AZ trifft Betroffene Wohnbauprojekt im Münchner Nordosten "Wir fühlen uns erpresst"

Großbauprojekt bereitet Anwohnern große Sorgen: Maria und Thomas Eberl mit ihren Kindern. Hof- und Hütehund Bella räkelt sich in der Sonne. Foto: Petra Schramek

Der Widerstand gegen das geplante Wohnbauprojekt für bis zu 30.000 Menschen wächst. Landwirte kündigen an, dass sie der Einladung der Stadt nicht folgen wollen. Die AZ trifft Betroffene.

 

München - Der Weg zu Familie Wiesheu führt vorbei an Feldern, Reiterhöfen und niedrigen Siedlungshäusern. An Gartenmauern und Zäunen hängen Protestplakate. Der Widerstand gegen die Stadtentwicklungsmaßnahme (SEM) zwischen Daglfing, Englschalking und Johanneskirchen wird immer massiver. Die Fronten zwischen der Rathaus-SPD und den Eigentümern der Grundstücke, auf denen Wohnungen für bis zu 30.000 Menschen entstehen sollen, verhärten sich ständig. Vor allem die Landwirte sind wütend.

Kein Zusammentreffen auf Augenhöhe

Für den 15. und 16. März hat die Stadt betroffene Bürger und Eigentümer zum Gespräch eingeladen. Gestern kündigte Landwirtin Maria Eberl an: "Von uns wird keiner hingehen. Wir fühlen uns durch die Androhung der Enteignung erpresst!" Die 30-Jährige bewirtschaftet mit ihrem Mann und ihren Eltern den 90 Hektar großen Wiesheu-Hof samt Biogas-Anlage nordöstlich von Johanneskirchen.

Reiter hat schon vor Monaten Enteignungen ausgeschlossen. Doch die Leute hier trauen dem Versprechen nicht - und es gibt auch andere Stimmen in der SPD, wie die von Alt-OB Christian Ude, der dieser Tage in der AZ gefordert hat, Enteignungen müssten als Ultima Ratio möglich bleiben. "Der Oberbürgermeister hat sich geweigert, zu uns zu kommen, warum sollen wir dann zu ihm gehen? Unter den Voraussetzungen der SEM ist das kein Zusammentreffen auf Augenhöhe."

Wiesheu-Hof betreibt einen eigenen Hofladen

Maria und Thomas Eberl führen den Wiesheu-Hof in dritter Generation. Sie pflanzen Getreide und Kartoffeln an, halten 50 Mutterschafe, 60 Bullen und 120 Hühner und betreiben einen kleinen Hofladen. "Meine Großmutter ist damals als Magd aus Niederbayern hierher gekommen. Sie ist nie in den Urlaub gefahren. Meine Familie hat das hier alles aufgebaut. Und wir wollen es an die nächste Generation weitergeben", sagt Maria Eberl.

Ihre Kinder sind neun, sechs und zwei Jahre alt. Aus Sorge um ihre Zukunft schreckt sie manchmal aus dem Schlaf hoch, erzählt die junge Mutter. "Wo sollen wir hin, wenn wir das hier aufgeben müssen? Wir könnten vielleicht in Niederbayern wieder neu anfangen. Aber die werden sich auch freuen, wenn dann die Münchner Bauern kommen und ihr Land kaufen."

Die Ungewissheit, wie es weitergeht, beschäftigt die Eltern so sehr, dass die Sorgen auch auf die Kinder abfärben. "Die Kindergärtnerin von unserem Jüngsten meint, er spricht häufig darüber." Die Familie hat viel Geld in den großen Hof investiert - und nun keine Planungssicherheit mehr. Für Thomas Eberl ist die geplante Baumaßnahme "einfach nur größenwahnsinnig".

Zuerst Stadtgrundstücke bebauen und reichen Großbauern etwas abzwicken

"Ich verstehe nicht, warum man keine sozialverträgliche Lösung für alle finden kann." Grundsätzlich hat er nichts gegen neue Wohnhäuser in seiner Nachbarschaft. "Aber zuerst sollte die Stadt ihre Grundstücke bebauen und Baulücken schließen. Bei einer Bebauung für 30.000 Menschen bliebe "für uns Landwirte kein Platz mehr". Wenn es um die Größe und Skepsis gegenüber Veränderungen geht, ist der Wiesheu-Hof für einigen Nachbarn allerdings selbst ein Dorn im Auge.

Etwa einen Kilometer entfernt beginnt eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. "Vor 30 Jahren, als wir hier gebaut haben, war es hier noch ganz dörflich und ruhig. Seitdem sich der Wiesheu-Hof so vergrößert hat, haben wir hier sehr viel mehr Verkehr", erzählt eine 59-jährige Münchnerin. "Den ganzen Tag fahren riesige landwirtschaftliche Maschinen vorbei. Zur Erntezeit auch noch nachts um elf oder zwölf."

Die Münchnerin ist dafür, dass man den "reichen Großbauern etwas Land abzwickt" und neue Wohnungen baut. Allen recht machen wird es niemand können am Stadtrand im Münchner Nordosten.


"Unsere grüne Lunge verschwindet"

Eigentlich könnte sich Familie Gebert freuen. Seit über 30 Jahren betreibt sie den Daglfinger Blumenhof an der Riemer Straße, mittlerweile auf 30.000 Quadratmetern. Mehr Menschen, die sich rundum ansiedeln, das bedeutet viele neue Kunden. Doch die Geschäftsleute haben sich mit den Landwirten "vom Moos" solidarisiert. Viele kennen sie persönlich.

Simone Mainx (35), Lebensgefährtin des Junior-Chefs: "Man entzieht den Menschen, die hier leben und sich über Generationen etwas aufgebaut haben, ihre Lebensgrundlage. Darunter sind auch welche, die uns mit Kräutern beliefern. Ihre Existenz ist bedroht. Viele können nachts nimmer schlafen.

"Dazu kommt: "Ein Naherholungsgebiet für den Münchner Osten, unsere grüne Lunge, würde verschwinden mitsamt dem Reitsport, der hier angesiedelt ist." Auch wie das Verkehrsproblem gelöst werden soll, ist Simone Mainx ein Rätsel. "Schon jetzt steht hier zur Rush Hour alles."


"Ich mag das Ruhige hier"

Nico Zankl ist 18 Jahre alt und hat immer in der Zamdorf -Siedlung gelebt, unweit des geplanten Neubaugebietes. "Das ist mein Zuhause hier." Von den Planungen und dem Ärger im Vorfeld hat er bislang noch nichts gewusst. Dass er von einer erweiterten Infrastruktur profitieren könnte, ist ihm nicht wichtig. "Die Busse fahren zwar nur alle 20 Minuten, aber wir haben zwei Linien. Ich brauche auch jetzt nur 25 Minuten bis zum Marienplatz. Der Schüler sagt: "Ich mag, dass es so schön ruhig ist hier. Wäre schön, wenn es so bleibt."

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