AZ-Serie zu den Kultlöwen TSV 1860: Roland Kneißl, der Magier von Giesing

Roland "Magic" Kneißl spielte von 1986 bis 1994 für die Löwen. Foto: imago/WEREK

Der nächste Kultlöwe im Porträt: Roland "Magic" Kneißl, den die Löwen-Fans vor allem mit zwei Spielen Anfang der 90er in Verbindung bringen.

 

München - Freilich, spricht man über Magic Kneißl, denkt man vor allem an zwei Spiele, die in den bedeutendsten und wichtigsten, den todtraurigsten wie den überglücklichsten Spielen der Löwen-Historie ihren Platz ganz oben in der Liste bis jetzt und in alle Ewigkeit einnehmen. Zwei Partien, die er so entscheidend mitgeprägt hatte, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. 1990. 1991.

Man muss nur die Orte nennen, aus denen die Gegner kamen, schon weiß jeder Bescheid. Schweinfurt. Neunkirchen. Geschüttet hatte es an beiden Tagen aus Kübeln. Und auch die Sechzger-Fans weinten hemmungslos. Aus purer Verzweiflung. Und aus grenzenlosem Glück.

Mai 1990: Giesing im Aufstiegsfieber

Im Mai 1990 wollte es die Spielansetzung, dass die beiden Mannschaften, die in der Bayernliga noch um die Meisterschaft und damit um die Qualifikation für die Aufstiegsrunde zur Zweiten Liga kämpften, just am letzten Spieltag aufeinandertrafen. Sechzig und Schweinfurt. Die Ausgangslage war klar, die Unterfranken lagen einen Punkt vor den Löwen, die Blauen brauchten zwingend einen Sieg. Das Grünwalder war längst ausverkauft, Giesing lag im Aufstiegsfieber, nach acht Jahren in der Drittklassigkeit dürstete man so sehnsüchtig der Zweiten Liga entgegen.

Hochkonjunktur hatten die Schwarzhändler, die erste windige Zwielichtfigur, der man schon am Ostfriedhof über den Weg lief, verlangte noch einen glatten Fuchzger für den Stehplatz. Wucher vom horrendsten, aber so was von ausgschamt, vom überschaubaren Gehalt als Zivi im rechts der Isar war das nicht drin. Man lachte Hohn ob der Dreistigkeit, und schlug dann weiter vorn neben dem U-Bahn-Aufgang an der Silberhornstraße doch zu, als einem der nächste Kartendandler immerhin auch noch stolze 30 Mark ein Ticket für die Westkurve überließ.

Aber eh klar war ja, hätte man am End gar nichts bekommen, man hätte dem halbschaarigen Typen vorn am Ostfriedhof auch 70 Mark in die Hand gedrückt. Man wollt halt einfach dabei sein.

Nie mehr davor und nie mehr danach hatte man selbst das Grünwalder so voll und so eng erlebt wie an diesem entsetzlich ungemütlichen Freitagabend. Aber es war wurscht, vor allem als der Hainer Walter, der Bruder vom heutigen Bayern-Präsidenten Herbert, die Führung erzielte. Das Spiel drehte sich, plötzlich führte Schweinfurt mit seinem Trainer namens Werner Lorant 2:1. Aber dann kam der Auftritt vom Kneißl. Vom Magic. Per Hacke erzielte er den Ausgleich, Hoffnung keimte bei den Löwen auf – bis zur erneuten Führung der Gäste. Das Tor zum 3:3 durch Rainer Maurer reichte dann nimmer.

So schmerzhaft dieser Abend für Sechzig war, so sehr führte er im Jahr drauf zu einer Trotzreaktion. Jetz erst recht. Karsten Wettberg, der Trainer, und auch Thomas Miller, sagten später, das Drama gegen Schweinfurt hätte sie zusammengeschweißt, ein bisschen so wie bei den Bayern später nach dem "Finale dahoam" gegen Chelsea 2012. Als sie 2013 doch den Henkelpott an die Säbener holten. Was den Bayern damals Dortmund in Wembley, war den Löwen 1991 Neunkirchen in Giesing.

Magic Kneißl und König Wettberg

Das letzte Spiel in der Aufstiegsrunde, an diesem Junitag, die Euphorie grenzenlos, diesmal hatte man sich noch rechtzeitig regulär Karten gesichert, wenn auch für die Ostkurve, quasi ebenerdig hinterm Tor. Schmidbauer traf zur frühen Führung nach zwölf Minuten, Sechzig haushoch überlegen, doch dann war es einmal mehr Roland Kneißl, der diesmal wirklich für die Erlösung sorgte. Mit seinem Treffer zum 2:0 per Elfmeter sechs Minuten vor Schluss, Endstand 2:1. Sechzig war wieder zweitklassig.

Es war der Tag, an dem auch Karsten Wettberg vor Freude seinen Regenschirm auf dem Stadionrasen zerdepperte und zum König von Giesing inthronisiert wurde. Und Kneißl endügltig der Magic war. Der Magier und der König. Ein Märchen wurde wahr.

Als die Löwen drei Jahre später in die Bundesliga aufstiegen, spielte Kneißl unter Werner Lorant keine Rolle mehr. Doch einmal sah man ihn noch. Am 33. Spieltag, als der Klassenerhalt schon feststand, und das letzte Heimspiel in Giesing bedeutungslos war. Nach 56 Minuten wechselte Lorant Kneißl aus Dankbarkeit um seine Verdienste noch einmal ein, man sah das damals nicht mehr aus einer der Kurven, sondern von unten hinterm Tor als junger Reporter beim Fernsehen. Kneißl trat sogar nochmal bei einem Freistoß an, zentral so 20 Meter vor dem Tor, das Stadion raunte, Kneißl aber traf nicht. Ein Tor zum Abschied, das wäre auch zu magic gewesen.

Kneißl freilich blieb den Löwen treu, zwei Jahre lang war er von 2004 bis 2006 Manager, später führte er die Fanrtikel-GmbH, 2018 kam das Aus nach einem Zerwürfnis mit Hasan Ismaik, es ging alles recht turbulent und traurig zu Ende. Schöner die Erinnerungen. An Schweinfurt und Neunkirchen.

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