AZ-Serie zum WM-Gewinn 1990 Franz Beckenbauer: Der Doppel-Weltmeister

„Gehts naus, spuits Fuaßboi!“: Der Plan von Beckenbauer ging auf – und der Trainer kehrte mit dem WM-Pokal nach Deutschland zurück. Foto: dpa

AZ-Serie zum WM-Gewinn 1990: Diesmal mit Kaiser Franz Beckenbauer, der den Titel als Spieler und als Trainer holte – und Berti Vogts mitgibt: „Deutschland wird über Jahre nicht zu besiegen sein“.

 

Als der Kaiser zum zweiten Mal gekrönt wurde, trug er Sakko, Krawatte, Föhnfrisur und hatte Klaus Augenthaler im linken und Holger Osieck im rechten Arm. In Rom war das, spät abends am 8. Juli. Fast auf den Tag genau 16 Jahre zuvor, bei der ersten Krönung in München, hatte er im Finale anscheinend ein bisschen geschwitzt, leichte Schmutzspuren am Trikotärmel und wurde von Sepp Maier und Walter Scheel eingerahmt.

Doppel-Weltmeister, als Spieler und als Trainer. Nur dem Brasilianer Mario Zagallo war das zuvor gelungen. Gönnerhaft hatte Beckenbauer vorab noch gesagt, für ihn sei „der Weltmeistertitel nicht so wichtig, aber für die Spieler würde es mich freuen“. So isser, der Franz: immer für einen Spruch gut. Ins Handbuch für Fußballtrainer gehört auch sein legendärer Matchplan: „Gehts naus, spuits Fuaßboi!“ Ein Satz, wie er auch in Ober- oder Untergiesing gefallen sein könnte – aber vor dem wichtigsten aller Fußballspiele?

So locker sich die Lichtgestalt auch gab, nach getaner Final-Tat lässig über den Rasen schlendernd, während der Rest des Teams freudetrunken eine Ehrenrunde drehte – die WM 1990 war für den vom Erfolg so verwöhnten Franz Beckenbauer durchaus von Bedeutung, als noch fehlender Nachweis, dass er nicht nur als Spieler ein Genie war. 1984 hatte er nach dem Vorrunden-Aus bei der EM von Jupp Derwall das DFB-Team übernommen, als Teamchef ohne Trainerlizenz, dafür mit Horst Köppel und später Holger Osieck als offiziellen Bundestrainern. Erst nach der gewonnenen WM bekam Beckenbauer vom DFB eine Trainerlizenz ehrenhalber.

Geschenkt – welcher Kaiser braucht schon ein Stück Papier, um zu regieren? Und das tat er. Uneingeschränkt, wenn auch nicht unkritisiert. Paul Breitner hatte ihn 1988 in den Zeiten der „Rumpel-Fußballer“ als Totengräber des deutschen Fußballs gescholten; der Presse warf Beckenbauer „Schweine-Journalismus“ vor, und zur WM 1990 schaffte es sein Team erst in letzter Minute dank eines 2:1-Sieges gegen Wales. Auch sein Trainer-Debüt war in die Hose gegangen: 1:3 gegen Argentinien. Zwei Jahre später, das erste WM-Endspiel: 2:3 gegen Argentinien. Und nun im 90er-Finale wieder diese Argentinier, wieder mit Maradona.

Aber Andreas Brehme bewahrte den Kaiser vor der nächsten Schmach, mit diesem präzisen, aber nicht sonderlich stramm getretenen Elfer kurz vor Schluss. Jahre später sagte der Coach: „Das war kein Glück, das war Können. Wir hatten sehr gute Elfmeterschützen, und der Andy konnte sogar eine Fliege von der Latte schießen.“

Legendär auch der Besuch von Helmut Kohl in der Kabine des frisch gebackenen Weltmeisters. Mit einem Becher Cola stand der Kanzler inmitten der euphorisierten Kicker, die ihm prompt ein Lied sangen: „Helmut, senk den Steuersatz, duda, duda!“ Mit der Videokamera festgehalten hatte das alles Torwarttrainer Sepp Maier, sozusagen als Vorläufer des „Sommermärchens“. Die Öffentlichkeit bekam die Bilder von Vokuhilas und Ballonseide-Trainingsanzügen erst Jahre später zu sehen.

Dass Beckenbauer seine Goldmedaille noch auf dem Spielfeld dem Pressechef Wolfgang Niersbach schenkte, hatte Maier nicht im Bild. 20 Jahre hing die Medaille am Kamin des heutigen DFB-Chefs, ehe sie wieder in Beckenbauers Händen landete – beim Jubiläumstreffen der Weltmeister im Europapark Rust. Passenderweise sang der Kaiser „Gute Freunde kann niemand trennen...“, auf der Trompete begleitet vom zehnjährigen Sohn Joel – was für ein Bild!

Nach dem WM-Sieg trat Beckenbauer zurück – als erster Teamchef nach einem gewonnenen Pflichtspiel. Seinem Nachfolger und ewigem Adlatus Berti Vogts gab er noch eine schöne Bürde mit, nämlich den Satz: „Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber ich glaube, dass die deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird.“ So isser, der Franz: immer für einen Spruch gut. Gut so.

 

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