AZ-Serie: Tabu-Leiden Teil 2: Hämorrhoiden: Ursachen, Behandlung, Vorbeugung

Zeitung lesen ist natürlich fantastisch – auf der Toilette aber nicht immer ganz gesund. (Symbolbild) Foto: imago/AZ

Was Beschwerden mit den Hämorrhoiden auslöst, wie die Behandlung aussieht und welche Fehler man vermeiden sollte.

 

Über Hämorrhoiden reden? Nein, danke! Beschwerden wie Juckreiz am After oder Blut im Stuhlgang? Am liebsten ausblenden. Bis es nicht mehr geht.

Das sind die Erfahrungen mit Patienten, die Proktologe Dr. Elmar Dorweiler aus München sehr häufig macht. Das ist heute so und war vor Jahrzehnten nicht anders: "Dieser Bereich des Körpers ist tabu. Daran hat sich in meiner 30-jährigen Tätigkeit nichts geändert. Es ist weiterhin ein Teil des Körpers, über den man sehr ungern spricht", so der Schwabinger. Im Gegensatz zu vielen seiner Patienten redet der Proktologe offen und ehrlich über das Thema Hämorrhoiden, denn er sagt: "Viele denken, das ist eine ,schlechte’ Region unseres Körpers. Dabei ist es sogar ein ganz wichtiger Teil."

Was sind Hämorrhoiden?

Darunter versteht man Blutgefäßpolster – jeder Mensch hat von Geburt an drei davon. "Sie sind für den Feinverschluss des Afters zuständig", erklärt Dorweiler. "Sie funktionieren im oberen Analkanal wie ein Ventil, damit keine Feuchtigkeit ungehindert an die Haut gelangt." Oft werden die Beschwerden umgangssprachlich "Hämorrhoiden" genannt. Das ist aber falsch. Richtig ist die Bezeichnung eines Hämorrhoidal-Leidens.

Warum können Hämorrhoiden Probleme machen?

Wenn auf die Blutadern längere Zeit Druck ausgeübt wird, können sich die Adern vergrößern und die "Hämorrhoiden treten die Reise nach außen an", so Dorweiler.

Welche Symptome gibt es?

Die Beschwerden können sehr unterschiedlich sein, sagt der Proktologe. Das häufigste Symptom ist ihm zufolge, dass es beim Stuhlgang aus dem Analkanal blutet. Zusätzlich kann es zu Juckreiz, Brennen und Hautentzündungen kommen. Das kommt daher, weil das "Ventil" nicht mehr richtig funktioniert und Feuchtigkeit auf die Haut gelangt. Die Symptome müssen nicht unbedingt nur beim Stuhlgang auftreten, sie können auch so vorkommen.

Woher kommt die Erkrankung?

Die Ursache ist "menschgemacht", sagt Dorweiler. Denn das Gewebe erkranke nicht von alleine und nicht von heute auf morgen. "Es ist der Mensch, der über Jahre die gleichen Fehler macht."

Das häufigste Fehlverhalten:

Fehler 1: Wer immer beim Stuhlgang zu stark presst, übt Druck auf die Blutgefäßpolster aus. Dadurch kann das Blut nicht richtig abfließen, die Adern weiten sich.

Fehler 2: Wer zu lange auf der Toilette sitzen bleibt, obwohl er gar nicht muss – auch das belastet die Hämorrhoiden.

Fehler 3: Auch Pressatmung ist ein Fehler, der Hämorrhoidal-Leiden hervorrufen kann. "Das sieht man häufig im Fitness-Studio: Wenn die Leute Gewichte heben und anstatt auszuatmen, die Luft anhalten und dagegen pressen", erklärt Dorweiler.

Fehler 4: Wer nicht ausgewogen und ballaststoffreich isst und dazu auch noch zu wenig Flüssigkeit aufnimmt, läuft Gefahr, dass der Stuhlgang nicht weich genug ist, sprich: Eine Verstopfung droht und man muss wiederum stark pressen.

Das generelle Problem: "Hämorrhoiden haben keine Nerven und können nicht wehtun." Das heißt: Man merkt erst einmal nicht, wenn man ihnen Schaden zufügt. Und da der Mensch ein Gewohnheitstier sei, falle man leicht wieder in alte Fehlermuster – auch wenn man es eigentlich besser weiß.

"Zäpfchen und Salben bekämpfen nur die Symptome"

Wie viele Menschen in Deutschland leiden darunter? "Jeder zweite bis dritte in Deutschland hat ein Hämorrhoidal-Leiden." Dorweiler schätzt die Zahl auf 30 bis 40 Millionen Betroffene. Aber: Nur fünf Millionen gehen damit zum Arzt – der Rest geht in die Apotheke und versucht es mit Zäpfchen und Salben. Aber damit werden nicht die Ursachen bekämpft, sondern nur die Symptome.

Was passiert, wenn man nicht zum Arzt geht?

Die Symptome nehmen zu. „Das Gewebe kann irgendwann so groß sein, dass es sich herauswölbt.“ In so einem Fall reicht es, einmal darüber zu wischen und es blutet. Dann hilft nur noch eine Operation.

Wie sieht die Untersuchung aus?

Die Inspektion: Die Afterregion wird begutachtet. So können etwa Rötungen oder nässende Stellen an der Haut entdeckt werden.

Das Abtasten: Der Analkanal wird mit dem Finger untersucht.

Rektoskopie: Mit der Mastdarmspiegelung kann festgestellt werden, in welchem Stadium das Leiden ist.

Proktoskopie: Dabei wird der Enddarm untersucht. Ein Proktoskop ist ein bis zu 15 Zentimeter langes Rohr mit einem Durchmesser von etwa zwei Zentimetern.

Tut die Untersuchung weh?

"Es ist ein bisschen unangenehm, das bestreiten wir nicht." Aber schmerzhaft sei es nicht, da in den Hämorrhoiden keine Nerven liegen. Die Behandlungs-Position ist laut Dorweiler von Arzt zu Arzt unterschiedlich. Die einen nehmen die Untersuchung in linker Seitenlage vor, er selbst bevorzugt die "Steinschnittlage" – wie auf dem Stuhl beim Gynäkologen. Frei machen muss man sich unten herum, oben darf man angekleidet bleiben.

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Wie sieht die Behandlung aus, wenn man frühzeitig zum Arzt geht?

Es gibt vier Stadien. Beim beginnenden Hämorrhoidal-Leiden wird die Stelle verödet, das nennt man auch Sklerosierung. Dabei wird eine dreiprozentige alkoholische Lösung in das Gewebe gespritzt, wodurch es straffer und stabiler wird. Die erkrankte Stelle schrumpft. Meist muss dieses "völlig schmerzfreie" Veröden zwei bis drei Mal wiederholt werden, nach einer Pause von vier bis sechs Monaten kontrolliert Dorweiler dann noch einmal die Entwicklung. Er sagt aber ganz klar: "Das macht nur Sinn, wenn der Patient in Zukunft versucht, seine Fehler zu vermeiden." Denn: "Sonst kommen die Beschwerden wieder."

Was passiert, wenn man zu lange zögert?

Je weiter das Leiden fortschreitet, desto näher rückt der letzte Ausweg OP. Für mittelschwere Beschwerden gibt es noch die sogenannte Gummiband-Ligatur. Sie funktioniert so: Ein Teil des Knotens wird abgebunden, dieser fällt nach etwa zehn Tagen ab und wird ausgeschieden. Allerdings ist das nicht ohne Risiko: Geht der Knoten zu früh weg, könne es zu starken Blutungen kommen. Eine Operation kommt für den Münchner Proktologen nur im höchsten, dem vierten Stadium, infrage. "Die Funktion der Hämorrhoiden ist sehr wichtig und damit auch deren längstmöglicher Erhalt." Eine OP kann so aussehen, dass der erkrankte Hämorrhoidal-Knoten herausgenommen wird.

Wie oft sollten Betroffene zur Vorsorge gehen?

"Ich empfehle eine regelmäßige Kontrolle. Mindestens zwei Mal im Jahr." Noch besser ist laut Elmar Dorweiler sogar drei Mal: "Dann hat man eine hohe Sicherheit."

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