AZ-Serie zu den Kultlöwen TSV 1860: Thomas Häßler - "Icke" und das Pfosten-Drama

Regisseur im Löwen-Mittelfeld: Thomas "Icke" Häßler. Foto: GES/Augenklick

Der nächste Teil der Kultlöwen-Serie. Heute an der Reihe: Thomas "Icke" Häßler, der die Löwen im Jahr 2000 beinahe in die Champions League schoss. Aber eben nur beinahe.

 

München - Mitte November waren es 30 Jahre, dass er ein so wichtiges Tor schoss. In Köln gegen Wales. Einseins stand es damals zur Halbzeit, Völler hatte die frühe Führung der Gäste ausgeglichen, kurz nach der Pause kam Littbarski über links, ein walisischer Kopf verlängerte seine Flanke vor die Füße Häßlers, der nahm den Ball Dropkick, flach ins kurze Eck, zweieins.

Stefan Reuter gratulierte damals als Erster, es war das letzte Tor des Spiels, Deutschland hatte sich qualifiziert für eine Schallplattenaufnahme mit Udo Jürgens, bei der sie ihre Teilnahme bei der WM 1990 besangen. Darin waren Zeilen wie: Drum nichts wie hin, hinter uns liegt der Inn. Und vor uns liegt der Po. Hollahi, hollaho. Wir sind schon auf dem Brenner, ja da kommt Freude auf.

Man lauschte damals dann doch lieber Gianna Nanninis rauen Stimmbändern, die vom estate italiana reibeiselten, dem italienischen Sommer, in dem dann Brehme zum Elfmeter antrat, und Deutschland war Weltmeister.

Der bitterste Pfostenknaller in der Löwen-Historie

Unwahrscheinlich, dass die Sechzger auch ein Lied aufgenommen hätten. Hätte Häßler das zweitwichtigste Tor seiner Karriere geschossen. Im nächsten Sommer werden es dann 20 Jahre, dass Häßler nämlich nicht das Tor traf, sondern nur die Umrandung aus Aluminium, mit dem berühmtesten und bittersten Pfostenknaller in der Geschichte des TSV 1860.

Die Löwen gegen Leeds, 56.000 Zuschauer an einem wundervollen Sommerabend, von seinem Platz hoch oben in Block M1 auf der Gegengerade hatte man eine ideale Sicht auf die grandiose Abendstimmung, die den Himmel jenseits der weiß-blau choreographierten Nordkurve in ein magisches Dämmerlicht tauchte. Gegenüber auf der Haupttribüne saß natürlich auch der alte Wildmoser, dass er Tränen in den Augen hatte, sah man aus der Distanz nicht, das las man am nächsten Tag in der Zeitung.

1860: Uefa-Cup statt Champions League

Sehr gut sah man dafür den beherzten Kampf der Löwen, nach dem 1:2 im Hinspiel an der Elland Road hätte ein einziges Tor schon gereicht zum Einzug in die Gruppenphase der Champions League. Sie hatten Chancen, durch Paul Agostino etwa, dann kurz vor der Pause dann eben der Freistoß von Häßler, von halblinks hoch oben an den Pfosten.

Nach der Pause traf dafür Leeds, ein Konter, Stranzl zu weit aufgerückt, Paßlack und Kurz nicht im Bild, Alan Smith traf, Sechzig war raus und nur im Uefa-Cup.

Sechzig nur im Uefa-Cup. Bei den ersten Gegnern Sechzigs musste man die Städte im Diercke-Atlas suchen, Drnovice, Halmstad, das Aus kam in der 3. Runde gegen Parma. Leeds aber spielte in der Champions League gegen Milan, Barcelona, Real, kam bis ins Halbfinale, scheiterte an Valencia, das ins Endspiel gegen die Bayern einzog. In der gerade im Fußball so ausgereiften Kunstform des so beliebten Was-wäre-wenn-Hypothesierens konnte man sich noch Jahre später zusammenreimen, dass Sechzig gegen Valencia garantiert gewonnen und dann im Finale von Mailand auch die Bayern geschlagen hätte. Hätte Häßler eben ins Tor getroffen statt an den Pfosten.

Nach Abpfiff gegen Leeds kauerte Thomas Häßler am Boden, er hatte das Trikot des englischen Torschützen an, falsch herum, auf seiner Brust stand Smith 10. Es herrschte an jenem Abend verkehrte Welt bei Sechzig.

Knapp drei Jahre später machte er sein letztes Spiel für die Löwen, nach vier Jahren in München ging er nach Salzburg, dort beendete er seine Karriere. Der weitere Weg von Thomas Häßler klang nicht ganz so glücklich, er sorgte für einen recht beachtlichen Fremdschämfaktor, als er sich auf die Teilnahme im RTL-Dschungelcamp herabließ, und auch jetzt in den letzten Wochen lief es in seinem neuen Job nicht so rund, als Trainer des Berliner Landesligisten BFC Preußen. Es gab Ärger um die Trainingszeiten zwischen der Jugendabteilung und Häßlers 1. Männermannschaft, wer wann welchen Platz belegen darf, es wurde ziemlich schmutzig, zuletzt drohte Häßler gar mit rechtlichen Schritten.

Da denkt man doch lieber an die erfolgreichen Tage in München zurück, wie Häßler vier Jahre lang das Löwen-Spiel im Mittelfeld lenkte, zusammen mit seinem kongenialen Partner Erik Mykland. Zeiten, von denen die Sechzger heute noch schwärmen – als nur der Pfosten verhinderte, dass der Henkelpott später an die Grünwalder Straße kam.

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