollar und eine Decke sind die Mitgift für die Hochzeit.

Auf den Plakaten für diese Neuinszenerung steht der Spruch „Was Recht ist muss recht bleiben“ für die Oper. Trifft es das?
Das Stück erzählt von einem rechtsfreien Raum und von der Notwendigkeit, geordnete Verhältnisse herzustellen. Im Goldgräbercamp regiert die nackte Gewalt, und selbst der Sheriff ist eine zwielichtige Figur, die am Ende Johnson lynchen will. Allerdings haben die Goldgräber auch keine Lust, sich von Johnson und seiner Bande beklauen zu lassen. Insofern misstraue ich auch dem Ende der Oper, dass die Männer Minnie und den Räuber so ohne weiteres ziehen lassen.

Auf Deutsch heißt die Oper „Das Mädchen aus dem Goldenen Westen“. Da Sie in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, bringt mich das auf die Frage: Ist die Illusion vom Goldenen Westen, die sich viele Menschen im Osten vor 1989 über die alte Bundesrepublik gemacht haben, nicht bis heute eine Belastung?
Für mich war auch zu Ost-Zeiten der Westen nicht golden. Aber ich kannte diese süße Sehnsucht, wenn ich vom S-Bahnhof Plänterwald über die Mauer zu den Hochhäusern in West-Berlin hinübergeschaut habe. Mittlerweile weiß ich, dass das Sozialwohnungen sind. Da wehte der Duft von der Bahlsen-Keksfabrik herüber. Auch im Intershop roch es anders. Viele Leute sind im Herbst 1989 für Veränderungen im Osten auf die Straße gegangen. Aber aus „Wir sind das Volk“ wurde schnell „Wir sind ein Volk“. Die Leute wollten eben möglichst rasch das ganze Glückspaket.

Der Osten hat 1990 Helmut Kohl wiedergewählt, der im Westen längst abgewirtschaftet hatte.
Schon bei der ersten freien Wahl zur Volkskammer im März 1990 hatte die Mehrheit CDU gewählt. Das hatte aber auch damit zu tun, dass der SPD-Kandidat Ibrahim Böhme, der noch mit Willy Brandt auf der Tribüne stand, sich kurz vor der Wahl als Stasi-Spitzel entpuppte. Der hat durchaus eine Aktie daran, dass die CDU damals die Wahl gewonnen hat.

Es ging vielleicht alles zu schnell damals.
Schon 1990 haben Leute wie Oskar Lafontaine vor der Geschwindigkeit des Einigungsprozesses gewarnt. Aber der Druck kam durchaus von den ostdeutschen Straßen. Insofern ist es ein Paradox, wenn einige meiner Landsleute sich heute über Wirtschaftsflüchtlinge aufregen: Sie sind damals ja auch aus wirtschaftlichen Gründen kollektiv übergelaufen, indem sie das andere Land zu sich gewählt haben. Mit mehr Zeit hätten wir die neue, vereinte Gesellschaft anders gestalten können. Diese große historische Chance haben wir versemmelt. Aber vielleicht holen wir das ja noch nach.

Premiere Samstag, 18 Uhr (Liveübertragung auf BR Klassik). Weitere Vorstellungen am 19., 22., 26. und 30. März sowie am 2. April, teure Restkarten unter Telefon 089 2185 1920. Die Vorstellung vom 30. März als Livestream auf Staatsoper.tv, ebenso die Vorstellung der kommenden Saison an diesem Sonntag, 17. März ab 10.30 Uhr

 

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