AZ-Serie "Vorsicht, Betrug!" Schlüsseldienst-Abzocke: Einmal Tür öffnen 723 Euro!

Immer wieder fallen unseriöse Schlüsseldienste mit absurd hohen Rechnungen auf. Foto: imago/AZ

Wer sich ausgesperrt hat, gerät leicht an unseriöse Abzockfirmen - Natascha Berger (36) hat es nach der Wiesn erlebt. Am Telefon heißt es noch, der Service kostet 50 Euro.

 

München - Schlüssel vergessen, Tür ins Schloss gefallen, ausgesperrt - es ist eine alltägliche Situation, die schnell passieren kann. Insbesondere nachts geraten immer mehr Münchner an unseriöse Firmen, die diese Notsituation schamlos ausnutzen. 700 bis sogar 1200 Euro verlangen angebliche Fachmänner für eine Türöffnung. Der Betrug hat offenbar System, wird aber von der Polizei und Justiz nur selten verfolgt.

Die Marketingmanagerin Natascha Berger (36, Name geändert) kam am 27. September vom Oktoberfest. Gegen 1 Uhr hatte sie sich von ihren Kollegen verabschiedet. Als sie vor ihrer Haustür stand, merkte sie: "Ich hatte meinen Schlüssel im Büro vergessen!"

Die 36-Jährige googelte im Internet nach einem Schlüsseldienst. Gleich an zweiter Stelle erschien ein Anbieter: "Türöffnung ab 9 Euro" wirbt das Unternehmen dort. Was Natascha Berger nicht wusste: Verbraucherschützer in verschiedenen Bundesländern warnen vor diesem - und anderen - Vermittlern.

Die Münchnerin erkundigte sich am Telefon nach dem Preis: Ab 50 Euro, lautete die Auskunft. "In 20 Minuten ist der Fachmann da." Natascha Berger wartete in der Kälte. Nach einer halben Stunde rief sie wieder an. "Er ist auf dem Weg", hieß es jetzt.

Sie rief immer wieder an. Erst nach 3 Uhr traf der "Fachmann" vom Schlüsselnotdienst endlich ein. "Ich war bei einer polizeilichen Türöffnung", lautete seine Ausrede.

Was Natascha Berger dann erlebte, macht sie auch heute noch wütend. Als sie dem Mann sagte, dass die Tür abgeschlossen ist, nannte er 180 Euro als Preis. Sie willigte ein.

Doch der Mann trieb die Summe immer höher. Im Treppenhaus sagte er zu der Frau: "Ach, es ist ja Nacht. Da kostet es 360 Euro." Als er das Schloss ansah, meinte er, dass er ein neues einbauen müsse - noch mal 133 Euro teurer.

"Ich war müde und ich musste am nächsten Tag arbeiten. Ich hab' gesagt: 'Mach die Tür einfach auf!'.

Doch es ging weiter. "Er ist ständig zum Auto gegangen, um die Arbeitszeit in die Länge zu ziehen." Als die Tür endlich geöffnet war und Natascha Berger in ihre Wohnung konnte, berechnete ihr der Mann am Küchentisch 723,16 Euro.

Diese Rechnung präsentiert der Abzocker-Schlüsseldienst Natascha Berger. Sie muss über 700 Euro per Sofortkasse zahlen! Foto: privat
Diese Rechnung präsentiert der Abzocker-Schlüsseldienst Natascha Berger. Sie muss über 700 Euro per Sofortkasse zahlen! Foto: privat

Die Marketingmanagerin fühlt sich betrogen. "Ich hatte schon mal meinen Schlüssel vergessen - ebenfalls nach dem Oktoberfest. Damals kostete es 158 Euro."

Zuerst sträubte sich die 36-Jährige zu zahlen. "Aber ich wollte endlich ins Bett. Und ich hatte auch Angst. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt." Der Mann wollte Sofortkasse, sie zahlte mit EC-Karte.

Am nächsten Tag ging sie zur Polizei in Neuhausen. "Die haben mich wieder weggeschickt. Sie sagten, da könne die Polizei nichts machen. Ich soll das privatrechtlich einklagen."

Dieselbe Erfahrung haben auch andere Münchner gemacht: Von Tontechniker Dénes N. (39) aus Johanneskirchen hatte derselbe Mann im Juni sogar 1012,51 Euro für eine Türöffnung verlangt. Als Dénes N. in Ismaning Anzeige erstatten wollte, schickte ihn der Polizist weg. Ein anderer Beamter schickte eine Großmutter weg, die 731 Euro berappen musste. Sie hatte sich tagsüber im Kreis Ebersberg mit ihren drei Enkeln ausgesperrt.

Gabriele Bernhardt von der Zentrale gegen unlauteren Wettbewerb: "Vielen Polizisten fehlt immer noch die Kenntnis, dass es sich hier meist um ein gut organisiertes System handelt, das im großen Umfang andere abzockt." Sie rät: "Bestehen Sie auf eine Anzeige wegen Wuchers! Wurden Sie genötigt, sofort zu zahlen, erstatten Sie auch noch Anzeige wegen Nötigung."

Natascha Berger überlegt noch, ob sie die Firma nun zivilrechtlich verklagt. In Zukunft wird sie keinen Schlüsseldienst mehr brauchen. Sie kann ihre Wohnungstür jetzt per Handy-App öffnen. Und falls sie es irgendwo vergisst - ihr Freund kann es auch.


So schützen sie sich: Schlüsseldienst-Wucher nicht akzeptieren!

Schlüsseldienste und Rohrreinigungsdienste, die Wucherpreise nehmen, sind ein Dauerbrenner für die Verbraucherzentrale Bayern. „Die Höhe der Rechnungen ist oftmals atemberaubend“, sagt Fachberaterin Esther Jontofsohn.

Als Wucher gilt nach gängiger Rechtsprechung, wenn jemand etwa das Doppelte des üblichen Preises oder mehr verlangt.

Für München empfiehlt der Bundesverband Metall (BVM) für eine Türöffnung Pauschalpreise zwischen 84 bis 210 Euro plus 36 Euro Fahrtkosten. Vom Telefonbuchverlag Gelbe Seiten gibt es seit Kurzem den Service „Schlüsseldienst zum Festpreis“. Die Türöffnung kostet pauschal 89 bis 169 Euro inklusive An- und Abfahrt. Die Aufträge sind telefonisch oder übers Internet rund um die Uhr buchbar. Verbraucherschützer raten:

  • Suchen Sie nach einer ortsansässigen Firma in der Nähe und notieren sie sich deren Nummer für den Notfall.
  • Machen Sie bereits am Telefon einen Festpreis aus.
  • Das Auswechseln des Schlosses ist meist nicht notwendig!
  • Zuschläge sind nur außerhalb der üblichen Arbeitszeiten zulässig. „Sofortzuschläge“, „Bereitstellungszuschläge“ und „Spezialwerkzeugkosten“ sind unzulässig
  • Sie müssen nicht sofort zahlen!
  • Rufen Sie die Polizei, wenn Sie unter Druck gesetzt werden oder der Mitarbeiter die Tür wieder zu verschließen, wenn sie nicht sofort zahlen. Das ist Nötigung.
  • Erstatten Sie Anzeige wegen Wuchers. Bestehen Sie darauf, dass sie aufgenommen wird!

Lesen Sie hier Teil 1 der Serie: Die fiesen Maschen der Betrüger

Lesen Sie hier Teil 2 der Serie: 20 Stunden in den Fängen der Microsoft-Betrüger

Lesen Sie hier Teil 3 der Serie: "Jeder zehnte Autounfall ist manipuliert"

 

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