Bayerische Moderatorin ist Hertha-Fan Ruth Moschner im AZ-Interview: "Die Berliner spucken in den Münchner Prosecco"

Hertha-Fan durch und durch: Moderatorin Ruth Moschner. Foto: Paul Zinken/dpa

Ruth Moschner ist mit 20 Jahren von München nach Berlin gezogen. Sie ist eingefleischter Hertha-Fan und kann den FC Bayern nicht leiden. Über das Spiel am Freitagabend sagt die Moderatorin: "Die Chancen, den Über-FCB zu schlagen, sind besser denn je."

 

AZ: Frau Moschner, Sie sind waschechte Münchnerin, lebten hier auch die ersten zwei Jahrzehnte Ihres Lebens. Fanden Sie den FC Bayern eigentlich schon immer blöd?
Ruth Moschner:
Uiiih. Wie drücke ich das jetzt aus, ohne ein Einreiseverbot in die Landeshauptstadt zu bekommen? Ich hatte wohl schon als junges Ding ein gutes Bauchgefühl und war zumindest 60er-Sympathisantin. Zu meiner Verteidigung sei allerdings hinzugefügt, ich hatte damals wirklich keinen blassen Schimmer vom Ballsport.

Sie verglichen den FC Bayern vor vielen Jahren einmal mit einem "verwöhnten Einzelkind aus reichem Hause".
Haha, stimmt. Wobei das Einzelkind aktuell echt in einer Daseins-Krise zu stecken scheint. Die Eltern haben ihm ja die teure Uni bezahlt und jeden Wunsch erfüllt, aber es hat sich fürs falsche Studienfach entschieden, die Lehrer halten nicht, was sie versprechen und es droht ordentlich durchs Examen zu rasseln. Dazu kommt, dass die strahlende, bisher so makellose Vaterfigur vor ein paar Jahren einen ordentlichen Kratzer abbekommen hat, und es sich nun entscheiden muss, wohin die Reise geht. Seine Studienkollegen, die, die nie richtig Kohle hatten, scheinen es aktuell zu überholen, ergreifen schneller ihre Chancen und verwerten diese auch. Und das Einzelkind hat einfach zu lange an seinen Elitefreunden festgehalten, die statt zu studieren, nur Party im Kopf hatten. Aber ich schweife ab. Fakt ist, die Chancen, den Über-FCB zu schlagen, sind aktuell besser denn je. Und da Hertha ja sowieso keine Angst vor den Bayern hat, sehe ich dem Spiel heute Abend sehr freudig entgegen!

"Abneigung gegen FC Hollywood"

Gab es nie einen Spieler, den Sie bei den Bayern wirklich toll fanden? Und warum?
Spielerisch bin ich bei Ribéry durchaus oft ins Schwärmen geraten. Dieses Ballgefühl hat in der Bundesliga lange seinesgleichen gesucht. Als ich Kimmich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe, habe ich sofort zu meinem Freund gesagt, aus dem wird mal ein Führungsspieler. Der hat Persönlichkeit. Aktuell gibt’s aber keinen in der Mannschaft, der mich so vom Hocker haut, dass ich meine Abneigung gegen den FC Hollywood zur Seite schieben möchte, um einfach nur das Spiel zu genießen.

Als Sie mit 20 nach Berlin zogen, wie und wann entstand die Liebe zur Hertha?
Ich wurde von Michael Preetz persönlich akquiriert. Das Ganze endete mit einem Trikottausch und einer Ehrenmitgliedschaft bei Hertha BSC. Ich warte allerdings immer noch darauf, dass ich endlich in den Trainerstab aufgenommen werde. Verstehe gar nicht, wieso das so lange dauert. Meine Nummer haben die!

Was hat die Hertha, was die Bayern nicht haben?
Hertha ist aktuell wirklich ein geiler Verein, der super Spiele abliefern kann. Jaaaa, ich weiß, unsere Rückrunde gleicht ab und an eher einer Wellnessveranstaltung im Ü60-Club, aber Hinrunde können wir wie fast kein anderer. Hertha wird immer noch unterschätzt, das wird sich aber diese Saison endlich ändern. Bei den Bayern ist es ja schon Gewohnheit, ganz oben zu stehen. Der Druck ist viel größer. Man erwartet Platz eins, alles andere ist indiskutabel. Dass das irgendwann mal bröckeln muss, ist klar. Daher könnt ihr gerne mal ein Schrittchen zur Seite gehen und unsere blauen Rücklichter bestaunen, während ihr ein ehrfurchtsvolles "Ha, ho, he!" säuselt.

Und was hat Berlin, was München nicht hat? Stehen die beiden Vereine repräsentativ für den Charakter der Stadt, ehrliche Malocher gegen neureiche Schnösel?
Wir sind inzwischen wesentlich besser als unser Ruf. Hertha kann schon mal die Berliner Kackbratze raushängen lassen, wird aber von vielen noch unterschätzt. Die Berliner beißen sich fest und spucken auch mal in den Münchner Prosecco. Und damit ist hier natürlich durchaus eine Parallele zur Stadt. Berlin, die City, die nichts auf die Reihe kriegt, ewig pleite, und kurz vor knapp dann doch wieder vorbei. Wenn wir es schaffen, unseren positiven Schwung noch konsequenter durchzuziehen, sind wir auch in der Rückrunde besser als der FCB. In der Hinrunde haben wir euch eh in der Tasche.

Ruth Moschner: Darum ist Berlin toller als München

Berlin kriegt ja nichts auf die Reihe, Berlin kann keinen Flughafen, Hertha kann nicht Meister. In München dagegen klappt alles, man lebt auf der erfolgreichen Sonnenseite, die Wirtschaft boomt und die Bayern holen jedes Jahr Titel. Ist der Berliner vielleicht auch nur neidisch auf München?
Und trotzdem wollen alle in die Hauptstadt an der Spree ziehen. Merkste selber, wa? (lacht) München ist eben wie die Frau zum Anhimmeln aus der Ferne, eine, die immer toll gestylt ist, die man aber nicht anfassen möchte, weil die Seidenbluse sonst Falten abbekommen könnte. Berlin dagegen ist lebendig, eine, mit der man nachts um 3 Uhr noch so laut lachen kann, bis einem die Cola durch die Nase wieder rauskommt. Eine mit zerwühlten Haaren, manchmal auch ner Laufmasche im Strumpf, zum Pferdestehlen, teilweise auch aus Geldknappheit. Bisschen verpeilt mit dem Herz am rechten Fleck. Und wunderschön, weil authentisch und perfekt im Unperfektsein.

Sie engagieren sich für Sozial- und Umweltprojekte, ob für ökologische Landwirtschaft oder für Townships in Südafrika. Kommt Ihnen die Welt des Fußballs nicht manchmal sehr stumpf vor?
Interessanterweise ist Fußball ein toller Multiplikator. Er verbindet arm und reich und macht einfach Freude. Ich habe in Südafrika zum Beispiel einen Verein betreut, in dem Gleichberechtigung über den Ballsport transportiert wurde. Das erste Tor musste von einem Mädchen in der Mannschaft geschossen werden. Daher waren Integration und Akzeptanz an erster Stelle. Gerade im Land der Machos ist es wichtig, den Jungs spielerisch beizubringen, dass Respekt Frauen gegenüber selbstverständlich sein sollte.

Gibt es Momente, in denen Sie gern wieder in München leben würden?
Ich liebe es, meine alten Wege abzugehen, zum Beispiel den von der U-Bahn-Station Odeonsplatz zur Oper, wo ich als Kind so oft getanzt habe. Da werde ich ganz nostalgisch. Und ich versuche natürlich jedes Jahr zumindest für ein paar Tage die bayerischen Berge zu bewandern. Wenn ich dort wie eine Ziege über die Steine kraxl, lässt sich die kleine Bayerin in mir nicht verbergen. Das ist einfach zu herrlich.

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