AZ-Serie zur Pflege Die Pflege braucht Hilfe

Song Xi pflegt Anna Wagner: Die junge Chinesin und 149 ihrer Landsleute sind Teil eines Modellprojekts. Foto: dpa

Immer mehr Arbeit, immer weniger Personal, immer mehr Alte – die Lage in der Altenpflege ist dramatisch. In Berlin tagen die Experten, eine neue AZ-Serie beleuchtet die Situation in München

Wer pflegt uns im Alter? Verbände, Experten und Betroffene klagen seit langem über den Pflege-Notstand. Immer mehr Menschen brauchen Hilfe – einfach, weil wir immer älter werden. Gleichzeitig wird die Lücke immer größer zwischen Bedarf und Wirklichkeit: Wer soll sich um die vielen Senioren – heute oder in Zukunft – kümmern?

Schon durch diese zahlenmäßige Entwicklung verschlimmert sich die Lage immer weiter – da ist noch gar eingerechnet, dass die Pflege dringend besser werden müsste: Weg von der Minuten-Pflege hin zu mehr Zuwendung. Und: endlich mehr Hilfe auch für Demente und nicht nur für körperlich Gebrechliche. Aber dafür fehlt es erst recht an Personal – Angehörige stoßen längst an ihre Grenzen, Heime sind personell chronisch unterbesetzt. Die Pflege braucht Hilfe.

Das Mega-Thema Pflege ist eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen. Wie die Lage ist, wo es hakt, wie man das ändern könnte: Das sind zentrale Fragen. Mit ihnen befasst sich seit gestern der Deutsche Pflegetag in Berlin, der erstmals stattfindet – gemeinsam schlagen Pfleger, Kommunen und Kassen Alarm. Mit diesen Fragen befasst sich auch die neue AZ-Serie, die heute beginnt. In ihr werden zentrale Aspekte beleuchtet: wie gut die Heime in München sind, über Pflege daheim, von privaten Diensten, in Einrichtungen, im Ausland. Aber zunächst die große Bestandsaufnahme, wie es um die Pflege steht.

Was ist das zentrale Problem? Der Mangel an Menschen, die pflegen. „Der Druck des Handelns ist gigantisch groß“, so Andreas Westerfellhaus, Chef des Deutschen Pflegerates, auf dem Pflegetag. „Wir brauchen dringend als allererstes einen nationalen Aktionsplan für die Pflegenden selbst. Meine Kollegen stehen vor dem Kollaps.“ Das gilt für die professionell Pflegenden, die er vertritt, genauso wie für Angehörige.

Warum herrscht so ein Mangel? Altenpflege ist ein schlecht bezahlter Knochenjob. Der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst in Pflegeberufen liegt bei 2412 Euro pro Monat. In Einrichtungen ohne Tarifbindung – kirchliche Träger gelten als besonders knausrig – liegt das Gehalt um 19 Prozent niedriger, so Johanna Knüppel, Sprecherin des Bundesverbands der Pflegeberufe. Dazu kommt, dass angesichts der harten Arbeitsbedingungen viele nicht lange durchhalten: Im Schnitt nach 8,4 Jahren hört ein Altenpfleger mit seinem Beruf auf. „Wir schaffen es nicht mal, den Bedarf an Nachrückern für die Ausscheidenden zu decken“, sagt Knüppel. Weniger als fünf Prozent der deutschen Schulabgänger können sich einen Pflegeberuf vorstellen. Westerfellhaus: „Wir müssen dringend diskutieren, warum der Dienst an Menschen so viel schlechter bezahlt wird als der Dienst an Maschinen.“

Was heißt das in Zahlen? Aktuell fehlen etwa 130 000 professionelle Pflegekräfte, ambulante Dienste und Heime zusammengerechnet. Arbeitslos gemeldet sind nur 4100 Pflegekräfte. Die unbesetzten Stellen führen dazu, dass sich die Bedingungen für die Pflegenden wie die Patienten weiter verschärfen. Und das Problem wächst: Bis 2030, so eine neue Bertelsmann-Studie, werden bereits 500 000 Pflegekräfte fehlen – denn in unserer alternden Gesellschaft steigt die Zahl der zu Betreuenden rapide an. Heute gibt es 2,5 Millionen Pflegebedürftige, 2030 werden es 3,4 Millionen sein.

Kann man nicht welche aus dem Ausland holen? Doch, das passiert schon, ohne Zuwanderung würde das System gleich zusammenbrechen. Erst gestern wieder wurde ein Projekt mit 150 Chinesen vorgestellt. Sie haben ein Bachelor-Studium, ein einjähriges Praktikum, Sprachunterricht und interkulturelles Training hinter sich. Ähnliche Programme gibt es mit Vietnam. Es heißt, dass man mit Asiatinnen besonders gute Erfahrungen mache, weil älteren Menschen in ihrer Kultur ein hoher Respekt entgegengebracht wird. Auch aus Süd- und Osteuropa kommen viele Pflegerinnen. Allerdings weist der Pflegerat darauf hin, dass Deutschland „in Sachen Pflege ein Entwicklungsland ist“, so Vizepräsident Franz Wagner. Bei den Arbeitsbedingungen – etwa, für wie viele Patienten gleichzeitig eine Kraft zuständig ist – steht Deutschland auf dem letzten Platz in Europa. Viele Fachkräfte gehen lieber in die Schweiz, nach England oder Skandinavien, wo Gehalt und Anerkennung höher sind.

Reicht das für mehr als „satt & sauber“? Nein. „Wir machen Dauerlauf-Pflege“, sagt Pfleger-Vertreter Westerfellhaus. Alles läuft im Minuten-Takt. Zeit für Zuwendung oder Gespräche bleibt so gut wie nicht. Nicht, weil die Pfleger keine Lust haben oder es nicht für nötig halten, im Gegenteil. Sondern weil ihnen – egal ob ambulant oder stationär – die eine Minute, die sie bei einem länger bleiben, beim nächsten fehlt. „Die Touren sind minutengenau geplant“, erklärt Birgit Ratz, Chefin eines Pflegedienstes. „Ein Patient, der lange bis zur Tür braucht, gefährdet den Ablauf schon.“

Kann man das ändern? Der Wille ist schon halbwegs da. Gesundheitsminister Herrmann Gröhe versprach gestern: „Wir wollen, dass ab dem 1. Januar 2015 das Pflegepersonal mehr Zeit hat.“ Nur: Dafür braucht man dann erst recht mehr Menschen. Und: Neben der Frage ,Woher nehmen?’ stellt sich dann auch die ,Wie bezahlen?’. Erst recht, wenn man die Gehälter verbessern will. Die Erhöhung der Pflegebeiträge um 0,5 Punkte hat die große Koalition zwar bereits vereinbart. Aber die neuen Mittel werden auch für viele andere Dinge gebraucht – vor allem für Hilfen für Demenzkranken, die bisher oft leer ausgehen: die nächste richtig große Baustelle.

Und: Mehr Geld für Pfleger trifft auch die Kunden. Die Pflegeversicherung ist, anders als von vielen angenommen, keine Vollkaskoversicherung, die halt im Pflegefall die Kosten trägt. Sie übernimmt nur einen Teil, nämlich festgelegte Sätze. Der Eigenanteil etwa in der Pflegestufe I liegt laut Barmer in der stationären Pflege derzeit bei 1380 Euro im Monat, in Stufe III bei 1802 Euro.

Was ist mit den Angehörigen? Die Mehrheit der Patienten ist nicht im Heim, sondern wird von Angehörigen und/oder ambulanten Diensten gepflegt (siehe Grafik) – denn die allermeisten Menschen wollen möglichst lang ein selbstbestimmtes Leben in vertrauter Umgebung. Aber auch das stößt immer mehr an Grenzen. Die Pflegenden stehen extrem unter Druck – die AOK Bayern bietet jetzt auch extra Unterstützung für psychisch belastete pflegende Angehörige an. Die große Koalition plant einige kleine arbeitsrechtliche Änderungen für Berufstätige. Aber das Potential von Angehörigen, die – womöglich rund um die Uhr – für Bedürftige da sind, nimmt immer mehr ab, warnte AOK-Chef Jürgen Graalmann gestern: Immer mehr Mütter sind berufstätig, die Zahl der Single-Haushalte steigt.

Was also tun? Die Ansätze sind vielfältig. Auch für die Kommunen ist das ein großes Thema. Gerd Landsberg, Chef des Städte- und Gemeindebundes, sagte auf dem Pflegetag: „Mit der heutigen Infrastruktur ist das Problem nicht zu bewältigen.“ Jede Gemeinde müsse ihre Planung auf die alternde Gesellschaft einstellen, bei den Verkehrswegen, häuslichen Versorgungsdiensten, vernetzten Hilfen. „So, wie wir jetzt versuchen, in einem Kraftakt ein kinderfreundliches Land zu werden und die Kitaplätze ausbauen.“ So müsse man auch die Alterung stemmen, zum Beispiel unter anderem mit Betreuungsplätzen für pflegebedürftige Senioren – Vereinbarkeit von Familie und Beruf gelte nicht nur für den Nachwuchs. Projekte gibt es viele. Immer mehr im Kommen sind Pflege-WGs, gerade für Demente, oder auch Mehrgenerationenhäuser. Aufmerksam werden Modellversuche in Frankreich mit Gastfamilien verfolgt: Nach dem Prinzip von Pflegekindern werden dort erwachsene Pflegebedürftige in speziell geschulte Familien vermittelt.

Auch die Technik kann helfen: Abgestimmte Notruf- und Überwachungssysteme ermöglichen, dass jemand so lang wie möglich daheim ist, dazu kommen praktische Dinge wie vollautomatische Toiletten oder Aus-dem-Bett-Hebe-Mechanismen.

Was ist geplant? Dass die Politik zum Pflegetag kommt, dass die große Koalition schon Vorhaben hat, wird bei den Betroffenen positiv vermerkt. Aber: „Es macht mich nervös, dass jetzt nochmal alles überprüft werden soll“, so Pflegerats-Chef Westerfellhaus. Eindringlich warnt er: „Die Pflegereform darf kein Flop werden. Die Lage spitzt sich dramatisch zu.“

 

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