AZ-Serie "Münchner Gschichten" Wie Fierek zum Film kam: Mit der Dogge im Commodore

Fescher Kerl mit einer Affinität zu Autos und Motorrädern: Wolfgang Fierek, aufgenommen 1979. Foto: imago

Folge 5 erzählt von Motorrad-Umbauten, einem unverhofften Engagement beim Film und Nächten mit Wolfgang Fierek.

 

Der Alte Wirt ist ein 500 Jahre altes Gasthaus im Dorfkern von Obermenzing. Der Alte Wirt war für uns Jungs damals so etwas wie unser selbsternanntes Jugendheim. Fast jeden Tag trafen wir uns im Hinterhof zwischen der noch älteren Dorfkirche und dem Fenzlbauern.

Wir hatten dort mit Erlaubnis der Wirtsleute, den Sterns und deren zwei Söhnen Hansi und Horsti, die unsere Kumpels waren, einen Raum unter dem alten Heustadl, den wir als Bumsburg nutzten, zu einer Bar umfunktioniert. Dort feierten wir mindestens einmal im Monat eine fette Party.

Neben unserer Bar, die wir liebevoll Drachenbar nannten, war eine schmuddelige Autowerkstatt und im Raum daneben der Saustall, in dem sich immer mindestens fünf bis zehn Säue tummelten.

Die Leberkässemmel kostete "a Margl" – aber nur manchmal

Hans und Sofie Stern, ein gutmütiges Metzger-Ehepaar, ließen uns dort gewähren und glücklich sein. Meistens gingen wir zuerst in die Küche zu Frau Stern, um uns eine Leberkässemmel zu kaufen. Oder einen Knödel mit Soße.

Frau Stern mit ihren gemütlichen Rundungen und ihren roten Backen schenkte sie uns fast immer. Nur ab und zu, der Form halber, verlangte sie dafür "a Margl" – eine Mark.

Herr Stern stand entweder hinter der Theke und zapfte Bier oder hockte mit denen, die immer da hockten, am Stammtisch, die Ruhe selbst.

Nur einmal in all den Jahren habe ich ihn wütend erlebt. Das war meine Schuld, denn ich hatte bei meiner 900er Kawa alle vier Auspufftöpfe mit der großen Flex abgeschnitten und sauber verchromte VW-Käfer-Auspuff-Endrohre angeschweißt. Jeder, der nachts hinter mir herfuhr, berichtete mir völlig begeistert, dass beim Gaswechsel in der Zündreihenfolge die Flammen herausschossen.

Außerdem war der Sound sensationell!

Total begeistert vom neuen Fahrgefühl auf meinem Hobel durften alle Kumpels mal eine Runde drehen.

Nachdem wir alle mit Vollgas aus dem Hof des Alten Wirts raus- und nach etwa fünf Minuten wieder reingebohrt waren, kam Herr Stern mit hochrotem Kopf und einem Eisenrohr, das gefährlich aussah, in der Hand aus dem Wirtshaus in den Hof gerannt und brüllte: "Ezz schleichts eich, es Hundsgrippeln, es elendigliche!"

Wir wussten, dass wir seine Gastfreundschaft überstrapaziert hatten, und trollten uns für diesen Tag.

Nach etwa einer Woche trauten wir uns wieder in den AW, wie wir ihn nannten, und alles war wieder gut.

Der älteste Gasthof im Münchner Westen: ein historisches Gemälde vom Alten Wirt.
Der älteste Gasthof im Münchner Westen: ein historisches Gemälde vom Alten Wirt. Foto: imago

Unsere Motorräder waren laut, drum bekamen wir den Job

Eines Tages, 1977, kam der Miller Andi, auch ein Allacher Spezi aus der Schulzeit, zu uns in die Drachenbar und suchte Komparsen für einen Film. Sie müssten alle Motorräder haben, möglichst groß und möglichst laut.

Da war er ja bei uns genau richtig.

Wir trommelten noch ein paar Pasinger zusammen und waren etwa zehn taugliche Komparsen. Unsere Motorräder waren alle viel zu laut, und so wurden wir engagiert.

Endlich fand's mal jemand toll, dass die Dinger so einen Krach machten.

Der Film sollte "Der ganz faire Prozess des Marcel G." heißen und spielte in München, Anfang der siebziger Jahre. Dass es damals unsere 900er Kawasakis noch gar nicht gab, schien niemanden zu interessieren. Hauptsache, sie waren schön laut.

Heraus kam ein halbdokumentarischer Film eines Münchner Rechtsanwalts, der zu beweisen versuchte, dass ein junger Kerl aufgrund der Voreingenommenheit des Gerichts wegen eines geringfügigen Delikts zu einer viel zu hohen Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Wir also waren die wilden Kumpels des Marcel G. und mussten an Originalschauplätzen mit den Motorrädern schön laut vor der Kamera hin und her und auf und ab fahren.

Super Job, wir bekamen das prima hin – und Geld gab's außerdem dafür.

All die Clubs, die ich vorher nur vom Hörensagen kannte

Bei der Gerichtsverhandlung waren wir natürlich auch mit im Gerichtssaal, mussten grimmig dreinschauen. Den Strafverteidiger spielte Lutz Libbertz, mein damaliger Nachbar in Obermenzing.

Dem konnte man aufgrund seiner lauten, markanten Stimme auch schon mal im Alten Wirt zuhören, wenn er im Biergarten saß und erzählte. Herr Libbertz war damals ein (noch nicht ganz so) bekannter Rechtsanwalt, der ein flammendes Plädoyer hielt.

Für die Filmausstattung war ein gewisser Wolfgang Fierek verantwortlich. Er und seine riesige schwarze Dogge fuhren immer im Opel Commodore vor, und ab und zu tauschten Wolfgang und ich fürs Wochenende die Fahrzeuge.

Er nahm mich mit in all die Münchner Clubs, die ich bisher nur vom Hörensagen oder überhaupt noch nicht kannte: ins "Sugar Shack" in der Herzogspitalstraße, wo mir der Sound am besten gefiel, ins "Big Apple" in der Leopoldstraße, dem späteren "Round up", wo mich die damalige Türsteherin nicht hineinlassen wollte und Wolfgang ihr daraufhin den Kopf zurechtrückte. Das saß. Danach gingen wir beide hinunter, an ihr vorbei und hinein, als wäre nichts gewesen. Ich war schwer beeindruckt.

Und wir gingen ins "Downtown" in der Dachauer Straße am Hauptbahnhof. Das war riesig, zweistöckig und auch ein umgebautes Kino. Sehr geil. Voll kultig, und der Türsteher machte auch keine Zicken. Drinnen roch es überall nach Gras.

Roter Samt und Tischtelefone – eine Flirt-Arena

Als wir drin waren, konnte ich mich erinnern, dass ich in meiner Lehrzeit mit 16 zur Weihnachtsfeier mit den Coop-Damen schon einmal dort gewesen war.

Damals war es allerdings noch eine superplüschige, in roten Samt getauchte Kontakt- und Flirt-Arena mit Tischtelefonen und hieß "Bel Ami".

Wolfgang und ich hatten viel Spaß in diesem tollen Sommer, und als er ein paar Monate später zusammen mit Cleo Kretschmer in dem Film "Idole" spielte, den Klaus Lemke 1978 mit den beiden drehte, wurde er ganz schnell bekannt, und ich war stolz auf ihn.

Als er dann, etwa zehn Jahre später "Resi, ich hol di mit mei'm Traktor ab" sang und damit auch noch Erfolg hatte, verlor ich langsam ein bisschen meinen jugendlichen Respekt vor ihm.

Wir trafen uns Jahre danach noch ein paar Mal zufällig auf diversen Harley-Treffen.


Der Autor

Der Autor: Auf dem linken Bild ist er 18: Ein kleines bisserl hat sich der Münchner Bernhard Linck, Jahrgang 1957, schon verändert, oder?

Auf dem linken Bild ist er 18: Ein kleines bisserl hat sich der Münchner Bernhard Linck, Jahrgang 1957, schon verändert, oder?

Lesen Sie hier Teil 1 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Erst ein Ohnmachts-, dann ein Tobsuchtsanfall

Lesen Sie hier Teil 2 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "Sie legten uns Achter an, dann ging's in die Löwengrube"

Lesen Sie hier Teil 3 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": Straßenschlägereien, Einzelhaft und ein Wahnsinnsgeschoss

Lesen Sie hier Teil 4 der AZ-Serie "Münchner Gschichten": "An Zwickl-Fünfer mit de kurzn Kartn"

 

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